DON'T TAP THE GLASS

DON'T TAP THE GLASS

Als Tyler, The Creator 2024 sein Album „CHROMAKOPIA“ veröffentlichte, lieferte der Rapper auch eine Erklärung für seine dreijährige Release-Pause: Er hatte versucht, sein Promi-Dasein und Privatleben in Einklang zu bringen. So sehnt er sich auf einigen der herausragendsten Songs von „CHROMAKOPIA“ nach Privatsphäre – etwa auf dem bissigen „Noid“. Jetzt hat er mit „DON’T TAP THE GLASS“ ohne große Vorankündigung das Nachfolgealbum veröffentlicht. Und das Bild von Tyler als schräg proportionierter 80er-Jahre-Rapper auf dem Cover spricht Bände. Der um einiges kürzere Nachfolger vermeidet bewusst den brutal ehrlichen Storytelling-Ansatz vom hochgelobten und erfolgreichen „CHROMAKOPIA“. Allein die roboterhaften Anweisungen zu Beginn des ersten Tracks machen deutlich: Tyler hat gar keine Lust, noch mal einen Seelenstriptease für seine Fans hinzulegen. Stattdessen gibt es auf „DON’T TAP THE GLASS“ mehr Tanzbarkeit und weniger Tiefgang. Und wie wir es bereits von fiktiven Alter Egos wie Wolf Haley und IGOR kennen, schlüpft der Rapper diesmal in die Rolle des „Big Poe“. Er verkörpert diesen Hedonisten mit einer Flut an nicht ganz ernst gemeinten Obszönitäten, getragen von Synth-Rock-Beats, die auch N.E.R.D. super gestanden hätten. Später gibt es beim basslastigen „Stop Playing With Me“ einen ähnlichen thematischen und klanglichen Vibe: unterschwellig bedrohlich, aber trotzdem unglaublich catchy. In gewisser Weise bezieht sich „DON’T TAP THE GLASS“ auf den „Party and Bullshit“-Ethos von The Notorious B.I.G. – denn die Musik erinnert an den Funk- und Dance-Stil, den Biggie Smalls in den 80ern und Anfang der 90er gefeiert hätte. Von den Electro-Sounds bei „Sugar on My Tongue“ zum Retro-R&B-Boogie von „Ring Ring Ring“ und „Sucka Free“, die Verweise auf verschiedene Genres bieten Tyler die perfekte Bühne, um sich auszutoben. Seine oft schneidende Stimme nimmt auf „Don’t You Worry Baby“ dann kurzzeitig sanfte Züge an, wenn seine zurückhaltenden Vocals von schwebenden Sounds getragen werden. Und selbst wenn der Rapper eine kurze Pause von der Party braucht, wie bei dem ruhigeren „I'll Take Care of You“, verfliegt die ausgelassene Stimmung des Albums nie ganz. Klar, man könnte „DON’T TAP THE GLASS“ irgendwie als Flucht vor der Realität betrachten. Aber zumindest macht diese Flucht verdammt viel Spaß.

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