Marrow Deep

Marrow Deep

Wie so viele Mastodon-Alben ist auch „Marrow Deep“ aus Schmerz entstanden. Und daraus wurde Stärke. Oder wie Schlagzeuger und Sänger Brann Dailor gegenüber Apple Music sagt: „Wieder einmal kam eine Reihe unglücklicher Ereignisse dazwischen, sodass wir kein Partyalbum machen konnten.“ Anfang 2025 starb Dailors Mutter. Im August desselben Jahres kam der ehemalige Mastodon-Gitarrist Brent Hinds bei einem Motorradunfall ums Leben. Sänger Dailor, Bassist Troy Sanders und Gitarrist Bill Kelliher hatten kurz zuvor die schwere Entscheidung getroffen, Hinds aus der Band zu werfen. Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, verlor Sanders Ende 2024 sein Haus in Florida durch Hurrikan Helene. All diese Trauer und Verzweiflung sind in „Marrow Deep“ eingeflossen und prägen das Album. Es ist das erste Werk der Band ohne Hinds – und ihr erstes mit dem neuen Gitarristen Nick Johnston und Keyboarder João Nogueira. „Ich glaube, es hat uns gutgetan, gemeinsam einige komplizierte Emotionen zu verarbeiten“, erzählt Dailor. „Wir haben uns die ganze Zeit gegenseitig Halt gegeben. Mastodon hat uns wieder einmal geholfen, durch schwierige Zeiten zu kommen. Wir sind direkt in diesen Sturm rein und haben uns ihm gestellt.“ Die Singles „Your Ghost Again“ und „Snakes for Dinner“ sind Hommagen an Dailors Mutter und Hinds. Sie würdigen den großen Einfluss, den Menschen, die uns nahestehen, auf unseren Alltag haben können. So singt Dailor im letztgenannten Song auch: „When you left, you took our hearts and minds/When you left, you took the moon and stars.“ („Als du gingst, nahmst du unsere Herzen und unseren Verstand / Als du gingst, nahmst du den Mond und die Sterne.“) Mit genau diesem Gefühl haben sich Fans der Band weltweit verstanden gefühlt. „Ich verbinde mit dem Gefühl den Moment, wenn die Welt zusammenbricht, oder den Tag, nachdem man die schreckliche Nachricht erhalten hat“, sagt Dailor. „Man hat das Gefühl, dass mit ihnen auch alles Gute verschwunden ist, weil man sich einfach beschissen fühlt. Ich fand, das war eine gute Art, dieses Gefühl zu beschreiben. Ich bin auch nur ein Mensch. Also ist es logisch, dass es auch bei anderen Menschen ankommt.“ Josh Homme von Queens of the Stone Age ist auf dem Song als Gast zu hören – zum ersten Mal seit 20 Jahren. Denn 2006 war er bereits auf Mastodons Album „Blood Mountain“ dabei. Und auch sonst mangelt es bei „Marrow Deep“ nicht an prominenten Gastmusiker:innen. Der Opener „Barbarians Blood“ enthält Percussion-Beiträge vom Converge-Schlagzeuger Ben Koller. Lamb-of‑God-Sänger Randy Blythe und Converge-Bassist Nate Newton sorgen für die Gang-Vocals bei „A Vampire’s Demeanor“. Neil Fallon von Clutch leiht beim Abschlusssong „The Three Fates“ seine Stimme. Joe Duplantier von Gojira ist auf „The Vanishing“ zu hören, das auch ein Bass-Intro von keinem Geringeren als der Black‑Sabbath-Legende Geezer Butler enthält. „Ihn bei ‚The Vanishing‘ dabei zu haben, ist etwas ganz Besonderes“, sagt Dailor. „Denn in den Lyrics geht es um meine Mutter, und Geezer war ihr Lieblingsmitglied von Black Sabbath.“ „In the Ruins“ entstand aus einem Gitarrenriff, das Kelliher seit Mastodons „Leviathan"-Tour im Jahr 2004 im Hinterkopf abgespeichert hatte. Beinahe hätte es der Song trotzdem nicht aufs Album geschafft. Dann nahm Sanders seinen Gesang dafür auf. „Ich habe gemerkt, dass es in dem Song um Troys Verzweiflung ging, über die er bislang mit niemandem gesprochen hatte“, sagt Dailor. „Wir hatten mit so vielen anderen schweren Dingen zu kämpfen, dass das, was ihm widerfahren war, leider erstmal in den Hintergrund gerückt ist.“ Letztendlich ist „Marrow Deep“ ein Zeugnis für Mastodons Durchhaltevermögen. Gleichzeitig markiert das Album den Beginn einer neuen Ära für die Band – sowohl musikalisch als auch auf ihrem Weg, das Erlebte zu verarbeiten. So sagt Dailor auch: „Hoffentlich finden unsere Fans und vielleicht auch neue Fans auf dem Album etwas, das ihnen Trost spendet.“