Reality Awaits

Reality Awaits

Zu Beginn der 2020er-Jahre, als der 20-jährige Nostalgiezyklus auch The Strokes einholte, hatten ihre neuen jungen Fans nicht nur die essenziellen ersten beiden Alben der Band zum Anhören, sondern auch das kurz zuvor erschienene „The New Abnormal“ – ein Grammy-prämiertes Album, produziert von Rick Rubin. In den Jahren danach ist die Popularität der Strokes nur noch weiter gewachsen: 2026 spielten sie beim Coachella-Festival sogar direkt vor Justin Bieber auf der Main Stage. Auf „Reality Awaits“, einer weiteren Zusammenarbeit mit Rubin, kehrt die Band nun zu ihrer Vorliebe aus der mittleren Phase ihrer Karriere zurück: Erwartungen auf den Kopf zu stellen und den kreativen Impulsen von Bandleader Julian Casablancas freien Lauf zu lassen. Casablancas hatte schon immer eine Vorliebe für Stimmeffekte. Hier geht er aufs Ganze: Auf mehreren Songs setzt er Auto-Tune als bewusstes Stilmittel ein. Außerdem improvisiert er einige Male mit einem übertriebenen englischen Akzent und wiederholt auf „The Fruits of Conquest“ immer wieder die Zeile „I’m a leech“ („Ich bin ein Schmarotzer“). Der vielschichtige Abschluss „Tyrants of the Mellow Moon“ vereint schließlich unter anderem Radiohead-Anklänge, ein kurzes Gitarrensolo im Stil der 1980er-Jahre und ein gesprochenes Outro, das an Jim Morrison erinnert. Textlich beschäftigt sich Casablancas mit der Frage, wie die Strokes mit ihrer wiedergewonnenen Bedeutung umgehen sollen – im Bewusstsein, dass jedes Denkmal, das sie erschaffen, irgendwann in Vergessenheit geraten könnte. Auf der ersten Single des Albums, „Going Shopping“, singt er auch: „I’ve been thinking about what I wanna say/But I’m an old man, at least that’s what they tell me anyway.” („Ich habe darüber nachgedacht, was ich sagen möchte / Aber ich bin ein alter Mann, zumindest sagen sie das über mich.“) Die Zeit wird es zeigen.