Underwater (Video Edition)

Underwater (Video Edition)

„Underwater“ ist Ludovico Einaudis erstes eigenständiges Soloprojekt seit knapp zwei Jahrzehnten. Dabei war das Album nicht einmal geplant: Es entstand nach und nach während des Lockdowns 2020. „Ich wollte einfach jeden Tag Klavier spielen und neue Ideen ausprobieren“, sagt Einaudi gegenüber Apple Music. Diese Ideen seien ihm spontan gekommen und fühlten sich „fast wie eine Eingebung, ohne eigenes Zutun“ an. In den Monaten dieses musikalischen Ausprobierens bemerkte Einaudi, dass ihm alle vier oder fünf Tage Melodien oder Hooks einfielen, die die ersten Fragmente eines späteren Tracks sein könnten. Dabei sei ihm die ganze Zeit der Gedanke im Kopf herumgeschwirrt, dass wir alle während des Lockdowns das Leben in einer anderen Dimension erleben. „Wenn man unter Wasser ist, wenn man unter der Oberfläche schwimmt, dann herrscht eine andere Stille“, sagt er. „Jedes Geräusch hört sich anders an. Und man nimmt alles ganz anders wahr.“
„Underwater“ ist ein ruhiges Album: von der Sanftmütigkeit des Openers „Luminous“ über das schlichte, melodische „Temple White“ bis hin zu den beruhigenden Klängen von „Indian Yellow“. „Ich fand es herrlich, dass diese Musik in einer anderen, stilleren Welt entstanden ist“, sagt Einaudi. „Normalerweise hat man ja nie Zeit dafür, seinen Geist, seinen Körper und sein Leben richtig durchatmen zu lassen. Während des Lockdowns hatte ich viel Raum zum Experimentieren und Ausprobieren – ganz ohne Eile.“ Ein Großteil der ätherischen Atmosphäre des Albums stammt von jenem gedämpften Effekt, den Einaudi auf seinem Steinway erzeugte: Damit die Saiten des Konzertflügels einen weicheren Ton abgeben, kleidete er jeden der Hämmer mit einer zusätzlichen Filzschicht aus. Und im Gegensatz zur epischen, sechsstündigen Albumreihe „Seven Days Walking“ aus dem Jahr 2019 wollte der Musiker hier bewusst ein kürzeres, prägnanteres Erlebnis kreieren. „Am Anfang sah ich keine Möglichkeit, bei zwölf Tracks zu bleiben, am liebsten hätte ich 30 Stücke aufgenommen“, gibt er zu. „Aber letztendlich wollte ich alles auf weniger als eine Stunde eindampfen – das ist ungefähr so, als würde man ein Buch schreiben und sich dabei auf 250 Seiten beschränken.“ In den kommenden Zeilen führt uns Einaudi Track für Track durch „Underwater“.

„Luminous“
Dieses Stück ist für mich sehr lyrisch – es fühlt sich wirklich wie ein Lied an. Was ich besonders daran mag, ist, dass es Stimmungen von Songs aus den 60er-Jahren in sich trägt. Das Gleichgewicht zwischen Dur- und Moll-Tonarten erzeugt dieses melancholische Gefühl, das immer Teil meiner DNA ist. Es hat eine ähnliche Stimmung wie ein anderes Stück auf dem Album, „Natural Light“. Tatsächlich wird das Trio „Luminous“, „Natural Light“ und „Indian Yellow“ vom Thema Licht angetrieben. Das ist eine Verbindung zu meiner Leidenschaft für analoge Fotografie.

„Rolling Like a Ball“
Dieser Song wäre auch ein sehr schönes Gitarrenstück. Er hat alle Qualitäten einer Ballade. Am Ende hatte ich mehrere Versionen davon und wusste nicht, wie ich sie alle zusammenfügen sollte. Letztendlich habe ich mich für nur zwei Versionen entschieden. Der erste Teil entstand an einem Tag, die weichere und lyrischere Coda komponierte ich getrennt. Der Titel lässt sich ganz einfach erklären: Die Musik ist wie ein Ball auf mich zugerollt.

„Indian Yellow“
„Indian Yellow“ ist eine Variation der Harmonien von „Natural Light“. Aber natürlich hat es einen anderen Charakter. Es erzählt zwar die gleiche Geschichte, aber auf eine andere Art.

„Flora“
„Flora“ hat einen Choralanfang – eine Einleitung, die an Johann Sebastian Bach erinnert und eine Hommage an meine Musik-Studienzeit ist. Gleichzeitig habe ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken gemacht: Die Musik kam ganz natürlich zu mir. Nach der Einleitung fügte ich einen zweiten Teil hinzu. Er enthält eine wiederholte Akkordfolge, die allmählich lauter und schneller wird.

„Natural Light“
Das hier ist der Abschluss der „Light“-Trilogie. Es ist in Liedform angelegt und eines meiner Lieblingsstücke des Albums, deshalb habe ich auch viel Zeit damit verbracht. Ich hatte während des gesamten Prozesses verschiedene Versionen aufgenommen und wollte sie am liebsten alle einbeziehen – jedes Mal, wenn ich daran gearbeitet habe, fiel mir etwas Neues ein! Also hörte ich es immer wieder an, um zu sehen, ob der endgültigen Version doch noch etwas fehlt.

„Almost June“
Dieser Song ist ein sehr einfaches Stück – und ich liebe die Schönheit dieser Einfachheit. Es ist fast wie ein Kinderlied, das man den Kleinen vorsingen kann.

„Swordfish“
Meine Liebe zum französischen impressionistischen Komponisten Claude Debussy hat diesen Song beeinflusst – er trägt einige der gleichen pianistischen Stile in sich. Der Anfangsteil ist ein bisschen wie Musik aus einer alten Legende. Die zweite Hälfte erinnert dann an Debussy – für mich hat es Ähnlichkeit mit dem ersten Stück, „Doctor Gradus ad Parnassum“ aus seiner Suite „Children’s Corner“.

„Wind Song“
„Wind Song“ ist wie ein Walzer mit einem sehr melancholischen Charakter. Es versprüht diese Art Wintergefühl: jene Stimmung von stürmischen Tagen, als würde der Wind all die schlechten Dinge der Vergangenheit forttragen und die Luft für die Zukunft reinigen.

„Atoms“
Ich finde es sehr atmosphärisch: Da es stark auf Harmonien basiert, hat das Stück fast keine Melodie. Gleichzeitig kommen in diesen Harmonien wiederum einige versteckte kleine Melodien zum Vorschein. Ich mag es, denn obwohl es als abstraktes Stück angesehen werden könnte, brodelt da gleichzeitig eine Art Feuer im Inneren, das deine Aufmerksamkeit anzieht und die Musik lebendig hält. Dadurch wird es eigentlich nie zu einem abstrakten, unpersönlichen Stück.

„Temple White“
Es ist eines der letzten Stücke, die ich für das Album komponiert habe. Im Stil von anderen meiner Songs wie „Nuvole Bianche“ [aus dem 2004er Album „Una Mattina“] ist es sehr schlicht und auch in derselben Tonart f-Moll. „Temple White“ ist einer der Tracks, die mir während meines monatelangen Experimentierens einfach so in den Kopf kamen. Ich habe diese melodische Linie entdeckt und sie dann zu jenem Track weiterentwickelt, der jetzt auf dem Album zu hören ist.

„Nobody Knows“
Dieser Song schwelgt in der Aura der späten 60er-Jahre. Ich habe mir vor Kurzem den Dokumentarfilm „The Beatles: Get Back“ angesehen und war begeistert – er ist wunderschön und außergewöhnlich. Ich fühle mich wirklich mit ihrer Musik verbunden. Meiner Meinung nach gelang es den Beatles – ähnlich wie seinerzeit Bach –, die verschiedenen Farben und Musikstile ihrer Zeit in einem Moment zusammenzufassen. Und genauso, wie ich viel über die Musik von Bach nachdenke, denke ich auch über die Musik der Beatles nach.

„Underwater“
Dieser Track ist wie ein Choral oder eine Hymne. Er wurde zum Titeltrack des Albums, weil er besonders herausragte. Das Stück hat mir klar gemacht, dass ich eine Farbe für das Album gefunden hatte, einen Ton, auf den ich alles aufbauen wollte. „Underwater“ ist wie die Erfahrung, dass sich die Welt verlangsamt und dass wir plötzlich anders atmen. Es ist ein Gefühl, das wir alle während der Pandemie erlebt haben.