Lamb of God

Lamb of God

„This is the new abnormal (Das ist die neue Abnormalität)!“, schreit Lamb of God-Sänger Randy Blythe in „Reality Bath“, einem besonders wilden Track auf dem lang erwarteten Nachfolger von „VII: Sturm und Drang“ (2015). Diese Stimmung passt hervorragend zu dem ersten Album, das die Metalband aus Virginia ohne ihren Mitbegründer und ehemaligen Drummer Chris Adler aufgenommen hat, der 2019 ausgestiegen ist. Angetrieben von den Schlagzeugkünsten ihres Neuzugangs Arturo Cruz (Prong / Winds of Plague), stellt die Band in Tracks wie „Memento Mori“, „Checkmate“ und „New Colossal Hate“ ihre Groove-Metal-Expertise unter Beweis. „Art gibt uns mehr jugendliche Energie, etwas, das wir alten Säcke gut gebrauchen können. Denn ich gehe auf die 50 zu und fühle mich manchmal in meiner griesgrämigen Art gefangen“, erklärt Blythe gegenüber Apple Music. „Gleichzeitig hat sich aber absolut nichts daran geändert, wie wir Songs schreiben. Dieselben Typen, die schon immer die Musik geschrieben haben, haben sie auch dieses Mal wieder geschrieben. In diesem Sinn ist also alles beim Alten geblieben.“ In den Texten des neuen Albums „Lamb of God“ spart Blythe nicht mit sozialpolitischen Kommentaren. Er holt sich dafür sogar Unterstützung von Jamey Jasta, dem Sänger von Hatebreed, und Chuck Billy von Testament – für die Songs „Poison Dream“ bzw. „Routes“. „Beim Schreiben dieses Albums dachte ich über das Chaos nach, in dem wir leben“, erzählt Blythe. „Die Informationsüberflutung und die stumpfe Gier nach Reichtum und materiellen Dingen als Statussymbolen haben die völlig verkehrte Annahme hervorgebracht, dass der Besitz dieser Dinge dir inneren Frieden, Wohlbefinden oder Glück bringen könnte – und das ist einfach Bullshit.“ Im Anschluss spricht er über einige der wichtigsten Tracks des Albums.

Memento Mori
„Diesen Song habe ich geschrieben, um mich selbst daran zu erinnern, mich nicht in den verrückten digitalen Sumpf aus voreingenommenen Nachrichten und sozialen Medien hineinziehen zu lassen und jeden Tag einfach so gut zu nutzen, wie es geht. Denn wenn ich eines Tages auf dem Sterbebett liege und es gibt noch etwas, das ich bereue oder etwas, das ich hätte tun wollen, zu dem ich aber nicht gekommen bin, dann will ich nicht sagen müssen: ‚Gott, hätte ich nur nicht so viel Zeit auf Twitter verbracht. Das ist scheiße. Ich hätte nach Afrika gehen können oder in den Dschungel. Ich hätte ein weiteres Buch schreiben können oder sowas. Aber nein, stattdessen habe ich acht Stunden am Tag auf Twitter verbracht.‘ Was ich übrigens nicht mache.“

Checkmate
„Hier geht es um unser suboptimales politisches System. Das Zweiparteiensystem ist einfach ein Albtraum, besonders in Anbetracht der Gespaltenheit, nicht nur seit heute, sondern schon seit Jahren. Und es geht nicht nur darum, wer im Oval Office sitzt, sondern auch darum, wer im Kongress sitzt, was mir echt auf den Sack geht. Wenn der Kongress es mal schafft, sich auf irgendetwas zu einigen, wie beispielsweise auf ein Entlastungspaket, das Leuten helfen soll, die gerade wirtschaftlich unter dieser Pandemie leiden, erzählen die Nachrichten, was für einen riesigen Erfolg diese parteiübergreifende Einigung darstellt – dass sich zwei Parteien zum Wohl des amerikanischen Volkes auf etwas einigen konnten. Das sollte doch kein besonderes Vorkommnis sein oder gar ein Grund zum Feiern. Aber heute wird das so behandelt, weil jeder alles politisieren muss. In dem Text geht es also darum, wie sehr sich Leute heutzutage hinter ihren Ideologien verschanzen, auf der einen wie auf der anderen Seite, aber das Leben ist nicht einfach nur Schwarz und Weiß. Es gibt Grautöne.“

Poison Dream (feat. Jamey Jasta)
„Ich habe mir neulich ein paar Sachen über Wasserverschmutzung angesehen und mir ist klar geworden, dass jeder Ort, an dem ich gelebt habe, schrecklich verschmutztes Trinkwasser hatte. Überall ist Wasser überlebensnotwendig, aber Leute vergiften es einfach für ihren Profit. Und diese Firmen dürfen das, weil sie so viel Geld verdienen. Es ist ja nicht so, dass das Umweltministerium das nicht mitbekäme – einige dieser Firmen haben einfach genug Geld, um jede Strafe zu bezahlen. Das ist jedenfalls meine Perspektive bei diesem Song. In der Gegend, in der Jamey wohnt, gibt es eine Fabrik, die einfach ihr ganzes Abwasser in die umliegenden Gewässer verklappt. Darüber haben wir gesprochen und ich wollte ihn schon seit langem auf einem Lamb of God-Album dabei haben. Er ist ein sehr guter Freund der Band und ich liebe ihn einfach als Person. Ich dachte, er wäre der perfekte Kandidat für diesen Song, und glücklicherweise hat er zugesagt.“

Routes (feat. Chuck Billy)
„Während der NODAPL-Bewegung [gegen den Bau der Dakota Access Pipeline] war ich in Standing Rock, North Dakota, auf dem Gebiet des Standing Rock Sioux-Reservats. Am Anfang gab es ein paar Frauen mit ihren Kindern, die versuchten, ihre Trinkwasserquelle zu verteidigen, und dann gesellten sich Mitglieder von anderen Indigenen Völkern dazu. Ich fuhr dorthin, um sie zu unterstützen und ihnen Vorräte zu bringen. Ich war etwa eine Woche da draußen und das war eine sehr tiefgreifende Erfahrung – wegen der Art, wie diese Menschen behandelt wurden, sowohl von der Regierung als auch von den privaten Sicherheitsfirmen, die angeheuert wurden, um die Interessen dieses verdammten Ölkonzerns zu schützen. Wäre das in einem Vorort oder einer Stadt passiert, die nicht mitten im Nirgendwo in North Dakota auf Native-American-Land liegt, hätte es enorme Proteste gegeben. Selbstverständlich wollte ich einen Song über meine Erlebnisse dort schreiben, aber weil es sich um eine von Indigenen Völkern geführte Bewegung handelt, fand ich es extrem wichtig, auch eine indigene Stimme zu Wort kommen zu lassen. Chuck Billy ist Mitglied des Pomo-Stammes und ein enger Freund von mir. Wir hatten schon vorher über die Situation gesprochen, also habe ich ihn kontaktiert – und er hat zugesagt. Der Song ist wirklich gut geworden, ich widme ihn den Natives.“