PIXIE

PIXIE

„Ich liebe den Horror an der ganzen Sache“: Auf ihrem Debütalbum rechnet die Singer-Songwriterin mit ihren „fiesen“ Ex-Beziehungen ab. „Auf meinem Handgelenk sind die Worte ‚Be Honest‘ tätowiert“, erzählt Olivia O’Brien gegenüber Apple Music. „Ehrlichkeit währt am längsten – der Spruch wird nie alt und gilt einfach immer.“ Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch „PIXIE“, das Debütalbum der Singer-Songwriterin: Die Wahrheit übertrifft jede Fiktion, und ihre romantischen Erfahrungen haben einige unglaubliche Geschichten hervorgebracht, obwohl sie manchmal schmerzhaft waren. „PIXIE“ zeichnet mehrere Porträts, die von Menschen aus O’Briens Leben inspiriert sind: Freund:innen, Liebhaber:innen, Ex‑Partner:innen, „Superschurk:innen“, die sie am liebsten niemals kennengelernt hätte, und mehr. Die Musikerin konfrontiert im spärlich instrumentierten, aber intensiven „Goodman“ Missbrauchstäter:innen und hält in „Girl, Just Be Alone!“ den Freund:innen, die nicht von toxischen Partner:innen loskommen, liebevoll den Spiegel vor. Am selbstsichersten wirkt sie aber, wenn sie ein wenig locker lässt – etwa im verspielten „I’m Perfect“ oder in „Quarter Century Blues“, das in die Ängste des Erwachsenseins eintaucht. „Ohne all die falschen Abzweigungen, ohne all die Entscheidungen und ohne all die Dinge, die ausserhalb meiner Kontrolle lagen, hätte ich dieses Album nicht gemacht“, erklärt sie. Im Folgenden erzählt uns O’Brien die Geschichte hinter jedem Track von „PIXIE“. „Dream Girl“ Der Song handelt von einem Typen, mit dem ich viel zu lange in so einer seltsamen Nicht‑Beziehung steckte. Am Anfang fühlte ich mich nicht einmal zu ihm hingezogen. Ich mochte ihn, weil er so besessen von mir war, weil es sich gut anfühlte und weil wir viel gemeinsam hatten. Dann wurde er einfach fies, als er realisierte, dass ich ein Mensch mit Gefühlen und Emotionen bin – und nicht die Person, die er im Kopf erschaffen und aus irgendeinem Grund idealisiert hatte. Sobald ich für ihn real wurde, war es schrecklich. Als hätte ich es ein Jahr lang mit einem Monster zu tun. Und klar, sobald dir jemand etwas hinhält und es dann wieder wegzieht, willst du es umso mehr. „Icarus“ Ich war als Kind total begeistert von der griechischen Mythologie. Und ich finde, die Geschichte von Ikarus ist eine tolle Metapher für mein Leben. Wenn dir gesagt wird, dass du etwas nicht kannst, willst du es erst recht. Das kann man als Risiko interpretieren oder als Moment, in dem das Ego überhandnimmt und man etwas Schlechtes tut, weil man denkt, man ist unbesiegbar – obwohl man es bestimmt nicht ist. Ganz egal, es ist einfach eine grossartige Geschichte. „I Always Say I’m Leaving“ Ich wollte etwas machen, das wie MGMT und M83 klingt, also die Musik, die ich in meiner Highschool-Zeit beim Rumfahren mit meinen Freund:innen gehört habe. Die Ad‑libs einzusingen, hat total Spass gemacht. Der Song handelt zu 100 % vom selben Typen wie „Dream Girl“. „Guest“ Eigentlich war es weniger eine Nicht‑Beziehung als eine sehr kurze Affäre, aber ich hatte einfach das Gefühl: Verdammt, er ist nicht über seine Ex hinweg, und ich nehme nur ihren Platz in seinem Bett ein. Im Grunde weiss ich, dass ich kein Beziehungsmensch bin. Ich frage mich jedes Mal nach einer Beziehung, warum ich das getan habe. Ich glaube, mit mir stimmt irgendwas nicht, weil ich einfach die Sehnsucht liebe. Ich liebe den Horror an der ganzen Sache. Deswegen bin ich vielleicht auch Künstlerin. „The Masochist“ Es gibt so viele Momente, in denen ich denke: Verdammt, diese Person glaubt, sie hätte mir das Herz gebrochen und ich sei todtraurig, dabei hat mir das alles ein ganzes Album voller Songs eingebracht. Ich sitze nicht herum und weine wegen der Person. Ich schreibe echt gutes Zeug. Wenn mir jemand das Herz bricht, gehe ich wieder mit meinen Freund:innen aus, hab viel Spass und mach süsse Selfies. Also, falls ihr Loser:innen denkt, ihr hättet mich verletzt, solltet ihr beleidigt sein, weil ich euch überhaupt mochte. Denn ich stehe auf schreckliche Superschurk:innen. „Take What You Need“ Ich hatte schon immer das Gefühl, zu nachgiebig zu sein – was viele überraschen würde, weil ich nach aussen wie eine starke Persönlichkeit wirke. Aber stell mich in einen Raum, und ich passe mich wie ein Chamäleon an. Ich verhalte mich entsprechend, um nicht anzuecken. Ich glaube, das kommt daher, dass ich als Kind gemobbt wurde, unsicher war und immer dazugehören wollte. Über die guten Dinge, die mir passieren, rede ich nicht, weil ich dir nicht das Gefühl geben will, nicht gut genug zu sein. „Written by a Man“ Als „Dream Girl“ und „Written by a Man“ fertig waren, fragte ich mich, warum das buchstäblich wie ein Album von einem Manic Pixie Dream Girl ist. Als würde sie ihre eigene Geschichte erzählen: „Hey, ich bin eigentlich kein eindimensionaler Charakter. So habe ich mich die ganze Zeit gefühlt, während ihr euch alle auf diesen männlichen Protagonisten konzentriert habt, für den ich geschrieben wurde, um seine Geschichte voranzutreiben und dann zu verschwinden.“ „Goodman“ Es geht um jede erdenkliche Form von Missbrauch – emotionalen Missbrauch, Machtmissbrauch, körperliche Gewalt, einfach all das, was Frauen durchmachen und was heruntergespielt wird. Uns wird gesagt, wir dürften nicht darüber sprechen: „Oh, du wirst sein Leben ruinieren.“ Ich wollte alle Formen davon thematisieren. Ich wünsche mir so sehr, dass der Song in einem Thriller mit einer weiblichen Hauptfigur landet, die ihren Mann umbringt, weil er sie misshandelt hat oder so. Ein sehr, sehr düsterer feministischer Thriller, das ist mein Traum für diesen Song. „Quarter Century Blues“ Ich hatte schon immer grosse Angst davor, älter zu werden, weil ich 16 war, als ich meinen Durchbruch hatte. Ich betrat ein Zimmer und alle meinten: „Du bist so jung. Du bist die jüngste Person, die ich je getroffen habe. Wie bist du in diesen Club gekommen?“ Und dann wirst du 21, und die Leute sagen immer noch: „Du bist jung, sehr jung.“ Du bist zwar noch ein Baby, aber es ist nicht mehr dasselbe. Und dann wirst du 25, und alle sagen: „Du bist in einem normalen Alter. Du gehörst hierher. Du bist erwachsen.“ Ich dachte, mit 25 würde ich etwas ganz anderes machen als das, was ich jetzt tue. Ich dachte, ich hätte bis dahin vielleicht ernstere oder bessere Beziehungen gehabt. So vieles ist anders gelaufen, als ich gedacht hatte. Das ist beängstigend. Aber auch okay. „Girl, Just Be Alone!“ Zwei meiner engen Freundinnen waren ständig in Beziehungen. Jedes Mal, wenn ich mit ihnen sprach, drehte sich alles nur darum. Eine Freundin fing an, zu Treffen für sex- und liebessüchtige Menschen zu gehen. Sex war ihr aber egal, sie konnte nur überhaupt nicht ohne Liebe. Sie brauchte immer jemanden, in den sie heftig verknallt war. Wenn sie niemanden zum Schreiben, Anrufen oder Reden hatte, rief sie mich an und sagte: „Ich werde allein sterben.“ Ich habe diesen Song für sie und meine andere Freundin geschrieben. Es ist okay! Dieses Gefühl verschwindet, wenn du es zulässt, allein zu sein! Wir haben Spass. Ich kann alle deine Probleme lösen, wenn du nur aufhörst, mit diesem Mann zu reden. „I Would Call But I Don’t Hate Myself Anymore“ Es ist lustig, dass wir einen Popsong im Stil von Robyn gemacht haben, denn ursprünglich haben wir ihn zu einem Gitarrenpart geschrieben. Der Song macht so viel Spass und ist herrlich albern. „Ich würde dich anrufen, aber ich esse lieber Glas, ich lerne lieber Mathe, ich glaube, ich lass es“: So was Verspieltes sagen zu können, finde ich super. „I’m Perfect“ Ich komme aus der Bay Area, und in meiner Kindheit habe ich nur Rap aus der Bay Area und Kehlani gehört. Ich weiss, ich bin keine Rapperin. Ich habe auch nicht vor, in nächster Zeit eine zu werden. Aber ich liebe Rap von Frauen, weil er so kompromisslos ist: „Ich bin heiss, ich bin sexy, ich bin perfekt. Ich bin wunderschön. Ich habe einen tollen Körper. Meine Outfits sind grossartig. Alle Typen wollen mich, und meine besten Freundinnen sind heiss.“ Sie können einfach sagen, was sie wollen, und es macht so viel Spass und fühlt sich so frei an. Ich wusste, dass ich keinen kompletten Rapsong machen kann. Das würde bei mir absolut keinen Sinn ergeben. Aber was ist dann meine Version davon? Ich kann all diese positiven Dinge über mich sagen. Ich kann mich selbst hypen und bekräftigen – und das auf eine Art, die mir gefällt und sich nach mir anfühlt. „I Can Do Whatever I Want“ Das ist keine gewöhnliche Single-Hymne, sondern feiert die Trennung als Sprungbrett ins Glück. Es ist definitiv kein R&B-Song, erinnert aber an einige Tracks, die ich früher gemacht habe, als ich nur R&B gehört habe. Irgendwie ist der Song das Schwesterstück zu „Girl, Just Be Alone!“, weil ich das Leben in einer Junggesellinnenbude feiere und tun kann, was ich will. Denn bei mir ist kein Mann im Haus. Ich muss niemandem hinterherräumen. Ich kann die Wohnung mit verrücktem Zeug dekorieren. Ich kann nackt herumlaufen und Beyoncé singen. Ich singe Beyoncé nicht besonders gut, weil ich nicht ihren Stimmumfang habe, aber wen kümmert es? Es ist ja niemand da, der es hört. „Imaginary“ Dieses Lied dreht sich nicht nur darum, jemanden zu idealisieren und sich in die Idee zu verlieben, wer diese Person in deinen Augen ist. Nein, es geht auch darum, dass ich mit Schauspieler:innen, YouTuber:innen oder Leuten ausgehe, die eine Rolle spielen. Dann verliebe ich mich genau in diese Rolle, nur um festzustellen, dass es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ich glaube, das ist ein ähnliches Phänomen wie sich in die Vorstellung von jemandem zu verlieben. Denn anfangs zeigen sich viele als die bestmögliche Version ihrer selbst. Das ist gewissermassen eine Rolle, die sie spielen. „Heaven“ Ich hatte schon immer grosse Angst vor dem Tod und davor, dass meine liebsten Menschen sterben. Ich weine, wenn ich ein Video über eine fremde Person sehe, die gestorben ist. Das trifft mich einfach sehr. Ich war mal mit einem Typen zusammen, der einen Zwillingsbruder hatte. Eines nachts führten wir ein tiefgründiges Gespräch, in dem sein Bruder fragte: „Würdest du lieber sterben und nichts passiert, oder würdest du lieber für immer weiterleben?“ Ich antwortete: „Keins von beidem. Ich glaube nicht, dass ich sterben will, aber ich will auch nicht für immer leben, weil ich nicht alle, die ich kenne, überleben und ihnen beim Sterben zusehen will. Die Schönheit des Lebens geht verloren, wenn man ewig lebt. Dann verliert alles seinen Sinn.“ Und er meinte: „Das sind deine einzigen zwei Optionen.“ Danach hatte ich lange Zeit Panikattacken, aber später wurde es Stoff fürs Songwriting.