Mud

Mud

Als Remi Wolf sich daran machte, ihr drittes Album „Mud“ aufzunehmen, war sie psychisch nicht in bester Verfassung. Sie erholte sich gerade von einer schmerzhaften Trennung und kämpfte zudem mit Alkoholproblemen. Die ersten Zeilen des geschmeidig ins Ohr gehenden Openers „Bottle“ lauten da passenderweise: „Circling the drain/Mercy morning rain/A penny in the parking lot/Pretend it’s lucky, but I know it’s not.“ („Ich bin am Abgrund / Gnädiger Morgenregen / Ein Penny auf dem Parkplatz / Ich tu so, als brächte er Glück, aber das tut er nicht.“) Mit „Mud“ blickt die Sängerin zwischen Alternative‑Pop, Country, Rock und Soul der Realität ins Auge und schreibt Liebeslieder über einen Menschen, von dem sie genau weiß, dass er ihr nicht guttut. Songs, die sich anfangs wie eine Rom‑Com anfühlen, entpuppen sich spätestens bei der Bridge als Horrorfilm. Ein Beispiel: In „Twiggy“ ist die Musikerin erst Hals über Kopf verknallt, schwärmt von einem herzförmigen Muttermal und geht in einem fremden Pool nackt baden. Aber am Ende nimmt sie dann doch Mommy Issues und schon lange bestehenden Leichtsinn ins Visier und lässt ihrem Hass freien Lauf. Ende der 2010er‑Jahre stellte sich Wolf der Welt vor, indem sie ihre Macken regelrecht feierte und urkomische, assoziative Texte mit einer wild zusammengewürfelten, maximalistischen Ästhetik kombinierte. Jetzt steht sie als Ü30-Musikerin zu ihrem eigenen Chaos. Ihre Outfits sind nach wie vor nicht von dieser Welt, aber sie hat keine Angst mehr vor ihrer Menschlichkeit: Sie legt sich in ihren Texten schonungslos offen und singt sich das gebrochene Herz aus dem Leib. Große Teile von „Mud“ entstanden im Kreis enger Vertrauter, die sich wie Familie anfühlen. Denn alle involvierten Personen wohnten zusammen und nahmen die Songs in Airbnbs quer durch Kalifornien auf. Außerdem holte sich Wolf ihren neuen Freund John Mayer ins Boot, der sich mit viel Charme durch „Moon So High“ spielt. Am Ende fühlte sie sich wie reingewaschen vom ganzen emotionalen Dreck. Oder wie es so schön heißt: Wer raus will, muss manchmal mittendurch.