The Gem

The Gem

„Die letzten paar Jahre haben mich geprägt“, erzählt die Singer-Songwriterin Julia Jacklin aus Melbourne im Gespräch mit Apple Music. „Es ist so simpel und gleichzeitig so peinlich, das zu sagen, aber ich habe einfach einen Gang zurückgeschaltet.“ 2024 war viel los (Residencies, Touren, „all diese bizarren Dinge“), aber 2025 sollte da noch einmal eins drauflegen. So begann das Jahr direkt mit der Aufnahme dieses Albums in nur zehn Tagen. Schliesslich hatte dieser schnelle Prozess die letzten drei Male ja auch gut funktioniert. Aber etwas hatte sich verändert. Zuerst kam für Jacklin direkt nach der Aufnahme der Moment der Wahrheit: „Es gefällt dir nicht. Und du musst nicht erklären, warum es dir nicht gefällt“, sagt sie. „Das Schlimmste, was man als Musiker:in tun kann? Songs zu veröffentlichen, die man selbst nicht mag.“ Plötzlich nahmen persönliche und emotionale Erkenntnisse mehr Raum in ihrem Kopf ein. „Das Leben hat mich ziemlich geerdet. Es gab Dinge, die ich nicht schnell genug verarbeiten konnte. Zum ersten Mal hatte ich plötzlich mehr Angst davor, kein gutes Leben zu führen, keine gesunden Beziehungen zu haben und keine gute Musik zu machen, als davor, dass mir die Zeit davonläuft.“ Also zog Jacklin die Reissleine. Zusammen mit dem Produzenten Robert Muiños ging sie für elf Monate zurück ins Studio (das sich direkt über dem namensgebenden Pub „The Gem“ befindet). In dieser Zeit entstand nicht nur ein Album, das ihr wirklich am Herzen liegt, sondern das ihr auch ermöglichte, mehr über sich selbst zu erfahren und ihre Liebe zur Musik wiederzuentdecken. „Ich habe bewusster darauf geachtet, mit wem ich mich privat und bei der Arbeit umgebe“, sagt sie. Im Folgenden führt Jacklin durch jeden Song ihres vierten Albums. „Brand New“ Ursprünglich war das ein Country‑Rock-Song mit kompletter Band und einem anderen Text. Aber ich habe gemerkt, dass mir diese Version nicht gefiel. Und das ist das Einzige, bei dem ich mir sicher sein kann: Ich muss die Dinge mögen. Ich glaube, mir fiel auf, dass etwas nicht stimmte, als ein paar Leute meinten, dass es ihnen gefällt, und ich dachte: „Na ja, wenn es ihnen gefällt, ist es vielleicht gut?“ Also haben wir den Song neu konzipiert und hatten eine wirklich tolle Zeit im Studio. Die Aufnahme dieses Songs hat mich daran erinnert, wie sehr es beim Musikmachen darum geht, einfach herumzuspielen. Das hat mir viele Türen geöffnet. Es hat mich daran erinnert, dass ich Spass haben darf und mir selbst vertrauen muss. „God Sometimes“ Den Song habe ich während einer Residency in Island geschrieben. Gott verstehe ich hier als Metapher. Es geht um die Momente, in denen man denkt: „Wenn ich hier nur eine Kleinigkeit ändere, mich hier etwas zurücknehme und mich hier so positioniere, kann ich die Situation vielleicht verbessern, ohne alles direkt hinzuschmeissen.“ Aber man weiss auch, dass man irgendwann Rückschläge aushalten und von vorne anfangen muss. Also ist es ein Song, mit dem ich mir selbst Mut mache und mich daran erinnere: Du weisst, was du tun musst, und es wird besser sein, wenn du es tust. „If I Had the Hand of God“ Wenn ich zwischen zwei Shows ein paar Wochen frei habe, komme ich meistens nicht nach Hause. Es ist mir zu viel, ich fliege nicht gern. Dafür verbringe ich viel Zeit in diesen seltsamen Zwischenphasen. Ich bin irgendwo fremd und oft allein. Ich warte darauf, dass es weitergeht. Diesen Song habe ich während einer solchen Phase in Nashville geschrieben. Mich hat damals sehr beschäftigt, welchen Preis dieser Job für meine Beziehungen hat und ob ich überhaupt irgendwo Wurzeln schlagen kann. Man verbringt so viel Zeit unterwegs und kommt dann nach Hause, wo das Leben weitergegangen ist und Beziehungen immer enger geworden sind. Und ich habe oft das Gefühl, einfach irgendwo dazwischen zu schweben. „The Hardest Thing“ Ursprünglich hatte ich mir den Song als Duett vorgestellt. Aber ich singe beide Teile, und das ist offen für Interpretationen. Es tut weh, beschuldigt zu werden, nicht genug Liebe zu geben. Aber in Wirklichkeit geht es um etwas anderes: „Ich tue alles, was ich kann, damit du dich geliebt fühlst. Du scheinst es nur nicht annehmen zu können, weil du nicht glaubst, dass du Liebe verdienst.“ Es ist wirklich traurig, aber egal, wie gross die Liebe ist, nichts kann das gutmachen. In dem Song geht es darum, irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen und sich zu sagen: „Ich bin hier nicht die Böse. Ich habe wirklich alles getan, was ich konnte.“ „Angel Vision“ Der Track ist ein Begleitstück zu „Walk on Me“. Er wirkt wie ein Gespräch mit mir selbst, das aus Neugier und Zärtlichkeit geboren wurde, und versucht herauszufinden, warum ich in Situationen geblieben bin, die nicht gut für mich waren. Ich hake nach und frage sanft: „Warum hattest du das Gefühl, das verdient zu haben? Wie viel Verantwortung trage ich selbst dafür?“ Ich setze mich auch mit meinem eigenen Anteil daran auseinander, dass ich mich in bestimmten Situationen kleinmachen und unterdrücken liess. Ich will nicht noch einmal dieselben Erfahrungen machen. Dafür muss ich ehrlich hinschauen und mich wirklich ernsthaft damit auseinandersetzen. „Real Life“ Ich glaube, viele sehen mich eher als Songwriterin. Aber ich liebe Rhythmus, ich habe ein Ohr dafür. Musik soll uns etwas fühlen lassen – auch mit unserem Körper. Ich bin der Meinung, dass viele Leute wie ich, die sich oft den Kopf zerbrechen, Schwierigkeiten haben, den Geist mit dem Körper zu verbinden. Das war also einfach eine wirklich lustige Übung, um verschiedene Rhythmen und Instrumentierungen zu erforschen. „Get Away From Me (I Think I’ll Love You Soon)“ Ursprünglich habe ich den Song für Tom geschrieben und dabei immer im Kopf gehabt, dass er ihn singen würde. Dadurch konnte ich mich auf etwas einlassen, das ich für mich selbst vielleicht gar nicht geschrieben hätte. Ich hatte gerade angefangen, jemanden zu daten, und war auf dem Weg zu seinem Haus, als mir der Song einfach in den Kopf kam. Ich sehe die Strasse in Clifton Hill, die ich entlangging, als es passierte, immer noch vor mir. Hier herrscht viel Freude. Und es ist, als hätte ich den Song nicht geschrieben, sondern er ist mir einfach in den Schoss gefallen. „You Turned on the Tap“ Manchmal machen wir uns Stress, weil jemand bestimmte Dinge über uns denkt. Zum Beispiel, dass er oder sie verärgert ist, weil wir nicht da waren. Solche Gedanken hatte ich früher häufiger, als es Leute in meinem Leben gab, die mir keinen Vertrauensvorschuss gewährten oder sich nicht die Zeit nahmen, mich so zu sehen, wie ich war. Dieser Song ist eine Ode an die Menschen, die es aber tun. Es ist, als wärst du vorbeigekommen und hättest die Pflanzen gegossen, obwohl es mir nicht gut ging und ich nicht da sein konnte. Aber du liebst mich, du nimmst mich, so wie ich bin, und du sorgst dich um mich. „Walk on Me“ Das ist ein harter emotionaler Brocken, ein typischer „Zwei Akkorde und die Wahrheit“-Song. Ihn aufzunehmen, hat in mir einen Knoten gelöst. Manchmal verbringt man so lange damit, die Pegel richtig einzustellen, und alle tragen Kopfhörer. Wenn man dann tatsächlich anfängt zu spielen, ist man zu verkopft. Bei diesem Song ermutigte uns Rob, keine Kopfhörer zu tragen und im Raum miteinander präsent zu sein. Es ist der längste Song, den ich je aufgenommen habe, und ich konnte mich völlig darauf einlassen. „I Wish“ (feat. The Maes) Ich bin eigentlich so etwas wie ein Elternteil für mein 15‑jähriges Ich und eine Freundin für mein 27‑jähriges Ich. In Bezug auf zwei sehr schwierige Phasen meines Lebens gehe ich nicht hart mit mir ins Gericht, ich tue die immer mit einem „Ich habe es überstanden, und deshalb bin ich so geworden, wie ich heut bin“ ab. In diesem Song gestehe ich mir aber ein: Das mag zwar stimmen, aber ich hätte in diesen Momenten auch mehr verdient – egal ob Unterstützung oder etwas anderes.