

„Wachstum klingt nicht immer direkt schön. Manchmal knackt es, manchmal verbiegt sich alles. Aber am Ende findet er immer seinen Weg ins Licht.“ So sagt es Kehlani zu Beginn ihres fünften Albums, das ihren Namen trägt. „Ihr werdet gleich ein Herz hören, das strapaziert, geheilt und neu geboren wurde. Eine Stimme, die ihre Wahrheit spricht – ohne Angst, ohne Filter, ohne Entschuldigungen.“ Das ist ein grosser Schritt weg von der jungen Frau, die 2015 ihr Debüt-Mixtape „You Should Be Here“ veröffentlichte. „Damals hat man gemerkt, wie ich krampfhaft versucht habe, das Gute zu sehen. Aber in diesem Intro steckte so viel Schmerz“, erzählt Kehlani im Gespräch mit Apple Music. „Jetzt hat sich der Kreis geschlossen. Ich bin 31, damals war ich 20. Und man hört das. Man hört es sogar an meiner Stimme, wie ich spreche. Ich bin erwachsen, reifer und viel selbstbewusster geworden.“ Ein Jahrzehnt nach ihrem Debüt brachte die Musikerin aus Oakland mit „Folded“ den grössten Song ihrer Karriere raus. Mit von Brandy inspirierten Gesangsläufen, die direkt an die frühen 2000er erinnern, wurde der Song ihr erster Top‑10-Hit in den Billboard-Charts und räumte bei den Grammy Awards 2026 gleich zwei Preise ab: „Best R&B Song“ und „Best R&B Performance“. „Die Leute wollen wissen, ob das ein Trennungslied oder ein Liebeslied ist. Oder ob es darum geht, dass ich Mist gebaut habe. Oder ob die andere Person Mist gebaut hat. Lieben wir diese Person? Hassen wir sie? Vermissen wir sie?“, sagt die Sängerin. Lange Zeit schöpfte Kehlani ihre kreative Energie aus persönlichem Schmerz – bis sie sich während der Arbeit am fünften Album fragte, ob es wirklich gesund sei, wenn Trauma zur eigenen Identität wird. „Wenn man an religiöse Texte denkt, geht es darin ja auch immer um grosse Geschichten voller Höhen und Tiefen, Prüfungen und Leiden. Sie sollen uns zeigen, wie wir durchs Leben kommen“, erklärt sie. „Ich glaube, das funktioniert auch bei Kunst und Musik. Diese Dinge bewegen uns, bringen uns weiter und lösen uns aus festgefahrenen Situationen. Deshalb bin ich dankbar, dass ich auf diese Weise Emotionen teilen und Menschen erreichen kann. Aber manchmal frage ich mich: Ist das hier einfach nur gemeinsame Traumabindung?“ „Kehlani“ hingegen dreht sich um Freude – vor allem die Freude, mit Künstler:innen zusammenzuarbeiten, die Kehlani schon immer inspiriert haben. Die Gästeliste kann sich dabei wirklich sehen lassen, mit Namen wie Brandy, Usher, Missy Elliott oder Lil Wayne. Also einige der bekanntesten Namen aus 30 Jahren Hip‑Hop und R&B. „Ich wollte, dass sich jede Zusammenarbeit wie eine Rückkehr zu dem anfühlt, was diese Künstlerinnen und Künstler lieben“, sagt sie. Das Ergebnis ist ein Album, auf dem gefühlt zwei Dinge gefeiert werden: zum einen Kehlanis Entwicklung, zum anderen R&B in seiner besten Form. In „Back and Forth“ liefert sich die Sängerin mit Missy Elliott ein Wortduell über einen eifersüchtigen Freund – natürlich mit einem Augenzwinkern in Richtung Aaliyah. Der Neo‑Soul-Song „No Such Thing“ holt Clipse mit ins Boot und setzt auf einen Drumloop aus The Pharcyde’s „Runnin’“. T‑Pain und Lil Jon sind auf „Call Me Back“ mit dabei, und der Song könnte so auch direkt aus den 2000ern stammen. Untermalt mit funkigem Soul, stellt Lil Wayne Kehlani in „Anotha Luva“ vor. „Meine einzige Bitte an Lil Wayne war: Du musst das Feuerzeug benutzen“, erzählt Kehlani lachend über das Lied. Und dann ist da mit „I Need You“ noch der Track, in dem sie endlich mit Brandy – einem ihrer grössten Idole – zusammenarbeitet. Die atmosphärische Produktion stammt natürlich von den R&B-Legenden Jam & Lewis. Für Kehlani bedeutet das Album also auch, mit einer alten Weisheit zu brechen. „Triff deine Helden“, sagt sie. „Denn ich habe dadurch bisher nur grossartige Erfahrungen gemacht und so viel von den Besten gelernt.“