

Immer das Gleichgewicht halten und niemals verkopfte oder gar naive Songs schreiben. So könnte das Arbeitsmotto von Bosse lauten. Vielmehr ist der Sänger ein Meister darin, mit Blicken auf scheinbare Nebensächlichkeiten vieles von dem zu erklären, was in der Welt passiert. Seit über 20 Jahren verwandelt er diese Fähigkeit in Musik. In dieser Zeit ist er sich stets treu geblieben und hat doch Album für Album an Souveränität gewonnen. „Stabile Poesie“ heißt sein neues Werk. Es ist ein Titel, der ihn als Künstler präzise beschreibt. Zunächst ist er jemand, der sein Herz am richtigen Fleck hat und den Mund aufmacht, wenn es angebracht erscheint. Das ist der stabile Part. Und die Poesie? Wer die sucht, wird in den zwölf Songs dieses Albums immer wieder fündig. Schon im Opener „Liebe hat nicht ewig Zeit“ singt er: „Lass streiten, küssen, lieben / Wenn wir uns in die Arme fallen / Kommt Ruhe in uns rein“. Im abschließenden „Lass dich nicht f****n“ gibt er einen weiteren wertvollen Tipp: „Mach den Regenschirm auf / Wenn sie ihren Müll über dich kippen“, heißt es da. Das eine ist ein breit angelegtes Liebeslied. Das andere ist ein in zärtliche Klaviermelodien gegossenes Schulterklopfen für all diejenigen, die dafür beschimpft werden, dass sie irgendwie anders sind. Diese beiden Songs illustrieren, worum es auf „Stabile Poesie“ geht. Bosse lotst die Hörer:innen durch den Alltag und ermutigt sie, die Gedanken schweifen zu lassen. Vielleicht landet man dann in der eigenen Kindheit: So berichtet „Nokia“ von Nachmittagen „auf Wiesen und auf Bäumen“, an denen es weder Deepfakes noch KI gab und niemand Musik für den Algorithmus machte. Im wunderbar nervösen „Flackern“ erzählt er dann von der Euphorie, von guten Partys und der ewigen Macht der Liebe. Und „Einmal alles bitte“ mit Clara Lösel sagt schließlich: Wage mehr, wage alles. Denn nur dann passieren Wunder. Wir haben hier nicht weniger als den Soundtrack für die Gegenwart.