Kiss All The Time. Disco, Occasionally.

Kiss All The Time. Disco, Occasionally.

Als seine monumentale „Love On Tour 2023“ nach fast zwei Jahren zu Ende ging, geriet Harry Styles ins Grübeln. In nur fünf Jahren hatte der Sänger drei enorm erfolgreiche Soloalben veröffentlicht – zuletzt „Harry’s House“, das sowohl bei den Grammy Awards als auch bei den BRIT Awards als Album des Jahres ausgezeichnet wurde. Und trotzdem verspürte er kurz vor seinem 30. Geburtstag den Drang, seine Karriere grundsätzlich zu überdenken. „Es war einfach an der Zeit, mir einmal anzuschauen, was ich bisher alles gemacht habe“, erzählt Styles gegenüber Apple Music. „Ich finde es gut, nach längerer Zeit innezuhalten und zu reflektieren: ‚Mache ich das, weil ich es halt schon so lange mache? Oder mache ich das, weil ich es wirklich liebe?‘“ Statt sich sofort in ein neues Album zu stürzen, zog es Styles zunächst nach Italien. Dort kochte er ausgiebig, saß stundenlang in Cafés und begann mit Langstreckenläufen. Später verbrachte er einige Zeit in Berlin, wo er seinen ersten Marathon lief. Beim Training hörte er oft neue Demos, an denen er arbeitete. Aus diesen Demos entwickelten sich schließlich die zwölf Songs seines vierten Soloalbums „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“. Inspiriert wurde es von seinem entschleunigten und spontaneren Lebensstil, zu dem Konzerte, neue Freundschaften und viel Tanzen gehörten. „Welche Musik müsste ich machen, damit ich mich auf der Bühne so fühle, als wäre ich mitten auf der Tanzfläche?“, fragte er sich. Das erklärt die funkigen Basslinien und die subtilen 4‑to-the-floor-Beats. Aufgenommen wurden die Songs in den legendären Hansa Studios in Berlin. Dort verliebte sich Styles praktisch neu ins Musikmachen. „Das Entscheidende war: Als ich auf Abstand ging, habe ich es vermisst“, sagt er. „Ich habe es vermisst, weil ich es liebe. Und ich liebe es immer noch.“ Im Folgenden erzählt Styles die Geschichten hinter einigen der wichtigsten Songs auf „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“. „Aperture“ „Aperture“ war für mich der perfekte Opener, weil es um den Moment geht, in dem man erkennt: Nein, da lag ich falsch. Man kommt erst weiter, wenn man zugibt, dass es Dinge gibt, die man nicht weiß – und sich damit den Raum schafft, um Licht hereinzulassen. Am Ende ist es wohl der Song auf dem Album geworden, der am meisten Raum zur Entfaltung hatte. Er ist lang und verspielt. Als das Lied stand, hatte ich das Gefühl, dass es genau das ausdrückt, was ich noch nicht richtig gesagt hatte. „Coming Up Roses“ Von allen Songs, die ich je gemacht habe, ist dies einer meiner Favoriten. Ich habe ihn im Dezember geschrieben, und eigentlich fing alles damit an, dass ich versucht habe, einen Weihnachtssong zu komponieren. Diese Idee hielt sich für genau zwei Zeilen: „Tell me your fears/I’ve turned back the clocks, it’s that time of the year.“ („Verrate mir deine Ängste / Ich hab die Uhren zurückgedreht, es ist wieder so weit.“) Danach hat sich der Song irgendwie verselbstständigt. Und ich dachte: „Okay, das hat überhaupt nichts mit Weihnachten zu tun.“ Für mich ist das Ganze ein Liebeslied darüber, wie besonders etwas sein kann – und dass nicht alles ewig dauern muss, um als etwas Besonderes angesehen zu werden. Einige der wichtigsten Beziehungen im Leben, aus denen man etwas lernt, halten eben nicht für immer. Wir definieren den Erfolg einer Beziehung oft über die Dauer. Aber ich finde, das nimmt einer Beziehung, in der man etwas über sich selbst lernt, ihre ganze Schönheit und positiven Seiten. „Dance No More“ Ich erinnere mich, wie ich in Berlin zum ersten Mal ausging und mitten auf der Tanzfläche stand. Ich fühlte mich so unglaublich frei und sicher, dass ich die Hände in die Luft streckte und die Augen schloss. Plötzlich liefen mir die Tränen übers Gesicht. Es war einer dieser Momente nach dem Motto: Ich bin gerade so lebendig wie nie zuvor. „Carla’s Song“ Carla ist eine Freundin von mir. Wir hingen bei jemandem aus unserem Freundeskreis ab und warteten darauf, zu einer Afterparty zu gehen. Sie meinte, dass sie gerade erst Paul Simon entdeckt habe. Als ich jünger war, habe ich eine Weile in einem Pub gewohnt. Es gab da einen Vierfach-CD-Wechsler, und ich glaube, in meiner ganzen Zeit dort lag [Simon & Garfunkels Album] „Bridge Over Troubled Water“ darin. Wahrscheinlich kommt daher meine Liebe zu Harmonien: Ich habe sie einfach ständig gehört. Ich spielte ihr den Song „Bridge Over Troubled Water“ vor und beobachtete, wie sie ihn zum ersten Mal hörte. Das war, als würde man einer Person dabei zusehen, wie sie etwas Magisches entdeckt. In diesem Moment wurde mir klar, worin die eigentliche Bedeutung des Musikmachens liegt. Vielleicht hört irgendwann jemand einen deiner Songs und denkt: „Dieses Lied wird mich jetzt mein ganzes Leben lang begleiten.“ Das allein ist genug, mehr brauche ich nicht.