

Die Frage im Titel klingt unspektakulär – und bringt es dennoch präzise auf den Punkt: Zeit ist nie „kurz“, wenn plötzlich alles in ihr steckt. Mit „Hast du kurz Zeit“ kehrt Wincent Weiss nach einer kreativen Pause zurück und formt aus 18 Songs ein persönliches Tagebuch über jene Momente, in denen das Leben mal eben innehält, während draußen alles weiterläuft. Besonders schön ist der spielerische Umgang mit diesem Widerspruch. Aus einer beiläufigen Textzeile wird beinahe ein Lebensentwurf: „Es tut mir leid, hast du kurz Zeit, mit mir den Rest deines Lebens zu teil’n?“ Das Album pendelt dabei bewusst zwischen Alltagsnähe und großem Gefühl – hier warm und leicht, dort nachdenklich und schwerer. Musikalisch hört man Pop in vielen Schattierungen. Mal ist er siedend und geht nach vorn („Letzte Liebe“, „Sommer der bleibt“), mal kommt er leise und zeigt nachhaltige Wirkung („Lang nicht hier“). Der Titelsong trägt ein Uptempo-Funkeln in sich, während Balladen wie „Unendlich“ mit tragenden Melodien den Raum größer machen. Weiss’ fünftes Studioalbum fühlt sich an wie ein Notizblock voller handschriftlicher Einträge. Die Konstante ist dabei diese unverwechselbar warme Stimme, die selbst leise Gedanken mächtig wirken lässt.