

Es dauert nicht lange, bis man erkennt, wohin die Reise dieses Albums führt. „NINETY – TWO“ heißt der Opener: Er startet mit einer Klaviersequenz, an die sich bald ein Beat schmiegt, der ebenso Erinnerungen an die britische Rave-Kultur der 1990er-Jahre wach werden lässt wie das soulige Vocal-Sample. Ein wunderbarer Auftakt, weil er eine Geschichte erzählt: Paul Kalkbrenner weiß um das Erbe der Musik, die er spielt. Gleichzeitig ist er einer ihrer Motoren, hat ihr immer wieder entscheidende Updates verpasst. Was für ihn selbst die Essenz dieses Schaffens ist? „Für mich geht es um Ehrlichkeit“, sagt Kalkbrenner im Gespräch mit Apple Music. „Ich versuche, Musik zu machen, die sich echt anfühlt – ohne Tricks.“ Auf dem über mehrere Jahre hinweg entstandenen „THE ESSENCE“ destilliert er das Beste – aus dem Genre, aber auch aus seiner eigenen musikalischen Biografie. Geschickt verwebt er flächige Strukturen, klassischen Techno und im 80er-Electro-Pop verankerte Sounds. „DREAMING ON“ weist mit seinem Depeche Mode-Sample am deutlichsten in diese Richtung. Keiner der Tracks ist dabei rein retrospektiv, was eine Zeile aus „KLETTERMAXE“ untermauert: „Ich bleib’ nicht stehen, geh’ immer weiter. Ich klettere immer höher auf der Karriereleiter“, heißt es hier. Das ist ein eindeutiger Querverweis auf die eigene Laufbahn. Kalkbrenner startete Ende der 1990er als DJ, veröffentlichte bald auf BPitch Control, einem der wichtigsten Technolabels der Zeit. Im Jahr 2008 übernahm er nicht nur die Hauptrolle in „Berlin Calling“, sondern steuerte auch den Soundtrack zum Film bei – und machte seine Musik damit im Mainstream bekannt. Er spielte in Afghanistan und vor dem Brandenburger Tor, erreichte die Spitze der Albumcharts. „THE ESSENCE“ zeigt, dass ihm in all dieser Zeit die Abenteuerlust nicht vergangen ist. Da finden sich verlässlich originelle Tracknamen wie „DER SCHLÖRHEINZ“ und „DIE TROMPETEN VON BERLIN“. Da steht der so treibende wie eigensinnige Technotrack „SPIGITO BITE“ neben „QUE CE SOIT CLAIR“, einem Stück, auf dem nicht nur Stromae zu hören ist, sondern das auch mit viel Percussion in eine für Kalkbrenner ungewöhnliche Richtung schielt. Die Zusammenarbeit mit dem belgischen Superstar markiert sicher einen der Höhepunkte des Albums. „Ich habe vor einiger Zeit einen Remix von [Stromaes Track] ‚Te Quiero‘ gemacht und ihm das Instrumental geschickt“, erzählt Kalkbrenner. „Ein paar Tage später hat er mir die Vocals zurückgeschickt – und die waren absolut auf den Punkt. Ich mag besonders, dass sie irgendwo zwischen Gesang, Sprechen und Rap liegen.“ Sich bei einem Album wie diesem auf nur einen essenziellen Song festzulegen, ist laut Kalkbrenner „unmöglich“. „Jeder Track hat seine eigene Rolle und trägt ein ganz besonderes emotionales Gewicht“, so der Künstler. „Sie alle haben ihren eigenen, unverwechselbaren Charakter.“ Das Album unterstreicht, dass das Ungewöhnliche Kalkbrenners Markenkern bildet. Vielleicht am schönsten zeigt sich das in „CRONITIS BOY“, wo plötzlich verwunschene Global Beats über einen fein pulsierenden Beat wehen. Das klingt nach der großen, weiten Welt. Und gleichzeitig klingt das so sehr nach Berlin wie außer diesem Mann niemand. Und was folgt auf „THE ESSENCE“? „Shows spielen, Musik machen, neugierig bleiben“, sagt Kalkbrenner. „Der Rest ergibt sich von selbst.“ Auch live setzt Kalkbrenner auf Präzision. Das Wichtigste, so sagt er, sei der richtige Flow: „Du musst die Leute mitnehmen, ohne sie zu drängen. Wenn sie die Zeit vergessen, hat es funktioniert.“