Lichtjahre Live

Lichtjahre Live

„Die Angst ist wie ein blinder Passagier, aber ich kann ihm sagen, dass er die Fresse halten soll.“ Ein Satz wie aus einem Madsen-Song – und was nicht ist, kann ja noch werden. Denn tatsächlich stammt die Aussage von Sänger Sebastian Madsen. Mit „Lichtjahre“ gingen die Wendländer 2018 auf Tour, die bisher größte ihrer Bandkarriere. 11 Konzerte mit 23 Songs aus über 15 Jahren Bandgeschichte. Heraus kam ein Album für die Fans – und vielleicht auch für alle Zweifler. Denn: „Viele Menschen begreifen die Band Madsen nur, wenn sie uns mal live sehen.“ Was die Magie eines Madsen-Konzerts ausmacht, von der schrägen Stille nach einem Auftritt und warum er trotz Panikattacken immer wieder auf der Bühne steht, erzählt Sebastian Madsen im Interview mit Apple Music.

Was macht Madsen live so besonders?
Schon als wir das erste Mal auf der Bühne standen und Krach gemacht haben, habe ich gemerkt, dass irgendwas passiert. Egal ob das 10 oder 100 oder 6.000 Leute waren: Es gab eine merkwürdige Symbiose. Vielleicht ist es Leidenschaft? Freude? Es gibt nichts in diesem Leben, was ich lieber mache – Konzerte spielen ist einfach krass toll.Ich hab heute morgen einen Auftritt der Strokes angeschaut und sofort gedacht: Ich muss mein altes Strokes-T-Shirt rauskramen und die live sehen. Das kann nur Musik. Nennen wir es überirdisch, irgendwas passiert mit einem. Da geht es ja auch um konservierte Gefühle: Du baust Emotionen auf zu einem Album, das irgendwann 15 Jahre alt ist. Du machst es an und fühlst wieder genau das Gleiche.

Wie sind die Madsen-Fans so?
Viele sind mit uns älter geworden. Und egal wie groß die Hallen sind: Ich erkenne viele Gesichter wieder. Da sind auch oft Pärchen, von denen ich weiß, dass sie sich auf Madsen-Konzerten kennengelernt haben. Auf einmal stehen sie mit Kindern da, die im „konzertfähigen“ Alter sind. Das ist verrückt und schön.

„Die Perfektion“ ist wahrscheinlich der Song, der eure Karriere am meisten beeinflusst hat.
Interessante Wahl. Den Song zähle ich tatsächlich zu den Highlights der letzten Tour. Besonders in Köln haben wir den zelebriert. Da gibt es anscheinend einen speziellen Bezug, irgendwie drehen die dort bei dem Lied noch mal extra auf. Mit diesem Schwall von Euphorie kam ich kurz nicht klar. Das war ein sehr besonderer Moment – diese Köln-Version ist jetzt auch auf dem Album.

Ist für dich ein anderer Song wichtiger?
„Die Perfektion“ konkurriert ein bisschen mit „Du schreibst Geschichte“. Die Symbiose aus diesen beiden ist das, was unseren Stil gebildet hat. „Die Perfektion“ war wahnsinnig wichtig als erstes Lebenszeichen – auch mit diesem Video. Dafür schäme ich mich auch überhaupt nicht.

Warum solltest du?
Manchmal denkt man ja: 'Ach Gott, was waren wir für Bubis.' Aber ich steh voll hinter der ersten Platte. Ich kann mir keinen besseren Start vorstellen, es war so extrem und drastisch und mutig. Wir waren die erste Band aus dem Wendland, die so einen Plattenvertrag hatte und auf MTV lief. Man hätte das alles sehr brav gestalten und auf Nummer sicher gehen können. Wir allerdings haben das Album in 10 Tagen aufgenommen, den Gesang durch irgendwelche Gitarrenverzerrer gejagt und drauf geschi**en. Das finde ich immer noch cool.

Arbeitet ihr aktuell an neuen Sachen?
Absolut. Wir werden dieses Jahr ein Album aufnehmen, für das wir sehr akribisch bei uns im Wendland vorproduzieren.

Zum Proben trefft ihr euch immer noch bei Mama?
Jein – es ist schon ein alleinstehendes Gebäude nur für die Band. Meine Eltern sind quasi unsere Nachbarn. Wir verbringen wahnsinnig gern Zeit mit ihnen, aber es gibt auch Tage, an denen wir uns gar nicht sehen. Dann geht man sich auch nicht gegenseitig auf die Nerven.

Wie entscheidet ihr, was auf die Setlist kommt?
Das ist ein Rumprobieren und Schöpfen aus Erfahrungen. Wir haben in unserem Proberaum viele Setlists hängen. Wenn es auf die Generalprobe zugeht, stoppen wir richtig die Zeit und versuchen, nicht mehr alle zwei Lieder lang Kaffeepause zu machen. Es soll das Gefühl von Konzert entstehen.

Das klingt ziemlich perfektionistisch.
Ja, wobei wir uns sowohl bei den Proben als auch live Zeit für Improvisation lassen. Wir schaffen uns mit den Proben ein Gerüst von Sicherheit, aber wir jammen auch zusammen. Diese Spielfreude versuchen wir auf die Bühne zu transportieren. Es kommt oft dazu, dass Leute ein Lied anstimmen – von Feine Sahne Fischfilet zum Beispiel – und wir das dann spielen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum die Leute so gern zu uns kommen.

Vor zwei Jahren hast du über Angstzustände gesprochen. Was treibt dich trotzdem wieder auf die Bühne?
Du meinst, warum ich mir den Sch**ß überhaupt gebe?

Das hast jetzt du gesagt.
Ich mach es einfach viel zu gerne. Es gab tatsächlich Zeiten, in denen ich in Frage gestellt habe, ob es mir das wert ist. Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Es ist auch die Stille nach so großen Events. Du bekommst eine Welle der Liebe und die nächste und nächste. Dann ist das Konzert vorbei und auf einmal ist alles still. Der Alltag kommt und es wird schräg. Damit müssen wohl alle Künstler klarkommen. Ich dachte phasenweise, das ist mir zu anstrengend. Diese Panikattacken kamen aus dem Nichts. Ich habe mit vielen Leute geredet und festgestellt: Jeder Dritte hat das schon erlebt. Das ist krass. Jetzt hatte ich schon ewig keine Attacke mehr.

Hast du dennoch Respekt vor der kommenden Tour?
Die Vorfreude überwiegt! Ich habe die letzten Konzerte alle sehr genossen. Die Angst kommt manchmal wieder – sie ist wie ein blinder Passagier, der immer mal mitfährt. Aber ich kann ihm mittlerweile ganz gut sagen, dass er die Fresse halten soll.