

Alles über John Coltrane
In seinen nur 40 Lebensjahren war John Coltrane als unermüdlicher Innovator stets auf der Suche nach neuen musikalischen und spirituellen Wegen. Erlebe zum 100. Geburtstag des Jazz-Titanen, was er dabei entdeckte und mit dem Universum teilte.
Der Lehrling (1951–1956)
John Coltrane wurde 1926 geboren und verbrachte seine Kindheit in North Carolina. Später diente er für kurze Zeit in der Navy, bevor er sich ganz dem Jazz verschrieb. Er übte unermüdlich auf seinem Altsaxofon und widmete sich später mit der gleichen Intensität dem Tenorsaxofon. In den USA der Nachkriegszeit wichen die fast schon fieberhaften, tanzbaren Klänge der Big Bands dem kühler und modernistischer wirkendem Bebop – ein Stil, der Coltranes neugierigem Geist mehr entgegenkam. Er spielte mit technischen Virtuos:innen wie Dizzy Gillespie und Earl Bostic, doch der folgenreichste Moment kam im Jahr 1955: Miles Davis lud Coltrane in sein Quintett ein, gerade als er selbst kurz davor war, zum größten Star des Jazz aufzusteigen. Coltrane begleitete Davis auf dessen letzten vier Alben für das Label Prestige (im traditionellen „Trane’s Blues“ wurde er sogar namentlich gewürdigt) sowie bei seinem Debüt für Columbia Records. Dann wurde er jedoch wegen seines exzessiven Drogen- und Alkoholkonsums entlassen.
Der Hoffnungsträger (1957–1958)
Nachdem Coltrane sich in einem Zimmer im Haus seiner Mutter in Philadelphia eingeschlossen und einen kalten Entzug gemacht hatte, erlebte er ein spirituelles Erwachen. Es folgte eine explosive Phase der Kreativität und künstlerischen Entwicklung, in der er seine eigene kraftvolle und unverwechselbare musikalische Stimme fand. Nun konnte er neben Größen wie dem Pianisten Thelonious Monk bestehen. Als er sich dem Ensemble von Miles Davis wieder anschloss, bildete seine facettenreiche und von zahlreichen Tönen geprägte Spieltechnik einen Kontrast zu Davis’ reduzierterem, ausdrucksstarkem Ansatz.
Der Champion (1958–1963)
Die ganze Bandbreite von Coltranes Fähigkeiten zeigte sich in der Fülle seiner eigenen Musik. Die faszinierende Komplexität von „Giant Steps“, die zarte Schönheit von „Naima“ (benannt nach seiner ersten Frau), die popmusikalische Offenbarung „My Favorite Things“ und das von Trauer geprägte „Alabama“ – diese vielfältige Auswahl an Aufnahmen machte den Musiker zu einer Ikone der Jazzwelt und zählt bis heute zu seinen bekanntesten und beliebtesten Stücken. Doch Coltrane arbeitete keine Checkliste ab, sondern befand sich auf einer Entdeckungsreise: „Ich beschäftige mich nach wie vor hauptsächlich mit bestimmten Klängen und Tonleitern“, erzählte er dem Schriftsteller Nat Hentoff in dieser Zeit. „Allerdings weiß ich gar nicht genau, wonach ich suche – außer dass es etwas sein wird, das noch nie zuvor gespielt wurde. Keine Ahnung, was es ist. Aber ich werde spüren, wenn ich es gefunden habe.“
Der Suchende (1963–1967)
In vielerlei Hinsicht war Coltranes Album „A Love Supreme“ als bewegendes Zeugnis seiner Hingabe an Gott der Höhepunkt seines historischen Aufstiegs. Gleichzeitig markierte es den Beginn weiterer Veränderungen. Coltrane erweiterte die üblichen Bezugspunkte des Jazz und baute globale Einflüsse aus der indischen und afrikanischen Musik mit ein. Und obwohl er der Enkel zweier Geistlicher der African Methodist Episcopal Church war, öffnete er sich dem Buddhismus, Hinduismus, Islam und mystischen Traditionen. Seine zweite Frau Alice begann, in seiner Band Klavier zu spielen, während sie gemeinsam den Spiritual Jazz erkundeten. Zudem tauschte er sich mit Musikern wie Pharoah Sanders, Rashied Ali und Archie Shepp aus, um den Free Jazz zu erforschen. Die Ergebnisse konnten herausfordernd sein, und einige Fans, denen diese musikalischen Ausflüge nicht gefielen, wandten sich von ihm ab. Doch manchmal ist das der Preis der Freigeistigkeit.
Das Vorbild (1967–∞)
John Coltrane starb am 17. Juli 1967 an Leberkrebs. Doch sein Einfluss reicht bis heute weit über die Jazzwelt hinaus und hat ganz unterschiedliche Bereiche geprägt – darunter den anspruchsvollen Rock der 1970er-Jahre, die literarische Black‑Arts-Bewegung und die Filme von Spike Lee. Und nun, 60 Jahre später, tragen vor allem die Musiker:innen Coltranes Vision ins 21. Jahrhundert, die das Magische in seiner Musik spüren und sich auf das einlassen, was sie eröffnet. In einem Interview mit dem „DownBeat“-Magazin aus dem Jahr 1962 sagte Coltrane: „Musik stellt für mich genau das dar – eine andere Art zu sagen, dass wir in einem großen, wunderschönen Universum leben, das uns geschenkt wurde, und dass dies aufzeigt, wie großartig und allumfassend es ist.“