

Alles über schwedischen Pop
Schweden ist in Sachen Musik die drittgrößte Exportnation der Welt. Trotz der eher kleinen Bevölkerungszahl von 10 Millionen Menschen gibt es kaum ein Land mit mehr Einfluss auf das Pop-Genre. Wir haben das Comeback von Robyn zum Anlass genommen, um die historischen Spuren dieser Erfolgsgeschichte nachzuverfolgen.
Das Phänomen ABBA
Die Geschichte der schwedischen Popmusik beginnt mit vier Buchstaben: A-B-B-A. Björn, Benny, Agnetha und Anni‑Frid gewannen 1974 mit „Waterloo“ triumphal den Eurovision Song Contest – und legten damit den Grundstein für ihre eigene Weltkarriere sowie für Schwedens jahrzehntelange Dominanz auf den Tanzflächen und in den Pop-Charts. Ein Durchbruch aus dem Nichts? Auf den ersten Blick schien es so. Doch tatsächlich war er das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit von Björn Ulvaeus und Benny Andersson in der lokalen „Dansband“-Szene, in der sich der Rock ’n’ Roll im Mop-Top-Stil der 1960er mit Folk vermischte (schwedische Folk-Legenden wie Tages, Flamingokvintetten und Thorleifs kommen in den Sinn). Die Welt war sofort begeistert von ABBAs perfektem Songwriting und ihren unwiderstehlichen Hooks. Das Quartett aus zwei Paaren (Agnetha Fältskog und Anni‑Frid Lyngstad traten 1972 offiziell bei) war bald nicht mehr aufzuhalten. Während ihrer jahrzehntelangen Karriere veröffentlichte die Band weltweit beeindruckende 53 Singles, darunter „Dancing Queen“ und „Super Trouper“. Doch in den 1980er-Jahren schlich sich im Zuge von Scheidung und Desillusionierung eine neue Schwermütigkeit in Klassiker wie „The Winner Takes It All“ ein. 1982 beschlossen ABBA, „eine Pause einzulegen“, die fast 40 Jahre dauern sollte. Durch ihre Abwesenheit konnten sich andere Acts ins Rampenlicht singen. Marie Fredriksson und Per Gessle verkauften als „Roxette“ unglaubliche 75 Millionen Alben. Und die gebürtige Stockholmerin Neneh Cherry etablierte von ihrer Wahlheimat London aus einen ganz neuen Sound mit Hits wie „Buffalo Stance“. ABBA blieben jedoch auch während der Pause immer präsent. Benny und Björn sorgten etwa alle zehn Jahre dafür, dass bekannte Titel der Band wieder überall zu hören waren. Den Anfang machte 1992 das unglaublich erfolgreiche Best-of-Album „ABBA Gold“. Dann kam der Musical-Hit „Mamma Mia!“ im Londoner West End im Jahr 1999, der 2008 mit Meryl Streep verfilmt wurde und 2018 ein Sequel bekam. 2022 dann starteten ABBA ihr bisher ehrgeizigstes Projekt: die immersive virtuelle Supershow „ABBA Voyage“ mit digitalen „ABBAtaren“ der vier Bandmitglieder. „Wie kann das sein, dass unsere Musik die Menschen Generation für Generation immer wieder anspricht? Dass unsere Songs immer noch so oft gespielt werden?“, sinnierte Björn Ulvaeus 2021 im Gespräch mit Zane Lowe. „Benny und ich haben uns das schon oft gefragt. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum sie immer noch so erfolgreich sind.“
Ein neuer Hitgarant
Natürlich fand das Erfolgsmodell ABBA schnell Nachahmer. 1992 gründete Produzent und Songwriter Denniz PoP in einem unscheinbaren Gebäude in einem Stockholmer Vorort die Cheiron Studios. Sein Team scheute die Öffentlichkeit und fühlte sich am wohlsten in T-Shirt und Jeans – optisch hätte der Unterschied zu ABBA mit ihren weißen Hochglanz-Schlaghosen also kaum größer sein können. Was die Detailbesessenheit und die Vorliebe für melodische Refrains anging, standen die Cheiron Studios dem berühmten Vorbild aber in nichts nach. Als einen seiner ersten Acts verpflichtete Denniz PoP mit It’s Alive eine Band aus der Glam Metal-Szene. Deren Album war kein Erfolg, aber PoP sah etwas in Frontmann Karl Martin Sandberg. Der war wie viele Musiker:innen seiner Generation mit Schwedens „kulturskola“ (Kulturschulen) aufgewachsen, einem staatlich finanzierten Bildungsprogramm. Es stellt Kindern nicht nur Instrumente, sondern auch Räumlichkeiten zum Üben und für Aufführungen zur Verfügung, damit sie ihren eigenen Sound finden können. Sandberg benannte sich in Max Martin um und tat sich mit PoP und anderen Köpfen aus Songwriting und Produktion wie Rami Yacoub zusammen. Ihr Ziel: Cheiron in eine Hitfabrik zu verwandeln und als schwedisches Pendant zum legendären Motown Records in Detroit zu etablieren. Der charakteristische Cheiron-Sound vermischte modernen R&B mit fast schon obsessiver technischer Perfektion und einem Gespür für rhythmische, extrem eingängige Hooks. Nachdem „The Sign“ von Ace of Base diesen Sound international bekannt gemacht hatte, schrieb das Studio Megahits für *NSYNC sowie Westlife und verhalf der Stockholmer Teenagerin Robin mit ihrer Single „Show Me Love“ zum Durchbruch. Auch die extrem erfolgreiche Debüt-Single „...Baby One More Time“, die Britney Spears’ Weltkarriere startete, entstand in den Cheiron Studios. Doch auch aus anderen Ecken drängte sich Pop auf den Markt, der die Radiocharts dominierte. The Cardigans und The Wannadies schafften mit ihrem Indie-Sound den Sprung aus den Clubs in die wichtigste Radiosendezeit, als „Lovefool“ und „You and Me Song“ für den Soundtrack zu Baz Luhrmanns Blockbuster „Romeo + Julia“ von 1996 ausgewählt wurden. Dann gab es da noch Kent, eine Band für alle Radiohead-Fans, die in ihrer Muttersprache singen wollten. The Soundtrack of Our Lives waren mit ihren effektlastigen Gitarrenwänden in den unterschiedlichsten Alltagssituationen praktisch allgegenwärtig. Und Eagle‑Eye Cherry (Nenehs Bruder) bescherte der Welt mit „Save Tonight“ die Lässigkeitshymne schlechthin.
Die nächste Generation
In den Nullerjahren wurde dann Schwedens alternative Szene immer vielfältiger. The Hives eröffneten das Jahrzehnt mit „Main Offender“ und etablierten sich als die Hauptprovokateure des Pop-Punk (und praktischerweise als skandinavische Antwort auf The Strokes). Ein paar Jahre später folgten Miike Snow und Little Dragon mit coolem, geheimnisvollem Electro-Pop. Lykke Li erschuf ihre eigene Version des Dream Pop und brachte damit reihenweise Herzen zum Schmelzen. Und Peter Bjorn and John sowie Jens Lekman gewannen mit warmen, intimen Indie-Pop-Songs Fans von Borås bis Brooklyn. Das beste Beispiel für diese Ära ist aber vielleicht der Track „Heartbeats“ aus dem Jahr 2002 – bei dem wir uns entscheiden mussten zwischen dem treibenden Electro-Pop-Original von The Knife mit seinen vielen Nadelstichen oder der verträumten Akustik-Soloversion von José González. Dann war da noch Robyn. Nach ihrem Durchbruch als Teenagerin wurde sie mit einer Branche konfrontiert, die Körper und Stimme junger Frauen bis ins Detail kontrollieren wollte. Als sie sich weigerte, die zutiefst persönlichen Lyrics von „My Truth“ aus dem Jahr 1999 abzuschwächen (in denen sie unter anderem über ihre Abtreibung sang), unterband ihr Label jede Veröffentlichung des Albums außerhalb Schwedens. Daraufhin gründete Robyn ihr eigenes Label, Konichiwa Records, und kehrte 2005 mit „Robyn“ zurück – einem persönlichen, ehrlichen Album, das freier, fremder und selbstbewusster klang als alles, was sie zuvor gemacht hatte. In ihrem schlanken Electronic-Pop-Sound verwob sie emotionale Offenheit und schuf damit einen ganz eigenen Stil, der ab diesem Moment untrennbar mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit verbunden war. In ihrer „Body Talk“-Ära entwickelte sie sich zu einer Ikone der queeren Bewegung, die auf dem Dancefloor Raum für Verletzlichkeit, Begierde und Mehrdeutigkeit schuf. Ihre Songs – darunter der so traurige wie geniale Banger „Dancing on My Own“ und „Call Your Girlfriend“ – machten aus Einsamkeit und Sehnsucht ein gemeinsames Erlebnis voller Trotz. Eine Alternative zu den immer noch so starren Vorgaben der traditionellen Popszene. Auf „Sexistential“ aus dem Jahr 2026, ihrem ersten Album seit acht Jahren, geht Robyn weiterhin keinerlei Kompromisse ein: Sie spricht über Sex, über das Älterwerden sowie über Verlangen – und das mit der gleichen emotionalen Klarheit, die ihre gesamte Karriere auszeichnet.
Neue Höhen
In den 2010er-Jahren wurden DJs zu Schwedens heißestem Exportschlager. Avicii brachte Electronic aus den Clubs ins Mainstream-Radio. Sein Signature-Song „Wake Me Up“, der EDM mit Folk und Soul vermischt, wurde zu einem der prägendsten Hits der Ära. Superstar-DJs wie Eric Prydz und Swedish House Mafia begeisterten die Massen. Statt gemütlich zu Hause am Laptop beim Songschreiben fanden die Acts sich plötzlich im (sehr unschwedischen) Jetset-Lifestyle wieder, der sie von Ibiza über London, Paris und Tokio bis nach Las Vegas führte. Immer wieder wurden in dieser Zeit schwedische Talente von A-List-Acts angefragt. RedOne zum Beispiel arbeitete mit Lady Gaga bei „Poker Face“ und „Bad Romance“ zusammen. Währenddessen etablierte sich zu Hause in Schweden eine neue Generation einheimischer Stars mit frischen Ansätzen über Plattformen wie SoundCloud und Hype Machine. Tove Lo kombinierte in „Habits (Stay High)“ einen Minimal-Beat mit Lyrics über die Exzesse, mit denen sie ihren emotionalen Schmerz betäuben wollte. Genau den entgegengesetzten Ansatz verfolgten Icona Pop mit dem explosiven „I Love It“ (inklusive Charli xcx’ energiegeladener Zeile „I! DON’T! CARE!“), das zur prägenden Rebellionshymne einer ganzen Generation wurde. Und um den Kreis zu schließen, sicherte sich Schweden in diesem Jahrzehnt zwei weitere Siege beim Eurovision Song Contest – mit „Euphoria“ von Loreen im Jahr 2012 und „Heroes“ von Måns Zelmerlöw im Jahr 2015.
Immer noch Pop, Pop, Pop
Die Hit-Infrastruktur der Cheiron-Ära ist weiterhin aktiv. Sie ist zu hören im geschmeidigen Retro-Beat von „Blinding Lights“, dem Megahit von The Weeknd. Und sie ist allgegenwärtig auf Taylor Swifts Album „The Life of a Showgirl“. Allein dass Swift am Höhepunkt ihrer Karriere die schwedischen Songwriter und Producer Max Martin und Shellback mit ins Boot holte, sollte Beweis genug für deren Ruf als Meister ihres Fachs sein. Schwedens Dominanz in der Popmusik scheint also ungebrochen. Gerade jetzt führt eine neue Generation von Produzent:innen wie Elvira Anderfjärd und Tove Burman das schwedische Songwriting in spannende neue Gewässer. Addison Raes sinnliches Debütalbum „Addison“ und internationale Frauen-Collabs wie „New Woman“ von LISA und ROSALÍA versprechen eine aufregende Zukunft. Dann ist da noch Zara Larsson, die bereits als Kind die schwedische Variante von „Das Supertalent“ gewann. Ihre Single „Lush Life“ ging mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Veröffentlichung unverhofft wieder viral und gesellte sich damit zu ihrem Hit „Midnight Sun“ von 2025 und ihrem Team‑up mit PinkPantheress bei einer neuen Version von deren Smash-Hit „Stateside“. Anderswo floriert eine lockerere, experimentellere Szene, in der Acts wie Snoh Aalegra, Yung Lean und Bladee die Grenzen zwischen Pop, R&B und melancholischem Internet-Surrealismus verwischen. Noch weiter weg von den Hochglanzproduktionen bewegt sich Göteborgs Post-Pop-Underground. Hier versuchen sich Venus Anon, Lover’s Skit und Raghd an DIY-Ansätzen ohne jede Genrebindung, verwurzelt in der Clubkultur und der Zusammenarbeit. Und dann sind da noch aufstrebende Stimmen wie Olga Myko, Saga Faye, waterbaby, Yaeger und Namasenda, die einen Vorgeschmack auf eine Zukunft geben, in der nicht nur weiter musikalisch experimentiert wird, sondern in der auch die ganze ethnische und kulturelle Vielfalt Schwedens ihren Ausdruck finden wird. Das Vermächtnis der schwedischen Popmusik ist enorm und unbestreitbar. Ihre größten Namen wissen aber auch, dass sich die Zukunft nicht durch Ausruhen auf vergangenen Erfolgen gestalten lässt. Robyn wird hier deutlich: „Ich hasse Nostalgie. In der Vergangenheit zu leben, ist für niemanden gut“, sagte sie unmissverständlich in einem Interview mit Zane Lowe auf Apple Music. „In der Musik ist genau das tödlich.“