

The Story of Bruce Springsteen in 20 Songs
Mit dem Biopic „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ und einer Deluxe-Neuauflage, die seinen Status untermauert, markierte „Nebraska“ aus dem Jahr 1982 einen Wendepunkt in Bruce Springsteens Karriere – und in der amerikanischen Popkultur. Lies hier, wie es zu diesem Moment kam und was sich danach änderte.
„Glory Days“ (1973–1980)
Mit dem minimalistischen, akustischen Storytelling von „Nebraska“ vollzog Bruce Springsteen im Herbst 1981 einen radikalen Kurswechsel. Um die Erschöpfung zu begreifen, die Bruce Springsteen in jener Zeit gespürt haben muss, genügt ein Blick auf das Jahrzehnt davor: Mit unermüdlichem Arbeiterethos perfektionierten er und seine treue E Street Band an der Küste von New Jersey und ihre lässige Virtuosität. Dabei erschufen sie überlebensgroße Hymnen über Kleinstadtromantik – und damit gleich eine eigene Mythologie. Nachdem der Musikkritiker Jon Landau 1974 Springsteen zur „Zukunft des Rock ’n’ Roll“ erklärt hatte, trug er dazu bei, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen: als Mitstreiter, Vertrauter und schließlich Manager. Schon das Anhören der Songs konnte sich wie eine sportliche Höchstleistung anfühlen, ganz zu schweigen von der eigentlichen Performance. „Rosalita (Come Out Tonight)“ markierte den Auftakt für eine ganze Reihe herzzerreißender Epen, die auf „Born to Run“ (1975) ihren Höhepunkt erreichten – ein Album, das zu den „100 besten Alben“ auf Apple Music gehört und das – kaum zu glauben – ausschließlich aus solchen Songs besteht. Erst 1980 gelang Springsteen mit „Hungry Heart“ ein echter Top Ten-Hit, der all sein Charisma und seine Dramatik in einem radiofreundlicheren Format vereinte.
Welche Ausfahrt? (1982)
Als Springsteen im September 1981 seine Tournee zu „The River“ beendet hatte, war er bereit für etwas Neues. Hinter ihm lagen 140 Shows, von denen viele fast vier Stunden dauerten – ganz zu schweigen von einem schwindelerregenden sechsjährigen Lauf, der aus einem raubeinigen Barband-Newcomer einen Rockstar seiner Generation machte. Mit Akustikgitarre und Vier‑Spur-Tonbandgerät zog er sich an die Küste von Jersey zurück und erfand nebenbei den Lo‑Fi-Indie-Rock. Songs wie „Atlantic City“ und „State Trooper“ erzählten von verzweifelten Charakteren in verzweifelten Zeiten. Die erste Version von „Born In the U.S.A.“ legte die rohe Wut eines Vietnamveteranen offen, die in der bombastischen Studioversion zwei Jahre später leicht zu überhören war. Diese produktive Phase begründete Springsteens Ruf als Pop-Chronist des immer schwerer fassbaren amerikanischen Traums. „Ich würde sagen, dass das eher unbeabsichtigt war. Vielleicht geschah es mit ‚Nebraska‘ während der Reagan-Jahre, vielleicht ein wenig mit ‚Born In the U.S.A.‘“, erzählte er 2020 Zane Lowe von Apple Music. „Wer mehr über das Leben von Amerikaner:innen zwischen 1970 und heute im postindustriellen Zeitalter der USA wissen will, könnte bei mir fündig werden. Vielleicht kommt diese Seite meiner Identität daher.“
„A King Ain’t Satisfied“ (1984–1999)
„Nebraska“ gewann an Bedeutung, als die reduzierten, klagenden Heimaufnahmen im folgenden Jahrzehnt zu einem eigenen Genre wurden. Doch die relative Abgeschiedenheit, in der es entstanden war, war nur von kurzer Dauer: Nach „Dancing In The Dark“ (1984) stieg Springsteen in jene ungewohnte und nicht unbedingt willkommene – Stratosphäre von Megastarruhm und Allgegenwärtigkeit auf. Danach zog er sich erneut zurück, um etwas Handgemachtes zu schaffen: „Tunnel of Love“ aus dem Jahr 1987. Es sollten 18 Jahre vergehen, bis er wieder ein Album mit der kompletten E Street Band veröffentlichen würde. „Unmittelbar nach ‚Born In the U.S.A.‘ wollte ich ein kleineres Album machen. Ich arbeitete daran über meiner Garage, ich und ein anderer Typ, wo ich alle Instrumente selbst einspielte“, erzählte er Apple Music. „Ich wollte mich als Sänger und Songwriter neu vorstellen und hatte kein Interesse daran, ‚Born In the U.S.A.‘ oder irgendetwas anderes, was wir gemacht hatten, zu übertreffen. Das ist ein Spiel, das man nur verlieren kann.“ Der Solo-Geist von „Nebraska“ war nun zu seiner bevorzugten Arbeitsweise geworden. Doch statt sich auf grob aufgenommene, minimalistische Akustikgitarren zu beschränken, experimentierte Springsteen mit Synthesizern, Drumcomputern, Genres und Team‑ups. Einige dieser Erkundungen führten zu kompletten Alben, die nie veröffentlicht wurden – bis zum Erscheinen des Boxsets „Tracks II: The Lost Albums“ (2025). Diese Sammlung erreichte nichts Geringeres, als das kreative Lebenswerk Springsteens neu zu definieren.
„Last Man Standing“ (2001–2025)
1999 tat sich Springsteen wieder mit der E Street Band zusammen für eine riesige – und immens erfolgreiche – Tour. Damit kehrten nicht nur seine geliebten Mitstreiter:innen zurück, sondern auch jene Art von Songs, die für sie geschrieben wurden. „Irgendwann sagte ich mir: ‚Ich vermisse die Band. Mal sehen, ob sie mich auch vermissen‘“, erzählte er 2020. Diese Chemie und Kameradschaft waren spürbar in „The Rising“ (2002), einer Hymne nach dem 11. September, die zugleich traurig und triumphierend war. Von da an wechselte Springsteen zwischen großen Bandalben und eigenwilligen Soloausflügen. „Sie wissen, dass ich bei bestimmten Projekten alleine arbeite, und es ist einfach das natürliche Auf und Ab unseres gemeinsamen Lebens.“ Das akustische „Devils & Dust“ (2005) konnte gleichberechtigt neben dem opulenten Popsound von „Girls In Their Summer Clothes“ (2007) stehen, ohne Spekulationen über den Status der E Street Band auszulösen. Mit „Last Man Standing“ (2020) schließlich machte Springsteen seine Band selbst zum Thema – und zum Symbol für Ausdauer.
Der geborene Performer
Der Song „Land of Hope and Dreams“ war Springsteens Fans seit Jahren von Liveauftritten bekannt. Aber die wohl denkwürdigste Performance fand am 14. Mai 2025 im englischen Manchester statt: Hier eröffnete er den Song mit einer leidenschaftlichen Tirade gegen den amtierenden US‑Präsidenten, den er als vulgär unamerikanisch bezeichnete. Dass dies viral ging und sogar den Angeprangerten selbst erreichte, zeigte: Auch im sechsten Jahrzehnt seiner Karriere als Rockstar weiß niemand besser als Bruce Springsteen, wie man eine Menschenmenge mitreißt. Es scheint fast unmöglich, aus über 50 Jahren offizieller Veröffentlichungen nur eine kleine Handvoll Livetracks auszuwählen – ganz zu schweigen von den obsessiv diskutierten, verbreiteten und analysierten Aufnahmen der Fan-Community. Da sind die mitreißenden Clubauftritte, die Landau und so viele andere inspiriert haben, und die Stadionkonzerte, die wie von Zauberhand die gleiche Energie und Intimität vermitteln. Es gibt so unendlich viele Coverversionen. Oft sind sie inspiriert von der Stadt, in der die Band spielt, oder vom Tod von Kolleg:innen wie Prince, wie etwa die Version von „Purple Rain“ aus dem Jahr 2016. Sie alle sind Zeugnis für die Bandbreite und den Humor der Band. Und dann ist da Springsteen selbst, ganz allein, der seine Lebensgeschichte auf eine Weise erzählt, wie nur er es kann: während einer gefeierten Broadway-Show von 2017 bis 2021.