

Die Geschichte des ESC in 20 Songs
2026 ist ein ganz besonderes Jahr für den Eurovision Song Contest: Die größte Live-Veranstaltung der Welt, die nichts mit Sport zu tun hat, feiert in Wien ihr 70-jähriges Jubiläum. Ein perfekter Moment für einen Blick zurück auf die Geschichte dieses allseits beliebten Festes, das Musik, kulturelle Vielfalt und skurrile Unterhaltung feiert.
Bunte Starvielfalt
Heute ist der Eurovision Song Contest offiziell der am längsten laufende jährliche TV-Musik-Wettbewerb. Aber damals war die erste Ausgabe noch ein kühnes Experiment der Live-Übertragung über internationale Grenzen hinweg: Die Veranstaltung wurde 1955 von der neu gegründeten Europäischen Rundfunkunion in Auftrag gegeben und feierte am 24. Mai 1956 in der Schweiz ihren Einstand. Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz bestritten den ersten Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne, wie er damals genannt wurde. Ausgestrahlt wurde die Premiere in gerade einmal zehn Ländern. Während der Name in den darauffolgenden Jahren schrumpfte, hat sich der Wettbewerb konstant vergrößert und weiterentwickelt. Präsentiert wurden bisher nicht nur über 1.700 Lieder aus 52 Ländern, sondern auch einige der inspirierendsten, denkwürdigsten und gelegentlich bizarrsten Momente der Musikgeschichte. Und obwohl der Eurovision eine unpolitische Veranstaltung ist, haben die internationalen Beziehungen unweigerlich einen Einfluss darauf, wie jede Nation ihre „Douze Points!“ – also die Höchstpunktzahl von zwölf Punkten – vergibt. Die Fans haben längst gelernt, die ständigen Rivalitäten und nachbarschaftlichen Allianzen als Teil des äußerst unterhaltsamen Eurovision-Reizes zu feiern. Bereits 1965 überstieg die Zuschauerzahl die 150-Millionen-Marke. Seither diente der Eurovision als Sprungbrett für einige der größten Stars der Welt. Die schwedische Popgruppe ABBA ist dabei die bemerkenswerteste Erfolgsgeschichte des Wettbewerbs. Das Quartett war praktisch unbekannt, bevor es 1974 mit einer lebhaften Darbietung von „Waterloo“ den Sieg davontrug. ABBA wurden danach zu einer der verkaufsstärksten Bands aller Zeiten. Ihr Vermächtnis umfasst ein eigenes Museum, ein langjähriges West End-Musical und eine bahnbrechende virtuelle Konzertreihe. Eine ähnlich beschleunigende Wirkung hatte der Eurovision Song Contest auf die Karriere der jungen Céline Dion, die den Wettbewerb 1988 für die Schweiz gewann. Ihr Sieg mit der stimmungsvollen Hymne „Ne partez pas sans moi“ ebnete dem kanadischen Star den Weg zu internationaler Anerkennung. Aber auch bereits etablierte Künstler:innen hat es immer wieder auf die Eurovision-Bühne gezogen – etwa den italienischen Pop-Maestro Toto Cutugno, der 1990 in einem Überraschungsauftritt mit seiner EU-Ballade „Insieme: 1992“ den Sieg holte. Die Grenzen des Wettbewerbs sind dabei fließend: Israel, Marokko und Australien sind nur einige der außereuropäischen Länder, die sich dem Eurovision Song Contest angeschlossen haben. Zudem dürfen Künstler:innen jeder Nationalität ein Teilnehmerland vertreten, was zu einigen überraschenden Auftritten bekannter Persönlichkeiten geführt hat. 2021 belegte Senhit für San Marino Platz 22 – ihr Song „Adrenalina“ war ein Team‑up mit dem US-Rapper Flo Rida, der beim Finale in Rotterdam sogar gemeinsam mit ihr auf der Bühne stand. Auch wenn es keine Garantien gibt, kann ein bereits bekanntes Gesicht den Ländern bei der Abstimmung einen Vorteil verschaffen, vor allem bei der breiten Öffentlichkeit im Televoting.
Die Spitze der Rangliste
Bis heute gab es 72 Eurovision-Sieger:innen in 69 Wettbewerben – mit einem kuriosen Zwischenspiel im Jahr 1969, als das Vereinigte Königreich, Spanien, Frankreich und die Niederlande punktgleich auf Platz 1 landeten. Einige Auftritte haben sich dabei ganz besonders ins Gedächtnis der Öffentlichkeit eingebrannt. 1987 schrieb der irische Singer-Songwriter Johnny Logan Geschichte, als er sich mit seiner herzzerreißenden Ballade „Hold Me Now“ als erster Act überhaupt zum zweiten Mal den Sieg holte. Schon 1980 hatte er gewonnen, damals mit „What’s Another Year“. 1992 schrieb er dann „Why Me?“ für Linda Martin und sicherte Irland damit den vierten von bisher sieben Siegen. 27 Jahre lang war das mehr, als jede andere Nation für sich verbuchen konnte. Dann schloss Schweden 2023 in puncto Gesamtsiege zu Irland auf und stellte mit Loreen sogar eine eigene Doppelgewinnerin. Auch wenn es mit jeweils fünf Siegen für Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und das Vereinigte Königreich noch etwas dauern dürfte, bis andere Länder aufholen – es gibt noch viele andere erstrebenswerte Meilensteine. Als Duncan Laurence 2019 die Niederlande mit der kraftvollen Popballade „Arcade“ vertrat, war der Eurovision-Sieg nur der Anfang: Ein Jahr später ging der Song in den sozialen Medien viral und wurde 2021 zum ersten Eurovision-Song, der die Marke von einer Milliarde Streams knackte. Natürlich sind es aber nicht nur die reinen Zahlen, die die Eurovision-Sieger:innen so herausragend machen. Einige hatten und haben auch bedeutenden kulturellen Einfluss. Ein Beispiel ist Conchita Wurst: „Rise Like a Phoenix“, der Siegerbeitrag für Österreich 2014, katapultierte die bärtige Dragqueen als Symbol des Fortschritts im Kampf um die Gleichberechtigung der LGBTQ+ Community ins Rampenlicht. Ein weiteres Beispiel ist die finnische Rockband Lordi (siegreich im Jahr 2006), die das Publikum allein durch ihre Neuartigkeit fesselte: Die Kombination aus aggressiven Riffs, Monsterkostümen und Pyrotechnik war genug, um die Performance von „Hard Rock Hallelujah“ zu einem der unvergesslichsten Eurovision-Momente zu machen.
Skurril und unvergesslich
Exzentrik ist fest in der Eurovision-DNA verankert. Für jede zarte Ballade oder mitreißende Tanznummer gibt es mindestens einen verblüffenden Ausflug ins Absonderliche. Leider schaffte es John Morrisons Puppenakt – Dustin the Turkey – nicht ins Finale, aber die Halbfinal-Aufführung des „Irelande: Douze Points“-Beitrags hinterließ dennoch Eindruck. Dustin wurde dabei in einem Einkaufswagen mit irischen Flaggen über die Bühne geschoben. Berichten zufolge wurde die Darbietung vom Publikum im damaligen Gastgeberland Serbien ausgebuht. Kritik hagelte es auch für Donatan & Cleos „My Słowianie“, Polens Beitrag für 2014. Hier wirkten Tänzerinnen in traditioneller Kleidung mit – von denen eine auf der Bühne Butter stampfte. Während die anzügliche Darbietung damals Aufsehen erregte, sorgte sie bei der Veranstaltung 2023 wiederum für Lacher: Bei der Show, die vom Vereinigten Königreich im Namen der Ukraine ausgerichtet wurde, stellte TV-Moderatorin Mel Giedroyc die Szene im Hintergrund eines von Hannah Waddingham moderierten Beitrags nach. Der Franzose Sébastien Tellier erklomm 2008 in Belgrad kreativ und humorvoll neue Höhen der Skurrilität – mit einem Chor aus perückentragenden, bärtigen und bebrillten Background-Sänger:innen. Sie imitierten seinen charakteristischen Look, während er in einem Golfmobil auf die Bühne brauste und für seine gewünschte Stimmlage Helium aus einem aufblasbaren Globus inhalierte. Der Schock über einige der unkonventionelleren Eurovision-Beiträge wird durch die Begeisterung für andere gemildert. So konnte selbst eine weltweite Pandemie Islands charmanten Beitrag für 2020 nicht ausbremsen: „Think About Things“ von Daði Freyr war ein Favorit auf den Sieg, bevor die Organisator:innen gezwungen waren, den Wettbewerb zum ersten – und hoffentlich einzigen – Mal abzusagen. Der Song schaffte es dennoch, die Quarantänezeit mit einer viralen Tanzchallenge zu dominieren, die von seiner schrägen Choreografie inspiriert war.
Die größten Eurovision-Hits
Im Großen und Ganzen ist der Eurovision Song Contest eine in sich geschlossene Musikblase, die praktisch ein eigenes Genre bildet. Dennoch haben viele Songs aus der Wettbewerbsgeschichte das Event überdauert und sind zu echten Hits geworden. So kam der Titel „Satellite“, der deutsche Gewinnersong 2010 von Lena Meyer-Landrut, beim europäischen Publikum unglaublich gut an und verkaufte sich auf dem ganzen Kontinent über eine Million Mal. Und auch Loreen, die den Wettbewerb als erste Frau zweimal gewonnen hat, konnte nicht nur ihren historischen Eurovision-Doppelsieg feiern. Das Lob der Kritiker:innen für ihre Tanzhymne „Euphoria“ (2012) und ihr ähnlich mitreißendes Liebeslied „Tattoo“ (2023) ging für den schwedischen Star mit immensem kommerziellen Erfolg einher. Andere Lieder haben auch außerhalb der am Eurovision beteiligten Länder Eindruck hinterlassen. Domenico Modugno, der 1958 Italien vertrat, belegte beim Wettbewerb zwar nur den dritten Platz – dafür landete sein Song „Nel Blu Dipinto Di Blu“ in den USA an der Spitze der Charts und ist heute einer der erfolgreichsten Eurovision-Beiträge aller Zeiten. Im darauffolgenden Jahr wurde Modugno bei der Premiere der Grammy Awards zum ersten Gewinner in den Kategorien „Record of the Year“ sowie „Song of the Year“. Das Lied, besser bekannt als „Volare“, wurde von Hunderten von Künstler:innen gecovert, darunter Dean Martin, David Bowie und Barry White. In jüngster Zeit bekam Italien mit der Rockband Måneskin und ihrem rebellischen Gewinnersong von 2021, „ZITTI E BUONI“, erneut weltweite Anerkennung: Der sofortige Karriereschub führte die Gruppe zu Festivals wie Coachella oder Glastonbury und brachte ihr 2023 eine Nominierung für den Grammy als beste neue Künstler:innen ein.
Vereint durch Musik
Keine Frage: Der Eurovision Song Contest hat von Anfang an das Schicksal zahlloser Künstler:innen verändert. Die wahre Kraft des Wettbewerbs liegt jedoch in seiner einzigartigen Fähigkeit, die Welt jedes Jahr eine Woche lang durch Musik zu vereinen. Vielfalt und Inklusion als Grundwerte der Organisation haben den Wettbewerb bei den unterschiedlichsten marginalisierten Gruppen beliebt gemacht – insbesondere bei Zuschauer:innen und Künstler:innen aus der LGBTQ+ Community. Sie fanden bereits 1961 auf der Eurovision-Bühne Akzeptanz, als Jean-Claude Pascal mit „Nous les amoureux“ für Luxemburg gewann. Der Text des Liebesliedes war bedachtsam zweideutig formuliert, aber Pascal enthüllte später, dass er sich um eine Beziehung zwischen zwei Männern drehte. Der Sänger selbst war aufgrund der damals vorherrschenden Ansichten gezwungen, die Wahrheit über seine eigene Sexualität zu verbergen. Es gab eine weitere queere Eurovision-Gewinnerin – Katrina Leskanish von Katrina and the Waves aus dem Vereinigten Königreich im Jahr 1997 –, bevor Dana International 1998 als erste Transgender-Person den Wettbewerb gewann. Die Sängerin aus Israel war die erste Siegerin, die sich offen als Mitglied der LGBTQ+ Community identifizierte. 2024 holte dann Nemo aus der Schweiz mit dem opernhaften Song „The Code“ erstmals den Sieg für einen nicht binären Act. Der Eurovision Song Contest hat zudem auch als Plattform für subtile Botschaften des Widerstands und des Trotzes gegen gewaltsame Ungerechtigkeit gedient, etwa als Jamala im Jahr 2016 mit „1944“ das Siegerlied für die Ukraine performte. Einerseits wahren die Organisator:innen zwar ähnlich wie bei den Olympischen Spielen eine Art Neutralität und pochen auf das Verbot von Liedern mit explizit politischen Textinhalten. Andererseits hat sich der Wettbewerb in Zeiten einer zunehmenden polarisierenden Spaltung auf der ganzen Welt der Herausforderung gestellt, diese Kluft zu überbrücken. Die Einfachheit seiner Mission hat dabei eine so breite Anziehungskraft, dass viele Nationen außerhalb Europas den Wettbewerb in ihr Herz geschlossen haben. Darunter befindet sich auch Australien, das 2016 eingeladen wurde, dauerhaft am Eurovision Song Contest teilzunehmen – und mit „Sound of Silence“ von Dami Im direkt den zweiten Platz belegte.