Superbloom

Superbloom

Neues Album und Interview Disco-Fantasie, ganz persönlich: „Ich war bereit, mehr von mir zu zeigen.“ Nehmen wir an, Jessie Wares sechstes Album „Superbloom“ wäre eine Blume. Welche wäre es? „Das Problem ist: Ich will einen Blumenstrauß, Babe“, sagt die Londoner Singer-Songwriterin im Gespräch mit Apple Music. „Ich will nicht nur eine Blume. ‚Superbloom‘ ist ein Blumenstrauß. ‚Superbloom‘ ist ein Wald. ‚Superbloom‘ ist ein Garten. ‚Superbloom‘ ist endlos.“ So übertrieben das auch klingen mag: Es passt perfekt zu einer Künstlerin, die den späteren Teil ihrer Karriere auf Disco-Fantasie aufgebaut hat – einer Welt voller Leidenschaft, Opulenz und Drama, untermalt von warmen Grooves und cineastischem Soul. Als Ware mit „What’s Your Pleasure?“ (2020) den Grundstein für dieses Klangspektrum legte, diente das Album als Zufluchtsort in einer von sozialen und politischen Unruhen geprägten Welt. Auf dem Album und seinem Nachfolger „That! Feels Good!“ setzte sie auf Theatralik und schuf Alter Egos wie „Mother of Pearl“, durch die sie emotionale Extreme wie Verlangen und Sehnsucht sicher ausleben konnte. Gleichzeitig gewannen auch die kleinen Fantasien im realen Leben der Musikerin an Bedeutung: als Ehefrau und Mutter, beim Start eines Podcasts mit ihrer eigenen Mutter, bei der Erweiterung ihres Freundeskreises und als Frau, die sich in ihrer Haut wohlfühlt. Mit „Superbloom“ setzt sie diese nun auch musikalisch um. Mehrere Songs („Love You For“, „16 Summers“) wurden sowohl für ihre Kinder geschrieben als auch mit ihnen zusammen aufgenommen, während „Automatic“ das Vertrauen und die Stabilität in ihrer Ehe feiert. „Ich war bereit, mehr von mir selbst zu zeigen, weniger durch Metaphern und Charaktere“, sagt sie. Entdecke „Superbloom“ und lass dich dabei von Ware Track für Track durch das Album begleiten. „The Garden Prelude“ Ich war so begeistert von diesem Album. Es sollte cineastisch wirken, und deshalb brauchte ich einen Vorspann. Ich wollte eine Einladung, eine Möglichkeit, Hörer:innen sanft einzuführen und ihnen das Gefühl einer Entdeckungsreise zu vermitteln. Am Anfang ist diese Benommenheit, diese Unsicherheit spürbar, und dann trittst du in „I Could Get Used to This“ ein. Es ist, als würde man an den Toren eines himmlischen Gartens ankommen, voller kosmischer Wesen und Sex-Nymphen. Genau diese Reise wollte ich. „I Could Get Used to This“ „I Could Get Used to This“ fühlte sich wie ein strahlendes Statement an. Deshalb haben wir das Video so gemacht, wie es ist. Die ersten Zeilen lauten: „This is what I know, step into my secret garden/It’s not impossible to bloom and grow/’Cause everyone deserves their flowers“ („Das weiß ich, tritt ein in meinen geheimen Garten/Es ist nicht unmöglich, zu blühen und zu wachsen/Denn alle verdienen ihre Blumen“) – und ich glaube, ich habe meine Blumen bekommen. Und es gibt auch den Ton an für die Welt, die ich malen wollte. „Superbloom“ „Superbloom“ führt dich tiefer in den Garten, und es wird intimer. Es ist ein Gespräch zwischen zwei Liebenden, das Hin und Her von Frustration und eine Sehnsucht nach einem nostalgischen Ort. Ich wollte alle an diesen magischen Ort versetzen, wo alles offen, ehrlich und aufregend ist. Als ich „Remember Where You Are“ auf „What’s Your Pleasure?“ schrieb, wurde es ein Song, auf den ich unglaublich stolz bin: Er berührt Leute. Ich wollte so einen Song auf diesem Album. Sie klingen sehr harmonisch. „Automatic“ „Automatic“ ist mühelos. Es ist eine Liebes- und Respekterklärung an meinen Ehemann. Es vermittelt ein Gefühl von Empowerment. Er ist gut zu mir, und zwischen uns herrschen Vertrauen und Sicherheit. Aber mir ist auch bewusst, dass er Glück hat, mich zu haben. Man fühlt sich in seiner Rolle als Partner:in für diese Person gestärkt. „Chariots of Love Interlude“ Ich wollte, dass das Album mit „Automatic“ aufsteigt, weil es so sprudelnd und romantisch war. Dann dachte ich: „Wie können wir das noch weiter steigern?“ Ich hatte diese Vision, weil ich wusste, dass ich das Gerüst danach sofort zum Einsturz bringen wollte. Ich hatte mehrmals „Wicked“ gesehen. Es war wie Glinda in der Blase. Es grenzt an Kitsch, es ist Technicolor, es ist zu schön, um wahr zu sein. Man schwebt immer weiter in die Höhe, und es kann nicht besser werden – es ist der Höhepunkt, und dann kommt der Fall in „Sauna“, wo es nur tiefe sexuelle Begierde und Hitze gibt. „Sauna“ „Sauna“ war der letzte Song, den ich für das Album geschrieben habe. Die Inspiration dazu war eine Party bei Benj Pasek, dem wunderbaren Songwriter von „Dear Evan Hansen“ und „Greatest Showman“. Shoshana Bean sang bei einer Pessach-Feier, die zu einer großen Party im Wohnzimmer wurde. Eine neue Freundin stellte mich diesen großartigen Jungs vor, und sie nannte sie „The Joy Boys“. Ich fand den Spitznamen toll, daher die Zeile „I want the boys who seek the joy“ („Ich will die Jungs, die die Freude suchen“). Es versetzte mich zurück in dieses Gefühl von endlosen Möglichkeiten, Aufregung und dem Glanz des Neuen – aber es war auch sexy, heiß und hinreißend. „Mr Valentine“ Ich wollte etwas, das zu „Ooh La La“ auf „What’s Your Pleasure?“ und „Shake the Bottle“ passt. Die Figuren stehen im Mittelpunkt. Es ist frech. Ich fand die Idee toll, dass ich diesen ernst gemeinten Song namens „Valentine“ mit Sampha mache. Ich bin so stolz darauf – aber wie könnten wir die teuflische Version dieses Songs machen, die überhaupt nicht ernsthaft ist? Ich stelle mir vor, als wäre ich Lana Del Rey und würde als Alter Ego die Strophen von „Mr Valentine“ singen, gefolgt von einem Motown-Refrain im Stil von Phil Spectors „Wall of Sound“. „Love You For“ Bei „Love You For“ singen meine Kinder am Anfang mit. Meine Tochter bestand darauf, dass ich den Song für meinen Jüngsten schreibe, weil sie es nicht fair fand, dass sie und das mittlere Kind schon einen hatten. Also musste ich einen für ihn schreiben, und obwohl er ihm gewidmet ist, ist er eigentlich für alle drei – deshalb wollte ich sie alle auf dem Album haben. Es geht um die unendliche Liebe, die man für seine Kinder empfindet. Es ist eine Liebeserklärung an meine lieben Kinder. „Ride“ Ich bin mir dieser süßen, zarten Momente bewusst, in denen meine Kinder auf dem Album singen, also wollte ich es aufmischen, indem ich das in kürzester Zeit zerstörte. Deshalb kam „Ride“ an dieser Stelle: Es musste die Süße durchbrechen und eine andere Seite von mir zeigen. „Don’t You Know Who I Am?“ Großes Lob an Jake Shears: Er hat diese Zeile erfunden: „Don’t you know who I am? I’m the love of your life“ („Weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin die Liebe deines Lebens“). Wir hatten am Anfang diese Stimmung geschaffen, die an einen Bond-Titelsong erinnert. Der Refrain ist ein weiteres Beispiel dafür, dass jemand glaubte, ich könnte diese Zeile liefern, und ich dachte: „Verdammt, ja, los geht’s.“ Es ist wie ein leiser Killer; die Leute kapieren es entweder oder eben nicht. „16 Summers“ Es geht um die Vorstellung, dass man nur 16 Sommer mit seinen Kindern hat, bis sie nicht mehr mit einem abhängen wollen. Es ist die Idee, dass die Zeit verrinnt und dass wir das Beste daraus machen. Das Gefühl wurde noch bestärkt, als wir einen Freund verloren haben, der zwei Kinder hinterließ. Man weiß nie, was passieren kann. Statt eines egozentrischen Songs über Schuldgefühle oder zu viel Arbeit wurde es ein Lied über die Schönheit des Lebens und die Wertschätzung dieser Momente. „No Consequences“ Ich habe den Song mit Tom [McFarland] von Jungle und Jack Peñate geschrieben. Es ging um den Groove: Bei den Drums am Anfang haben wir nur geklatscht und herumgealbert. Wir hatten noch nie zusammengearbeitet, also wollten wir einfach sehen, was passiert. Mir gefällt, dass es zwei unterschiedliche Seiten gibt: In den Strophen sind diese religiös anmutenden Akkorde zu hören, die durch das rhythmische „I had a dream about you last night“ („Ich habe letzte Nacht von dir geträumt“) wieder aufgehoben werden. Ich glaube, der Song brauchte beide Elemente. „Mon Amour“ Der Abspann. Ich wollte den Leuten dieses schöne Hochgefühl mitgeben, aber trotzdem mit etwas Groove. Es klingt hell, herrlich, feierlich, feminin und selbstbewusst. Ich mag die Vorstellung, wie ich mit erhobenem Haupt, offenen Armen, einem Lächeln, einem fabelhaften Kleid, tanzend aus dem Album schreite.