

„Das war mein Trick: Ich wusste, wer ich bin, bevor ich versucht habe, es jemandem zu erklären, oder bevor mir jemand anderes sagen konnte, wer ich bin“, erläutert Ashley McBryde im Gespräch mit Apple Music. Die Sängerin mit der natürlichen Ausstrahlung und dem bodenständigen Biker-Charme, die den Country-Mainstream in den späten 2010er-Jahren eroberte, lernte ihr Handwerk durch Gigs in Bars. „Ich würde auf diese über zehn Jahre Erfahrung nicht verzichten wollen, denn so habe ich gelernt, ob ein Song gut ist oder nicht: Habe ich es geschafft, dass jemand zuhört? Und konnte ich ihn unter die Coversongs schmuggeln? Ich denke, die Tatsache, dass ich bei der Aufnahme meiner ersten richtigen Platte bereits wusste, wer ich bin und wie ich klinge, hat den größten Unterschied gemacht.“ McBrydes neue Songsammlung „Never Will“ schert sich wenig um Label-Interessen und Radio-Geschmäcker. Stattdessen verknüpft sie Südstaaten-Schauergeschichten und klassische Honky-Tonk-Exkurse mit proletarischen Aufstiegshymnen, stoischer Trauer und anderen cleveren Variationen bewährter musikalischer Themen. Im Studio ließen sich die Songwriterin, ihre eingeschworene Tour-Band und Produzent Jay Joyce viel Zeit für Experimente. „Wenn du einen verrückten Einfall hast und einen Satz mit ‚Das klingt jetzt vielleicht bescheuert, aber lass es uns ausprobieren‘ beginnst, lässt Jay es dich versuchen.“ Hier spricht McBryde über die Tracks von „Never Will“.
Hang In There Girl
„Ich sah ein Mädchen, das vielleicht 14 oder 15 war, an einem Briefkasten stehen. Der Briefkasten hatte oft als Baseball herhalten müssen. Er war immer wieder verbeult und entbeult worden und hielt sich kaum noch auf dem Zaunpfahl. Sie hat genau das gemacht, was ich auch schon getan habe: Sie kickte Steine herum, aber nicht à la ‚Ich bin sauer auf Mama‘, sondern auf die Art: ‚Warum sitze ich hier und trete gegen Steine? Und warum ist das Gras so hoch? Und warum haben meine Klamotten alle vorher jemand anderem gehört?‘ Ich war die Jüngste von sechs Geschwistern und musste nicht nur geerbte Sachen anziehen, sie kamen auch noch von meinem Bruder. Wenn ich ein Fahrrad bekam, lag das nicht daran, weil sie mir eines kaufen konnten, sondern weil meine Cousins ihres nicht mehr brauchten. Es ist nichts verkehrt daran, so aufzuwachsen. Ich bin stolz darauf, wie ich aufgewachsen bin. Ich wollte einfach nur anhalten und sagen: ‚In ein paar Jahren bist du alt genug, um zu arbeiten. Dann hast du Geld und kannst dir ein Auto kaufen und von hier abhauen. Und ich verspreche dir, wenn du fort bist, wirst du gern an diesen Ort zurückdenken.‘“
One Night Standards
„Nicolette [Hayford] und ich haben einen Song namens ‚Airport Hotel‘ geschrieben. Die Hookline endete mit dem Satz: ‚I’m still sitting here kicking myself for treating my heart like an airport hotel‘, weil das kein Ort ist, an dem du dich lange aufhalten möchtest. Wir dachten, wir belassen es erst mal bei einer Strophe und dem Refrain, weil irgendwas nicht funktionierte. Bei unserer nächsten Session war Shane McAnally dabei. Wir spielten ihm vor, was wir hatten, und er sagte: ‚Ich habe nicht den Eindruck, dass da was nicht stimmt. Lasst es uns einfach weiterspielen und versuchen, ein bisschen ehrlicher zu sein.‘ Und ich meinte: ‚Na ja, der Grund, warum Hotelzimmer nur einen Nachttisch [engl.: night stand] haben, ist der, dass sie „one-night-stander“ sind.‘ Und Shane sagte: ‚Hast du „standards“ gesagt? Mach einen Reim daraus und setz ihn ans Ende der Hook.‘ Die nächste Strophe schrieb sich wie von selbst. Sie sagt so viel wie: ‚Honey, ist schon okay. Flipp nicht aus. Ich lege den Zimmerschlüssel hier hin und wenn du ihn nimmst und mich später triffst – prima. Und wenn nicht, kein Ding.‘ Ich habe ein bisschen einen auf den Deckel bekommen, als die erste Single rauskam. Die Leute meinten: ‚Das ist nicht sehr feminin, was du da sagst. Das ist nicht gerade ladylike.‘ Man hat mich ja schon vieles genannt, aber bestimmt nicht eine Lady.“
Shut Up Sheila
„Das Demo bestand aus Klavier und Gitarre – und ich habe es sofort geliebt, als Nicolette es mir schickte. Ich hatte noch nie einen Countrysong über eine sterbende Großmutter gehört. Und ich find’s in der Regel cool, wenn man Ausdrücke wie ‚halt die Klappe‘ oder das F-Wort benutzen kann. In jeder Familie gibt es eine Person – ob sie nun ein selbstgefälliger Moralapostel ist oder nicht –, die du an einem Feiertag oder in Zeiten der Trauer angucken und ihr sagen willst: ‚Ich wünschte, du würdest einfach mal den Mund halten.‘ Wenn du also beim Thanksgiving-Dinner sitzt und dir auf die Zunge beißen musst, hör dir diesen Song an. Am Ende der Plattenaufnahme musste ich über Verlust nachzudenken. Als ich meinen Bruder verlor, war ich so wütend. Ich weiß noch, dass ich bei der Beerdigung war und jeder sagte: ‚Lasst uns kurz miteinander beten.‘ Und ich dachte: ‚Wisst ihr was? Ich will jetzt gerade nicht beten. Ich will wütend sein. Ich will mich besaufen und high sein und ein bisschen Abstand von dem hier haben.‘ Jeder Mensch geht mit Verlust anders um und es ist nie okay, einem anderem deine Art aufzunötigen. Wir sollten jedem etwas Raum zum Atmen geben.“
First Thing I Reach For
„Den hier habe ich eines Morgens mit Randall [Clay] und Mick [Holland] geschrieben. Randall kam raus, kippte Whiskey in unseren Kaffee und wir haben uns alle eine Zigarette angezündet. Wir haben ihn als traurigen Song geschrieben. Als ich ins Studio ging, dachte ich: ‚Meine Welt besteht aus Fingerpicking und Midtempo-Songs. Wir wär’s, wenn wir den hier wie eine Bar-Band spielen, aber die Bar ist in einem Bowlingcenter?‘ Mein Lead-Gitarrist hat eine Telecaster mit einem B-Bender und sein Vater spielt Steel-Gitarre. Es fiel ihm also überhaupt nicht schwer, sich ein richtig cooles Riff zu überlegen.“
Voodoo Doll
„Ich wusste, ich wollte aus dem hier eine langsame Headbanging-Nummer in Richtung Metal machen, hatte aber keine Ahnung, wie wir das hinkriegen würden. Die Band liebte den Song. Wir wussten nur nicht, wie wir ihn im Studio spielen sollten. Und ich meinte: ‚Okay, lasst ihn uns einfach spielen, und zwar so mächtig und laut, wie wir nur können und dann etwas Kleines als Lead-Instrument wählen. Lasst uns daraus einen Mandolinen-Song machen. Lasst uns das traditionellste aller Instrumente in den rockigsten Song packen. Und lasst uns diese richtig traditionellen Sounds mit übersteuerten Gitarren spielen.‘“
Sparrow
„Nicolette und ich hatten schon lange die Idee für einen Song über Spatzen. Als ich anfing, mir meine Arme tätowieren zu lassen, waren die ersten zwei Tattoos Spatzen auf der Rückseite meiner Arme. Sie fragte mich: ‚Warum zwei Spatzen?‘ Und ich sagte: ‚Weil weithin bekannt ist, dass Spatzen quer durch die Welt fliegen und trotzdem nie vergessen, wo ihre Heimat ist. Sie haben die Fähigkeit, wieder zu dem Baum zurückzufinden, von dem sie kommen, und das ist eine Qualität, die ich mir auch gerne erhalten würde.‘ Ich wusste, wenn wir das Thema bei Brandy Clark ansprechen, würde sie uns helfen können, es mit Leben zu füllen.“
Martha Divine
„Ich glaube, das ist der erste Song, den ich und Jeremy Spillman gemeinsam geschrieben haben. Wir waren im Keller einer alten Kirche. Ich meinte: ‚Wir sollten was Düsteres schreiben. Ich habe schon lange keinen Mördersong mehr geschrieben. Lass uns etwas umbringen.‘ Uns fiel der Name Martha Divine ein, eine Legende aus seinem Heimatstaat Kentucky. Wir haben nicht die echte Geschichte von Martha Divine verwendet. Mir gefiel einfach der Name sehr. Und ich dachte: ‚Was, wenn es eine Situation wie bei „Jolene“ ist, nur dass wir aus der Perspektive des leicht psychotischen, bibelversessenen kleinen Mädchens schreiben, das seine Mutter beschützen will? Vielleicht ist sie 15, vielleicht 21. Ich stelle mir vor, dass sie immer wieder die Rollen wechselt: Mal rezitiert sie Bibelverse wie ein liebes kleines Mädchen, dann lächelt sie dich an, weil sie dir gleich eine Schaufel ins Gesicht knallt und noch stolz drauf ist.“
Velvet Red
„Als wir anfingen, diesen Song aufzunehmen, meinte ich: ‚Jungs, wir müssen ihn als Band spielen, und anschließend wird [Chris] Sancho den Bass-Part aufnehmen, weil er mich echt wahnsinnig macht.‘ Es ist richtig cool geworden. Man spürt noch den traditionalistischen Vibe von ‚Velvet Red‘, mit dem sich die Story am besten erzählen lässt, aber gleichzeitig wird einem das Bluegrass-Feeling nicht zu sehr um die Ohren gehauen.“
Stone
„Nicolette und ich haben eine grobe Regel, die besagt, dass wir normalerweise nichts aufschreiben, bis einer von uns weint – entweder vor Lachen oder weil wir einen wunden Punkt getroffen haben. Und wenn wir den getroffen haben, stürzen wir uns drauf. Unsere Brüder sind auf sehr unterschiedliche Art gestorben. Beide waren in der Armee, aber ihr Bruder David wurde von einem Fahrzeug erfasst und meiner brachte sich um. Wir sind also raus, um eine zu rauchen, haben gequatscht und dabei versucht, beim Thema zu bleiben, aber auch Abstand zu gewinnen, um mal durchzuatmen. Sie sagte etwas, woraufhin ich gekichert habe und meinte: ‚Oh mein Gott, ich lache wie er.‘ Es macht mich wahnsinnig – und dann fing ich einfach an zu flennen. Und sie sagte: ‚Da haben wir’s. Du bist so wütend, weil du so verletzt bist. Und der Grund, warum du so verletzt bist, ist, dass du bis zu seinem Tod nicht darauf geachtet hast, wie ähnlich ihr euch seid. Und das ist okay. Lass uns damit anfangen.‘ Es steckt also auch Hoffnung darin. Ich singe: ‚I see little bits of you in me‘. Ich glaube, ich musste es auf der Platte haben, weil es mich weitergebracht hat als jede Therapie. Und vielleicht kann es auch jemand anderem helfen.“
Never Will
„Matt [Helmkamp], unser Lead-Gitarrist, schickte dieses Gitarrenriff mit diesem coolen Groove rüber. Wir haben rumgenuschelt und kamen auf ‚I didn’t, I don’t, and I never will‘. Darauf sind wir dann voll eingestiegen. Erinnerst du dich noch an die Leute, die gemein zu dir waren, weil du Musik machen wolltest? Und jetzt wirst du für den Grammy nominiert … Und alles, was du denkst, ist: ‚Ihr habt nie verstanden, warum wir Musik machten und die Art, wie wir sie machten. Und warum ich nur in Bars gespielt habe. Wie zum Teufel glaubst du, schaffst du es in Arenen, wenn du nicht vorher in Bars spielst? Eine Karriere ist kein Preis, den man alleine fürs Mitmachen bekommt.‘“
Styrofoam
„Ich habe früher bei dieser Songwriter-Nacht in der Blue Bar [in Nashville] gespielt. Sie hieß ‚Freakshow‘. Eines Abends stand Randall Clay auf der Bühne und legte einfach los: ‚Well, in 1941…‘. Ich dachte: ‚Wovon redet er?‘ Als er aber zum Refrain kam, lachte ich schon, weil es so viel Spaß macht, diesen Song zu singen, und er sogar pädagogischen Wert hat. Randall war einer dieser Songwriter, der das hinbekam. Ich bin mit Essen und Getränken von Tankstellen und Raststätten aufgewachsen. Ich weiß, dass es verantwortungslos gegenüber der Umwelt ist, aber Sachen schmecken aus Styropor einfach besser. Und es ist lustig, ‚styrofoam‘ zu singen. Randall starb [im Oktober 2018], wir wollten ihm Tribut zollen. Es gab zwei andere Songs von ihm, die wir live spielen und die ich auf der Platte haben wollte, was aber nicht klappte. Und am letzten Aufnahmetag meinte Jay: ‚Ich wünschte, wir hätten noch einen Song, der richtig Spaß macht zu singen.‘ Also setzte ich mich hin und sang ‚Styrofoam‘.“