

„Ich wurde so abrupt in die chaotische Welt des Tourens geworfen, dass ich auf der Bühne zwischen mir als Josh und Barry strikt trennen musste. Sonst wäre ich nicht klargekommen“, erzählt Josh Mainnie gegenüber Apple Music. „Aber als es darum ging, dieses Album zu schreiben, war mir klar, dass ich das für mich als Josh mache. Ich wollte die beiden Seiten wieder zusammenführen.“ Als DJ und Produzent Barry Can’t Swim ist Mainnie seit dem Release seiner Debüt-EP „Amor Fati“ im Jahr 2021 und seines Albums „When Will We Land?“ im Jahr 2023 voll eingeschlagen. Sein markanter Sound – ein Mix aus gefühlvollen Melodien, treibenden Electronic-Percussions und akribisch zusammengeschnittenen Vocal-Samples – sorgt inzwischen auf jedem Dancefloor für eine ausgelassene Party. Für sein zweites Album, „Loner“, wagt Mainnie nun den Blick in sein Inneres, um seinen kometenhaften Aufstieg zu reflektieren. Das Resultat sind Tracks wie „The Person You’d Like To Be“ mit introspektiven Spoken-Word-Einlagen, “About To Begin” mit entfesselten Synth-Klängen oder „Childhood“ mit souligen Samples. Aber trotz der ernsthafteren Thematik bleibt die Grundlage des Albums stets die für Mainnie typische Heiterkeit. „Als ich loslegte, kam alles ganz schnell zustande“, sagt der DJ. „Diese authentische Seite von mir musste einfach rauskommen und für die Welt hörbar werden.“ Im Folgenden erklärt Mainnie Track für Track seine Gedanken zum Album. „The Person You’d Like To Be“ Hier habe ich mit einem guten Freund zusammengearbeitet, dem Dichter Séamus. Ich kenne ihn seit dem Studium und wollte schon immer was mit ihm machen. Jetzt hat es endlich geklappt. Er hat diese Lyrics geschrieben, die die Themen des Albums sehr gut einfangen. Es geht darum, dass es in mir zwei Stimmen geprägt von Konflikt und Dualität gibt: ich selbst und Barry. Ich habe Séamus’ Stimme dann durch einen KI-Stimmgenerator gejagt, so dass am Anfang die KI zu hören ist, und Séamus im Laufe des Songs immer mehr durchkommt. „Different“ Ich stieß in einem Vocal-Sample auf den Textfetzen „Everybody different“ und war direkt verliebt. Schließlich baute ich darauf den ganzen Song auf. Was mich außerdem total inspiriert hat: der Track „Church of Nonsense“ von Daniele Papini. Den spiele ich schon seit Jahren in meinen DJ-Sets, weil er diese fantastische aufsteigende Bassline hat, die ich hier nachbilden wollte. Das Ganze ist minimalistisch. Und die Synths, die nach zwei Dritteln des Songs dazukommen, waren eigentlich gar nicht vorgesehen. Aber bei den Proben für die Liveshow hat meine Keyboarderin Jakes [die Produzentin und Künstlerin Hannah Jacobs] sie einfach hinzugefügt, und es ist so geblieben. „Kimpton“ (mit O’Flynn) „Kimpton“ war einer der ersten Songs, die ich für das Album geschrieben habe. Ich wusste nicht genau, wo ich anfangen sollte. Also bin ich zu O’Flynn [einem Londoner DJ und Produzenten] nach Hause, weil er um die Ecke von mir wohnt, und wir haben einfach ein bisschen rumprobiert. Er hat schon an dem Track gearbeitet, als er mit Bonobo auf Tour war. Mir gefielen die Vocals sehr, aber ich wollte das Ganze vereinfachen und eine andere Akkordfolge und Struktur drumherum bauen. So entwickelte sich alles. Und jetzt bin ich sehr glücklich mit dem Ergebnis. „All My Friends“ Ein weiterer früher Track, den ich im November oder Dezember 2023 geschrieben hab. Ich bin zuerst auf das Vocal-Sample gestoßen und war direkt so hin und weg, dass ich es eins zu eins übernommen habe und es nicht mit zu viel zusätzlicher Instrumentation übertreiben wollte. Im Studio arbeite ich im Allgemeinen recht schnell, ich spiele die meisten Instrumente selbst live ein und ich mache eine Sache erstmal fertig, anstatt an mehreren Ideen gleichzeitig zu basteln. „About To Begin“ An dem Tag, als ich das Album eingereicht hab, hab ich diesen Song bei meinen Eltern zu Hause geschrieben. Ich hatte nichts zu tun, also wollte ich schnell etwas Neues machen, um mich zu beschäftigen. Die Vocals stammen aus einem Sample-Paket und klangen für mich erstmal recht kitschig und amerikanisch, aber mir gefiel die Energie dahinter. Ich schickte sie durch einen KI-Stimmgenerator, wodurch eine weitere Facette für die Themen des Albums entstand. Und weil der Track sich inzwischen fest in meiner Liveshow etabliert hat, musste er mit aufs Album. „Still Riding“ Dieser Song gehört zu meinen absoluten Lieblingsliedern. Ich habe ihn vor ein paar Jahren geschrieben, als ich von meiner ersten US-Tour zurückkam. Er ist auch schon ziemlich lange fertig, aber ich habe erst die Freigabe für das Vocal-Sample von Kali Uchis bekommen, als ich selbst immer erfolgreicher wurde. Das machte mich so froh, denn ich liebe diesen Track. „Cars Pass Like Childhood Sweethearts“ Als dieser Song entstand, habe ich viel Pepe Bradock [französischer DJ und Produzent] und vor allem dessen Song „Deep Burnt“ gehört. Mir gefällt die warme Atmosphäre, der er mit seinem Streichinstrumenten-Loop erzeugt. Ich fing an, davon inspirierte Streicher-Parts zu schreiben, und baute den Rest dann drumherum. Eigentlich kam der Track zuerst ohne Vocals aus, aber ich hörte mich ein paar Wochen lang durch verschiedene Samples und fand schließlich diese Vocals, die sehr gut zum Vibe des Songs passen. „Machine Noise For A Quiet Daydream (feat. Séamus)“ An dieser Stelle des Albums ist es gut, mal ein wenig Raum zum Atmen zu haben. Eines Tages schickte mir Séamus einfach so ein Gedicht, an dem er gerade saß, und ich probierte dann aus, wie es auf einem bereits fertigen Instrumental-Track klingt. Die Energie gefiel mir total. Ich habe dann gar nicht mehr viel daran gemacht. Zwar sind die Vocals nicht wirklich im Takt, aber ich fand es so toll, wie Séamus die Sprachnachricht an mich eingesprochen hatte. Also haben wir es einfach so gelassen. „Like It’s Part Of The Dance“ Ich schreibe nicht oft Songs für meine Liveshow, aber dieser Track hat es sehr schnell auf die Setlist geschafft. Ich spiele ihn jetzt seit sechs oder sieben Monaten, und das Publikum rastet immer richtig aus. Und selbst als ich das Album an Freund:innen und Vertraute schickte, erklärten ihn viele zu ihrem Lieblingssong. Der Spannungsaufbau, der Drop und die Energie sind entscheidend. „Childhood“ Als ich mal Urlaub in Lissabon machte, hatte ich ein Keyboard im Gepäck. Und auf diesem Keyboard habe ich diesen Song geschrieben. Ich fing mit den Blasinstrumenten und dem Vocal-Sample an. Und dann ging es nur noch darum, eine Akkordfolge zu finden, die ein befreiendes Gefühl hervorruft. Für mich hat der Track etwas Unschuldiges, was wiederum mit der Kindheit einhergeht. Deswegen auch der Titel. „Marriage“ Bis „Marriage“ fertig war, hat es lange gedauert. Der Vorgang erinnerte mich an eine von diesen Matrjoschka-Holzpuppen, weil ich die Vocals geschrieben hatte und sie dann live über die bereits bestehenden Instrumentals einsingen ließ. Dann fand ich die Instrumentals aber doch nicht mehr gut. Also schmiss ich alles über den Haufen. Dann wurde mir klar, dass mir die Vocals auch nicht mehr gefielen und ich sie ebenfalls neu schreiben musste. Am Ende hat dann aber alles gepasst. Ich liebe, wie der Song rund um die Zeile „My heart is closed for the season“ („Mein Herz ist für die Saison verschlossen“) aufgebaut ist. „Wandering Mt. Moon“ Ich war in einem indischen Restaurant auf der Toilette, als plötzlich der Streicher-Part eines fantastischen Bollywood-Songs durch die Lautsprecher tönte. Ich warf sofort Shazam an und schrieb davon inspiriert zu Hause meinen eigenen Part. Inzwischen ist der Track einer meiner Lieblinge des Albums, weil er für ein so sattes und atmosphärisches Ende sorgt. Der Titel stammt von einem „Pokémon“-Gameboy-Spiel: In einem der Level erforscht man eine dunkle Höhle nur mit dem Strahl einer Taschenlampe – und genau so fühlte sich das für mich an.