No Bad Memories

No Bad Memories

„Jede:r kennt diese bestimmten Jingles – vielleicht aus einer Müslireklame –, von denen man glaubt, man hätte sie längst vergessen. Aber 30 oder 40 Jahre später sind sie immer noch da und wecken so viele Erinnerungen“, erzählt Robbie Chater von The Avalanches im Gespräch mit Apple Music. „Genau das wollen wir erforschen. Was ist der Unterschied zwischen einem wunderschönen Popsong über Trennungsschmerz und einem Werbesong, der geschrieben wurde, um ein Produkt zu verkaufen? Die Absicht ist eine andere, aber ist er deshalb weniger wertvoll oder weniger großartiges Songwriting?“ The Avalanches gehen auf ihrem vierten Album noch einen Schritt weiter und betrachten, wie sich Werbung auf unsere Erinnerungen und unsere Identität auswirkt. „Ich denke, es ist gut, das zu hinterfragen, denn es ist wahrscheinlich ein größerer Teil von uns, als wir ahnen“, sagt Chater. „Wenn man jung ist und seine Identität findet, sind die Marken, mit denen man in Verbindung gebracht werden will, wirklich wichtig.“ Laut Mitbegründer Tony Di Blasi wollte das Trio, dass „No Bad Memories“ „ein bisschen spaßiger, schneller, verrückter und wilder“ werden sollte als der introspektive Vorgänger „We Will Always Love You“ aus dem Jahr 2020. Die Gruppe kreiert und verwebt fiktive Werbespots auf dem gesamten Album und sampelt sogar die elektronische Komponistin Suzanne Ciani, die Sound-Identitäten für Unternehmen wie Coca-Cola und Atari entwickelte. So erschaffen sie Welten in Welten. Hier führen uns Chater, Di Blasi und Andy Szekeres durch die wichtigsten Momente von „No Bad Memories“. „Bd-R“ Robbie Chater: „Wir haben Werbung für unsere selbsterfundenen Produkte gemacht. Nach sechs Monaten wurde uns klar, dass es viel aufregender ist, wenn wir diese Jingles machen und dann 30 davon zusammenmischen. Es fühlt sich ein bisschen an wie die Geschichte der Werbung, die auf einen einprasselt, und ein halb erinnertes Leben als Konsument:in.“ „Together“ (feat. Nikki Nair, Jessy Lanza & Prentiss) RC: „[Es enthält ein Sample] aus der Fernsehserie ‚Fünf Freunde‘, die Andys Kinder auf YouTube geschaut haben.“ Andy Szekeres: „Es lief im Hintergrund und dann kam diese Stimme. Ich habe euch beiden sofort eine Nachricht geschickt und gefragt: ‚Können wir das als Sample verwenden?‘ Es macht Spaß, wenn einem ein Sample so zufliegt, ohne dass man gezielt hinhört. Da muss man hellhörig werden, denn man hat nicht danach gesucht, es hat einen gefunden.“ „Every Single Weekend“ (feat. Jamie xx) RC: „Jamie arbeitete gerade an einem Album, und wir haben mit ihm die Songs ‚All You Children‘ und ‚Every Single Weekend‘ gemacht. Letzterer wurde nicht verwendet, also haben wir ihn für unser Album fertiggestellt. Es erinnert mich daran, wie wir alle, wenn wir im Nine-to-five-Alltag stecken, oft fürs Wochenende leben und unser ganzes Geld beim Ausgehen und Feiern verprassen. Das hat eine gewisse Euphorie, ist aber auch ein trauriger Gedanke, nur gerade so über die Runden zu kommen.“ „Blue Shadows“ (feat. Karen O) RC: „Karen singt hier anders, als ich es als Fan oft gehört habe, deshalb liebe ich es.“ Tony Di Blasi: „Das Sample ist ziemlich magisch und ich finde, es ist schwer für eine:n Sänger:in, dem gerecht zu werden. Aber ihre Energie passte zu dieser Schönheit. Sie versucht nicht, der Refrain zu sein, sondern bildet einen Kontrapunkt dazu.“ „All the Time in the World“ (feat. Vegyn, Baby Marlboro & Rivers Cuomo) TDB: „Rivers ist eine ideale Anlaufstelle fürs Schreiben von Toplines. Man schickt ihm einen Track und bekommt garantiert etwas Fantastisches zurück.“ RC: „Seine Melodien bleiben einfach im Kopf. Einfach krass. Hat er uns gesagt, was die Texte inspiriert hat? Nein.“ „Far Away“ (feat. John Glacier & Khadija Al Hanafi) AS: „Die alte Version war viel langsamer.“ RC: „Khadija hat es komplett umgekrempelt. Plötzlich hatte es eine ganz neue Energie.“ TDB: „Robbie hat es mit John im Londoner Sommer aufgenommen. Die Sommer in London haben eine spezielle Magie, denn für diese paar Monate scheint die Sonne und die Leute sind in Parks und Pubs und jeder Tag ist wie ein Festival. Daran erinnert mich der Song wirklich.“ „Can’t Get Over Losing You“ (feat. Portraits Of Tracy) RC: „Tracy hat den Track komplett verändert. Sie hat ihn genommen und schneller gemacht.“ AS: „Deshalb ist er so fröhlich. Die frühe Version war trauriger. Nicht unbedingt langsamer, aber energetisch einfach nicht auf dem Punkt. Und dann haben Tracys Stimme und ein paar Produktionsdetails ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist.“ TDB: „Sie ist erst 22 und so talentiert. Sie hat so eine schöne Seele, und ich denke, das kommt in dem Track durch.“ „One More Fantasy“ (feat. Carly Simon) RC: „Es erinnert mich an Werbung, an den Traum und die Fantasie, die uns verkauft werden. Weil es diesen leichten Hochglanz der 80er hat, versetzt es mich dorthin.“ TDB: „Ich höre es immer ein bisschen fröhlich und freudig. Es ist schon komisch, wie wir Dinge hören. Es hat zwar diese Melancholie, aber für mich fühlt es sich aufmunternd an.“ „Magic Wand“ (feat. Barry Can’t Swim) TDB: „Ich war viele Jahre lang kein Fan dieses Songs. Und dann bekamen wir ihn von Josh [Mainnie, alias Barry Can’t Swim] zurück und er hatte all diese wunderschöne Instrumentierung darübergelegt. Manchmal fügt sich einfach alles – das Album hat seinen eigenen Fluss und wenn man einen Platz dafür findet, dann glänzt er. Der Song brauchte einfach diesen Moment. Inzwischen liebe ich ihn total.“ „Superfun!™ TV Spot“ (feat. Haley Joel Osment & Mike Patton) RC: „Mikes Stimme ist unglaublich und so charismatisch. Sie war perfekt für diese Werbewelt. Und er liebt Spielkonsolen. Als wir also die ‚Superfun!‘-Werbung machten, die eine Art Parodie auf die alten Werbespots für Sega- und Nintendo-Konsolen ist, wusste er genau, wovon wir sprachen. Einfach ein großartiger Spirit und eine tolle Energie.“ „Our Love Is Alive“ (feat. Suzanne Ciani & Barry Can’t Swim) RC: „Wir haben uns viele Videos von Suzanne angesehen, weil sie für Coca-Cola gearbeitet hat, und es gibt dieses Video, in dem sie Kindern in der ‚Sesamstraße‘ einen Synthesizer zeigt; es ist einfach so süß. Wir haben vor Jahren mit ihr darüber gesprochen, gemeinsam neue Musik zu schreiben, aber es gab Terminschwierigkeiten und es hat nicht geklappt. Und so fühlt es sich jetzt wie eine Zusammenarbeit an, obwohl es ein Sample ist.“ „The Pavements Light“ (feat. Haruomi Hosono) RC: „Hosono ist ein Held. Wir haben viel Yellow Magic Orchestra gehört, als wir dieses Album gemacht haben. Alle drei Mitglieder waren in Japan sehr bekannt für ihre Werbung – sie traten einzeln in Werbespots für verschiedene Technologien auf und schrieben auch die Musik für die Werbung. Es war fantastisch, mit ihm zu arbeiten. Und ich denke, die Art, wie der Song endet, mit dem knisternden Sample im alten Avalanches-Stil, fühlt sich wie ein gelungener Abschluss an.“