Visitor

Visitor

Die Londoner Singer-Songwriterin präsentiert ein Debütalbum mit ungeschönten und doch zeitlosen Lyrics, mit einer Stimme, die an Adele erinnert, und mit einer Weisheit, für die sie eigentlich noch zu jung scheint. „Das gesamte Album dreht sich um meine Angst vor der Vergänglichkeit. Um das Gefühl, selbst nur auf Zeit da zu sein“, gesteht SIENNA SPIRO im Gespräch mit Apple Music. „Ich wollte ein Album mit zehn Tracks. Dabei sollte jeder Song eine neue Seite der Erfahrung als Gast beleuchten. Also zeigen, wie sich das anfühlt.“ Auf „Visitor“ vertieft sich SPIRO in alle emotionalen Facetten dieses Konzepts. In vielen Tracks geht es darum, nur Gast im Leben eines anderen Menschen zu sein – um eine Liebe, die ganz nah, aber doch unerreichbar ist. Sie singt aber auch über das Gefühl, sich selbst fremd zu sein („Pure“), und thematisiert Beziehungen mit großem Altersunterschied („He’s Not My Baby, I’m His“). Und im jazzlastigen „Mono No Aware“ kommt sie schließlich zur Erkenntnis, dass etwas wunderschön sein kann, auch wenn es enden muss. „Ich will mit dem Album zeigen, dass nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen zerbrechlich sind, sondern auch unsere Identität in den Augen der anderen.“ „Visitor“ folgt auf SPIROS Durchbruch-Single „Die on This Hill“ von 2025, deren Nachfolger „The Visitor“ von 2026, Auftritten im Vorprogramm von Sam Smith und Teddy Swims sowie einem Song auf dem Soundtrack von „Der Teufel trägt Prada 2“. Es ist ein Album mit plastischen, klassisch angehauchten Songs, getragen von ihrer rauchigen, majestätischen Stimme. Ihr Songwriting scheint direkt aus einem schutzlos vor uns liegenden Herzen zu kommen, begleitet von Melodien voller emotionaler Wucht. „Als ich jünger war, hatte ich diese tief sitzende Traurigkeit in mir, die ich nicht wirklich verstand“, erzählt SPIRO. „Songwriting war für mich ein Weg, meine Gefühle rauszulassen. Und ich denke, die Melodie ist ein sehr unterschätzter Aspekt des Songwritings, weil sie nicht aus Worten besteht. Man kann sie nicht rational ausdrücken. Es fühlt sich unheimlich befreiend an zu singen. Es hat etwas richtig Therapeutisches.“ Im Folgenden gibt uns SPIRO exklusiv einen tieferen Einblick in einige der herausragendsten Tracks ihres Debütalbums. „Great Expectation“ Ich war seit etwas mehr als einem Monat in New York, als ich im Oktober [2025] Opener für Sam [Smith] war. Da unterhielt ich mich mit diesem Typen, der viel älter war als ich – kein sehr netter Typ, wie sich herausstellte. Er sagte zu mir: „Ich besuche dich mal. Das wird großartig.“ Und wenn mir jemand den kleinen Finger reicht, nehme ich die ganze Hand. Ich war total verschossen in ihn. Wenn ich die Treppe in meinem Apartment runterging, habe ich mir vorgestellt, dass er draußen wartet. Jeden Morgen bin ich die Straße runtergelaufen und habe fünf Minuten lang in meiner Fantasie detailliert durchgespielt, was wohl passieren würde, wenn er jetzt wirklich da wäre. Es war so seltsam und wahnhaft. Als ich dann wieder zu mir kam, dachte ich: „Jetzt komm ich mir selbst komisch vor. Warum habe ich das überhaupt gemacht?“ Der Song handelt von dieser Geschichte, lässt sich aber auch auf die Welt allgemein übertragen. Darauf, wie wir hoffen, dass die Menschen, denen wir in unseren Köpfen oder in der Realität Macht geben, damit Gutes tun werden. Und sie tun es nicht. „Die on This Hill“ Dieser Song handelt von Leidenschaft, Fürsorge, Sturheit und davon, für andere Menschen da zu sein – aber nicht unbedingt von romantischer Liebe. Manche beziehen ihn auf einen abwesenden Elternteil oder eine Freundschaft. „Die on This Hill“ ist so eine Redewendung, die ich mein ganzes Leben lang gehört habe. Ist dieses oder jenes es wirklich wert, auf Biegen und Brechen daran festzuhalten? Darüber wollte ich schon immer schreiben. Ich habe versucht, „Bohemian Rhapsody“ zu spielen, konnte es aber nicht. Stattdessen kam dieser Song heraus. Aus einem Fehler wurde also etwas sehr Schönes. Der Song war extrem wichtig für mich, weil man mir oft das Gefühl gegeben hat, unbedeutend und schlecht zu sein – nur weil ich sehr laut und sehr stur bin und für die Dinge einstehe, an die ich glaube. „The Visitor“ Mit dem „Visitor“, also dem Gast, meine ich mich selbst. Ich habe mich mit dem Begriff wirklich stark identifiziert. Ich wusste von Anfang an, dass ich ein Album namens „Visitor“ machen würde, und darauf musste es einfach einen Song mit dem Titel „The Visitor“ geben. Ich habe neun Anläufe gebraucht, um ihn richtig hinzubekommen. Es hat ewig gedauert, weil ich keine Facette dieses Gefühls auslassen wollte. Als wäre es meine Abschlussarbeit beim Studium. Der Song erklärt, wie es sich für mich angefühlt hat, ein Gast zu sein: Du weißt, dass du quasi nur auf der emotionalen Durchreise bist. Das ist ein schreckliches Gefühl. „Mono No Aware“ Ich glaube, das ist der beste Song, den ich je geschrieben habe. Musikalisch ist es mein erstes reines Jazzlied. Ich bin damit aufgewachsen, Jazz zu singen und zu hören. Und ich glaube, es ist unheimlich schwer, einen klassischen Jazzsong zu machen, ohne etwas einzubringen, das es so noch nie gegeben hat. „Mono no aware“ ist ein japanischer Ausdruck. Er beschreibt die sanfte Traurigkeit darüber, dass alles Schöne vergänglich ist – und dass wir es deshalb umso mehr lieben sollten, weil es eben nicht von Dauer ist. Als Kind und Jugendliche hatte ich Angst, mich auf Dinge einzulassen, von denen ich wusste, dass sie irgendwann enden und dass ich mühsam versuchen müsste, sie aufrechtzuerhalten. Also habe ich es einfach gleich gelassen. Als ich zum ersten Mal auf diesen japanischen Ausdruck gestoßen bin, konnte ich durch ihn die Dinge anders betrachten. Ich konnte sie annehmen, wie sie sind, und meinen Erfahrungen einfach Bedeutung schenken. Ohne zu versuchen, sie dauerhaft festzuhalten. Ich bin dankbar für diesen Song und dafür, dass ich ihn schreiben konnte.

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