

Auf ihrem Vorgängeralbum „Dirt Femme“ von 2022 kehrte die schwedische Pop-Provokateurin ihrem langjährigen Label den Rücken und erweiterte ihr Repertoire an anzüglichen Bangern um Themen wie die Schattenseiten des Ehelebens. Vier Jahre später erscheint Tove Los sechstes Album in einer von Charli XCX geprägten Post-„BRAT“-Ära – jenem Album, das das Electroclash-Revival in den Mainstream brachte und es wieder cool machte, eine „messy bitch“ zu sein. Das Album entstand in Los Angeles, Stockholm und jenem kleinen Fischerdorf, in dem die Sängerin ihre Kindheit verbrachte. Der Titel „ESTRUS“ leitet sich vom biologischen Fachbegriff für die Brunst ab. Doch die animalischen Anspielungen und clubtauglichen Beats verbergen die Nachdenklichkeit, die hinter dem zentralen Konflikt der 39‑jährigen Sängerin steckt: Werden die Ehe und das Erwachsensein Lo dazu zwingen, jene Zügellosigkeit aufzugeben, die für sie immer eine so starke Inspirationsquelle war? Nicht ganz, wenn man sich Tracks wie „DNH“ anhört: Der Titel steht für „drunk ’n’ horny“ (betrunken und geil), und der Track selbst ist teils Diss, teils Liebesbrief an eine Freundin im Rausch: „You’re still my best friend when you ruin my night“ („Du bist immer noch meine beste Freundin, auch wenn du mir den Abend ruinierst“). Es ist ein komplexes Tauziehen zwischen Chaos und Stabilität, das, ähnlich wie bei „BRAT“, mit einer bewegenden Auseinandersetzung mit Ängsten vor der Mutterschaft endet – natürlich über einem fetten Beat.