

„Gib mir alles, aber nimm mir nicht das Handy weg“, singt Schlotte in „Andy Warhol“. Später fügt sie an: „Das lyrische Ich frisst sich am liebsten an Dystopien satt.“ Das sind Sätze, die ungefiltert aus dem Bauch einer Generation sprechen, die zwischen digitaler Dauerpräsenz und dem Wunsch nach Rückzug schwankt – und die verinnerlicht hat, dass Warhols Idee von 15 Minuten Ruhm keine Gültigkeit mehr besitzt. Denn heute sind es nur noch 15 Sekunden, in denen man sich selbst verwirklichen kann. Eben die Länge einer Story in den sozialen Netzwerken. Schlotte, die eigentlich Charlotte Laurentine heißt und in den vergangenen Jahren vor allem als Schauspielerin arbeitete, lernte den Producer laurin 2023 bei einer Writing Session in Potsdam kennen. Es klickte sofort, und gemeinsam entwickelten sie eine Popmusik, die stets mit doppeltem Boden daherkommt. In ihre Songs fließen Online- und Offlineleben gleichermaßen ein: Das grelle Flackern der Smartphone-Displays meint man ebenso aus ihnen herauszuhören wie die Erschöpfung, wenn man das Telefon endlich zur Seite legt und nur noch auf die Casio-Armbanduhr blickt. „2002“ gießt dieses Grundgefühl nun erstmals in Albumform. Stücke wie „Coming of age Sitcom“ sind Tagebucheinträge im besten Sinne: fragmentarisch, tastend, nah an der eigenen Wahrnehmung gebaut. Schlottes Texte kreisen um Überforderung, Antriebslosigkeit und das fragile Gleichgewicht zwischen Erschöpfung und dem Zwang, sich zusammenzureißen. Gleichwohl transportieren sie leisen Humor: „Ich trage sogar Fahrradhelm / und trotzdem zerbrech’ ich mir den Kopf“, heißt es einmal. Der musikalische Rahmen, den laurin dafür baut, bleibt bewusst durchlässig. Er ist ebenso am Deutschpop der 2000er-Jahre geschult wie an Hip‑Hop und den verschiedensten Spielarten elektronischer Musik. Mal, etwa in „aus dem Takt“, ballern die Tracks mit dicken Beats nach vorne. An anderer Stelle, zum Beispiel in „Schmetterlingseffekt“, kommen sie als atmosphärische Vignetten mit breiten Synthieflächen daher. Was sie gemein haben: Immer geben sie Schlottes Stimme den nötigen Raum. Das ist gut, denn diese Frau hat etwas zu sagen.