Distance in Static

Distance in Static

„Das ist wirklich das Ende einer Ära“, bekräftigt Simon Green (alias Bonobo) im Gespräch mit Apple Music. Der Musiker, Producer und DJ hält es für gut möglich, dass sein achtes Studioalbum „Distance in Static“ für absehbare Zeit tatsächlich sein letzter Longplayer ist. Musik machen will er weiter, sich dabei aber auf Mikroprojekte konzentrieren. Und mit neuen Wegen der Musikveröffentlichung experimentieren. „Aber was ein typisches Bonobo-Album angeht“, sagt er, „könnte das hier wirklich das letzte sein.“ Bereits seit 1999 veröffentlicht Green unter dem Namen Bonobo und freut sich jetzt darauf, sich – wie er es ausdrückt – frei und ungebunden zu fühlen und die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Sollte „Distance in Static“ wirklich zum letzten Eintrag in seinem Albumkatalog werden, dann ist ihm ein würdiger Abschied gelungen. Entstanden über drei Jahre hinweg unter anderem in London, Tokio und auf Neil Youngs Ranch in Kalifornien, ist die Platte für Green auf jeden Fall ein Spiegelbild der Lebensphase, in der sie aufgenommen wurde: „Alle meine Alben sind eigentlich eine Art Momentaufnahme meiner Gedankenwelt zum jeweiligen Zeitpunkt.“ Seinen Titel verdankt „Distance in Static“ der abstrakten Vorstellung, Bedeutung und Signale in Klang und Rauschen zu finden. „Es geht darum, dem Weltall und der Kurzwelle zu lauschen und zu verstehen, was da in der Ferne eigentlich passiert ist“, erklärt er. Gemeinsam mit Feature-Gästen wie Arooj Aftab, Nilüfer Yanya und Joy Crookes hat er alte wie neue Technologien und Instrumente kombiniert. Das Ergebnis ist eine wunderschöne Ergänzung für eine Diskografie, die insgesamt von atmosphärischer Wärme geprägt ist. Ein Album auf der Suche nach Fragmenten von Intimität im Weiten und Transzendenten. Im Folgenden nimmt uns Green Track für Track mit durch „Distance in Static“. „Dawn“ Die ersten paar Tracks gehen im Grunde nahtlos ineinander über, aber „Dawn“ ist eher ein Vorspiel zum zweiten Stück „Cycles“. Tatsächlich ist der Track sogar aus „Cycles“ entstanden. Ich habe die Streicher zuerst mit einem Quartett in einem Londoner Studio eingespielt. Dann habe ich das Ganze auf ein Bandgerät überspielt – genauer gesagt über den winzigen Lautsprecher des Geräts abgespielt und neu aufgenommen, um diesen typischen Lo‑Fi-Effekt zu erzeugen. Dadurch bekommt der Sound eine leicht gealterte Textur. Ich fand das einen spannenden Ansatz, dem Album eine zusätzliche zeitliche Dimension zu verleihen. „Cycles“ Das war tatsächlich der Track, mit dem ich angefangen habe. Ich mochte ihn als musikalisches Statement zum Auftakt – mit diesem sehr knisternden Streicherpart, der an den ersten Track anknüpft und die Stimmung des Albums vorgibt. Ein vielsagender Vorgeschmack auf das, was noch kommt. „Fire on the Water“ (mit Arooj Aftab) Arooj kam aus New York zu mir auf die Ranch. Ich hatte diesen noch sehr unfertigen Loop, den ich eigentlich nur bei einem Gitarren-Soundcheck so nebenbei aufgenommen hatte. Ich hatte ihn gar nicht [als Songmaterial] auf dem Schirm, aber jetzt ist er das Fundament des gesamten Tracks. Aroojs Stimme passte perfekt dazu, und ich mochte den Kontrast zwischen ihren vollen, satten Vocals und dem rohen Lo‑Fi-Vibe des Loops. Das Ganze entstand an einem einzigen Tag. Der Text stammt von einer Lyrikerin aus Aroojs Freundeskreis und wird auf Urdu gesungen. Es ist ein Song über verbotene Liebe, dessen letzte Zeile von Feuer auf dem Wasser handelt. „Drift“ Die Aufnahme habe ich bei mir im Heimstudio gemacht. Ich habe mit meinem Prophet‑5 [einem Synthesizer aus den 1970er-Jahren] herumgespielt, und er war leicht verstimmt. Dabei entstand dieser Patch, der zur Hauptakkordfolge für diesen Song wurde. Er klingt ein bisschen atonal, aber genau das liebe ich an ihm. Ich habe den Track schon in meinen DJ-Sets getestet, und er kam bei den Leuten echt gut an. „Talk to Me“ (mit Nicole Miglis) Diesen Song habe ich 2023 auf der „Fragments“-Tour geschrieben. In Wien hat meine Liveband-Sängerin Nicole ihre Stimme in einem Flur mit extrem viel Hall aufgewärmt, und ich bin dazugestoßen. Wir haben diese Harmonien mit meinem Handy aufgenommen – sie sind jetzt das Erste, was man auf dem Track hört. Noch in derselben Nacht habe ich im Tourbus einen Beat um die Aufnahme herum gebaut. Am Tag danach kam mir die Idee für Scratch-Vocals, die Nicole dann auch direkt auf der Tour eingesungen hat. Der Track ist also wirklich komplett unterwegs entstanden. „Uncasually“ Dieser Track hat diesen subtilen Sheffield-Bounce, den ich sehr mag. Der Name ist eine Hommage an den Online-Alias einer Freundin von mir, die vor ein paar Jahren gestorben ist. Sie war Raverin und stand extrem auf bestimmte Arten von House und Techno. Es schien einfach der beste Track zu sein, den ich ihr und ihrem Musikgeschmack widmen konnte. „Always on Your Side“ (mit Joy Crookes) Ich habe mit Joy darüber gesprochen, etwas zusammen zu machen, und ihr ein paar noch ziemlich unfertige Beats geschickt. Der hier hat sie sofort angesprochen. Anfangs war das Ganze noch nicht wirklich strukturiert und es war im Nachhinein viel Feinschliff nötig, um den Song um die Vocals herum aufzubauen, die sie mir zurückgeschickt hat. Ich habe dann diesen alten Höfner-Bass aus den 1960ern gefunden – ein Modell, wie Paul McCartney es gespielt hat. Der hat den Track erst so richtig zusammengefügt, mit dieser Retro-Bassline als Fundament für das gesamte Stück. „Youth’s Fountain“ (mit Nilüfer Yanya) Ich habe diesen eher gitarrenlastigen Song direkt an Nilüfer geschickt. Alle, die bei der Liveshow auf der Bühne stehen werden, spielen auch in diesem Track. Im Grunde ist alles darin ein kleiner Vorgeschmack auf das, was einen bei den kommenden Konzerten erwartet. „Shokoufeh“ Ich habe von Caltex Zugang zu ihrem Archiv mit iranischem Folk bekommen. Jemand aus meinem Freundeskreis leitet das Label und schickte mir einen Ordner: „Wenn du irgendetwas davon sampeln willst, bedien dich!“ Ich habe dort dieses Sample von einer Person namens Shokoufeh entdeckt. Es ist ein ungewöhnliches Sample mit einer ziemlich treibenden Streicherpassage und ein bisschen Gesang. Der Song entstand, bevor im Iran alles losging. Aber heute scheint es mir passender denn je, den Fokus auf das musikalische und kulturelle Erbe dieses Landes zu richten. „Can’t You See“ (mit Aanya Martin) Eigentlich war das Album für mich schon komplett fertig und abgesegnet. Aber die Deadline war noch eine Woche hin, und ich dachte mir: „Was mache ich jetzt?“ Ich war noch voll im kreativen Flow, also setzte ich mich mit meinem Ableton an den Küchentisch und experimentierte herum. Aanya hatte mir ein paar Spec-Vocals geschickt – fast schon reine A-Cappella-Vocals –, und ich habe ein paar Phrasen aus einer der Spuren herausgepickt. Der Gesang ist zwar leicht hochgepitcht, aber er fügte sich einfach perfekt ein. Und plötzlich hatte ich diesen zusätzlichen Track. „ID700“ Es gibt diesen alten, modularen Buchla-Synthesizer, den ID700. Und weil doch heutzutage die Leute im Internet ständig nach der Track-ID fragen, wenn sie neue Tracks bei DJs hören, dachte ich, hier bietet sich ein schönes Wortspiel an. Der Sound klingt insgesamt sehr britisch. Ursprünglich gab es eine Version, die überhaupt nicht funktionierte. Das Stück ist letztlich daraus hervorgegangen, dass ich mich nochmal an das Demo setzte und daraus etwas völlig Neues entstehen ließ. „Me and You“ Hier ging es mir einfach nur um pure Freude. Ich wollte einen Track machen, der Spaß macht und im Club funktioniert. Ich habe das Vocal-Sample in einem Archiv mit afrikanischer Folkmusik aus den 1950ern entdeckt. Ein Typ namens Hugh Tracey ist damals herumgereist und hat extrem viel lokale Musik dokumentiert. Das Sample ist eine der zentralen Gesangsspuren aus diesen Aufnahmen. „Equinoctial“ (mit Ichiko Aoba) Ich bin vor Kurzem nach Tokio gezogen und habe mich mit Ichiko darüber unterhalten, ein gemeinsames Projekt zu starten. Sie hat vorher eigentlich noch nie klassische Team‑ups in dieser Form gemacht. Wir waren zwei Tage lang in einem Studio in Tokio und haben viele verschiedene Klangtexturen aufgenommen. Dann wurde der Gesang eingespielt – ein Teil auf Japanisch und manches in einer Fantasiesprache, die Ichiko manchmal nutzt. Was wir aufgenommen hatten, lief allerdings zu einem völlig anderen Track. Ich habe die Aufnahmen mit nach Los Angeles genommen und angefangen, „Equinoctial“ Schicht für Schicht aus all den Layern zusammenzubauen. Eine solche Fülle an Texturmaterial hatte ich vorher wirklich selten zur Verfügung. „Mercury“ (mit Kanako Yamamoto) Diesen Track gab es eigentlich schon eine ganze Weile. Ich habe da ein paar Aufnahmen mit einer Guzheng gemacht. Das ist eine Art chinesische Harfe. Eine Freundin von mir, Kanako, ist eine unglaublich gute Spielerin und eine tolle Gitarristin. Wir haben ein paar Takes mit dieser Harfe aufgenommen und das Ganze als Fundament für den Song genutzt. Ich fand, das war ein ziemlich guter Abschluss für das Album. Es endet so, wie es beginnt – mit sehr nachdenklichem, orchestral angehauchtem Lo‑Fi. Zusammen mit „Dawn“ bildet das eine wirklich schöne thematische Klammer.