

Nach einigen turbulenten Jahren ließ sich die Londonerin auf ihrem dritten Album von den Themen Wiedergeburt und Erneuerung leiten. So schrieb sie Songs, die ihr ein Gefühl der Stärke geben. Und uns auch. „Die eine Hälfte dieses Albums ist Liebe, die andere ist Krieg“, erzählt Ridings gegenüber Apple Music. Angetrieben von der kraftvollen Stimme der Musikerin bewegt sich „Mother of Pearl“ zielstrebig zwischen stadiontauglichen Hymnen wie „Euphoria“ oder „Undefeated“ und intimeren Momenten wie „I Have Always Loved You“ und „If This Is a Dream“. Man bemerkt auch die keltische Symbolik, die sich durch das Album zieht – zum Beispiel im an Florence + The Machine erinnernden Rocksong „Wild Horse“. Die Entstehung des Albums, so Ridings, habe sich wie ein Akt der Rebellion angefühlt. Nach ihrem gleichnamigen Debüt von 2019 – und den Riesenhits „Lost Without You“ und „Castles“ – folgte eine nur allzu bekannte Begebenheit: Für das 2023er-Album „Blood Orange“ wurde Ridings mit Songwriter:innen zusammengebracht, zu denen sie keine Verbindung hatte. „Du schreibst einen Song, er wird ein großer Erfolg. Dann fragen dich alle: ‚Wie wär's, mit 20 Männern zu schreiben, die du noch nie getroffen hast?‘.“ Die Trennung von ihrem Label und Management machte eine ohnehin zermürbende Zeit noch herausfordernder. Doch „Mother of Pearl“ fühlte sich wie eine Wiedergeburt an, denn inzwischen hat Ridings bei einem neuen Label unterschrieben und ein unterstützenderes Team gefunden. „Ein großer Teil der Entstehung dieses Albums bestand darin, mich als die Künstlerin, die ich wirklich bin, radikal zu akzeptieren“, sagt sie. „Es war eine Rückkehr zu mir selbst. Wenn die Menschen nach dem Hören gestärkt daraus hervorgehen, habe ich mein Ziel erreicht.“ Im Folgenden führt uns die Musikerin durch jeden kraftvollen Song von „Mother of Pearl“. „Euphoria“ Dieser Song wurde für mein zweites Album geschrieben, aber damals schien ihn niemand in meinem Umfeld zu mögen. Zum Glück war mein Mann [der Folk-Sänger Ewan J Phillips] immer ein großer Befürworter und sagte: „Warum produzieren wir ihn nicht einfach zusammen?“ Ich bin keine Schlagzeugerin, aber er gab mir eine riesige Trommel, auf der ich einen Beat spielte und sang. Dann fügte er Cello und Gitarre hinzu. So entstand die rohe, keltisch anmutende Version von „Euphoria“, die mir schließlich den Vertrag bei BMG einbrachte. „Wild Horse“ Nach dem letzten Album zogen mein Mann und ich für ein Jahr in die USA, vor allem weil ich nach der Trennung von meinem vorherigen Label untröstlich war und mich an einem neuen Ort wieder aufbauen musste. Dort lernten wir viele Freund:innen kennen, darunter Sam de Jong, einen unglaublichen Produzenten. Er merkte, dass es mir nicht gut ging, und schlug vor, auf der Gitarre zu jammen. Ich sagte: „Ich vermisse es, mich frei zu fühlen.“ Daraufhin sprudelte dieser Song einfach aus mir heraus. Der One-Take-Gesang von damals ist heute auf dem Song zu hören. „I Have Always Loved You“ Ich habe diesen Song am Valentinstag mit Toby Gad geschrieben, einem Produzenten, der ein Händchen für herzergreifende Balladen hat und auch an John Legends „All of Me“ beteiligt war. Er fragte mich nach der größten Liebesgeschichte meines Lebens. Also erzählte ich ihm, wie ich meinen Mann kennengelernt habe. Es war kein einfacher Weg: Es gab viel Hin und Her, während wir Grenzen ausloteten und uns emotional unterschiedlich schnell entwickelten. Aber wir haben uns immer geliebt, auch als wir nur befreundet waren. Als ich den Song kürzlich live sang, bekam mein Mann feuchte Augen. Ich habe wohl gute Arbeit geleistet. „Dancing in the Kitchen“ Während ich mein zweites Album so machte, wie die Leute es mir sagten, schrieb ich nebenbei auch Songs wie „Dancing in the Kitchen“. Eines Tages erzählte mir mein Co-Writer Benjamin Francis Leftwich von „To Carry a Whale“, seinem Album über die Überwindung von Sucht. Er fragte mich, was mein Wal sei. Da erzählte ich ihm, wie verängstigt und isoliert ich mich als Kind fühlte und wie ich diese Gefühle überwand, indem ich in der Küche tanzte. Als ich letztes Jahr einen Ausschnitt des Songs veröffentlichte, gewann ich 80.000 neue Follower:innen dazu. Er scheint also bei den Leuten anzukommen. „Undefeated“ Ich habe diesen Song in L.A. mit einem großartigen Produzenten namens Jon Levine geschrieben – ironischerweise, als ich mich ziemlich niedergeschlagen fühlte. Jon lud uns am Freitagabend zum Abendessen ein, damit ich schon vor der Session ein Gefühl von Vertrautheit und Wohlbefinden aufbauen konnte. Auf dem Weg dorthin sagte ich: „Es klingt abgedroschen, aber ich möchte einen Song mit einer Boxmetapher schreiben: Selbst wenn du am Boden liegst, kannst du – solange du noch atmest – wieder aufstehen und weiterkämpfen.“ Ich musste diese Botschaft hören, während ich versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. „R U O K?“ Jemandem, den ich sehr liebe, ging es unheimlich schlecht, und ich hatte große Angst, dass diese Person sterben würde. Als ich in meinem Airbnb in L.A. ankam, sah ich diese riesigen Buchstaben im Schlafzimmer, die den Satz „R U O K?“ ergaben. Am nächsten Tag ging ich mit Rick Nowels ins Studio und sang diesen Song ganz intuitiv. Es fühlt sich an wie eine Panikattacke, bei der man sich so sehr um einen anderen Menschen sorgt, dass man dabei spürt, wie schlecht es einem selbst geht. Ich konnte das im echten Leben nicht ausdrücken, also wurde daraus ein Song, der wie eine Gothic-Rockoper anmutet. „Battleship“ Ich habe diesen Song mit meinem Bruder geschrieben, als wir in unserem Elternhaus jammten, kurz bevor ich auszog. Er existiert also schon lange. In meinen Songtexten gibt es viele nautische Bilder, und für mich klang „Battleship“ wie das Piepen eines Radars. Der Text ist eine Metapher dafür, dass man umso mehr zu verlieren hat, je mehr man jemanden liebt. Es geht um sich verschiebende Machtverhältnisse in einer Beziehung und darum, zu dieser Person zu sagen: „Bitte verletz mich nicht wieder, denn ich glaube, dann würde ich sterben.“ „Wicker Woman“ Ich schrieb diesen Song zeitgleich mit „Battleship“. Als ich ihn später mit der Produzentin Jenn Decilveo aufnehmen wollte, war die zweite Strophe irgendwie noch nicht in Stein gemeißelt. Also saß ich mit meiner Familie bis 3 Uhr morgens am Küchentisch, und zusammen feilten wir am Text: Mein Vater, meine Mutter und mein Bruder schrieben jeweils eine Zeile. „Mother of Pearl“ Das ist wahrscheinlich der traurigste Song, den ich je geschrieben habe. Es geht um jemanden, über den ich in Interviews nicht wirklich sprechen kann, weil es nicht ganz meine Geschichte ist. Aber es gibt eine Trauer, die sich durch meine Familie zieht und die ich noch nie zuvor in einem Song thematisiert habe. Nach der Veröffentlichung von „Lost Without You“ teilten viele Menschen ihre Trauererfahrungen mit mir. Doch ich hielt mich immer bedeckt. Jetzt bin ich mit „Mother of Pearl“ so offen wie möglich und teile meine eigene Trauer mit ihnen. „If This Is a Dream“ Das ist ein weiterer Song, den ich mit Toby Gad geschrieben habe. Er bat mich, eine große Liebesgeschichte zu erzählen. Es geht darum, wie meine Eltern sich kennenlernten. Das Ganze ist schon eine Art Familienlegende, denn sie sind seit fast 42 Jahren verheiratet! Besonders gerne schrieb ich über den Mut meiner Mutter, als sie allein ins Theater ging und die Liebe ihres Lebens traf. Letztes Jahr bat mich Toby in London, den Song mit einem Streichquartett zu singen. Zufällig war das am Hochzeitstag meiner Eltern, also hatten sie am Ende Tränen in den Augen. „Strength in Me“ Ich schrieb diesen Song am Klavier im Wohnzimmer und dachte, niemand würde ihn je hören. Doch mein Mann schickte das Demo an Alex Seaver [alias Mako], einen tollen Produzenten, mit dem wir am Soundtrack der Serie „Arcane“ gearbeitet haben. Zurück kam eine unglaubliche Mischung aus rohen Gefühlen und filmischer James-Bond-Atmosphäre. Das Ganze weckt den Wunsch in mir, durch einen Londoner Park zu stolzieren und mich stark zu fühlen. Es passte, das Album mit einem Stück zu beenden, das ich allein am Klavier verfasst habe. Denn wenn Leute mich unterschätzen, ist das wie Raketentreibstoff für meine Kreativität.