

Den emotionalsten Track des Albums hat Marteria an die vorletzte Position gesetzt. „Platz für uns beide“ ist ein Team‑up mit Luzey. Wer sich über den eher unbekannten Feature-Gast wundert, kann beruhigt sein: Der Rapper kennt den jungen Mann schon lange – er ist sein Sohn. In berührenden Zeilen versichern sich die beiden ihre Nähe. Und doch wird der Unterschied zwischen ihnen schnell deutlich. Allein die Art, wie der Filius rappt, ist eine andere. Seine Vorbilder sind eher in der Gegenwart zu finden. Schlimm ist das nicht. Wenn jemand nicht gezwungen auf jugendlich machen muss, dann ist das Marteria. Im deutschen Hip‑Hop ist er eine Ausnahmeerscheinung: Seit über 20 Jahren liefert der Rostocker konstant ab. Eine klare Chronologie in seinem Werk zu ziehen, ist allerdings nicht ganz einfach, da er mit Marsimoto eine zweite künstlerische Persona pflegt. Dieses Album nimmt dabei eine besondere Position ein. Es ist in zwei Arbeiten verwurzelt, die jedoch nicht seine direkten Vorgänger sind: Teil I von „Zum Glück in die Zukunft“ erschien 2010, Teil II dann 2014. Doch keine Sorge – kompliziert wird es dadurch keineswegs. Elf Tracks lang macht Marteria genau das, was er am besten kann: Er mischt Flex und Reflexion mit feinem Gespür für Wortwitz, berichtet aus Biografie und Gefühlsleben und blickt zugleich hellwach auf die Welt. In „9 Leben (Eins übrig)“ schildert er eindringlich die Prüfungen der vergangenen Jahrzehnte – von einem Unfall in der Kindheit und einem mit dem Auto, von schlimmstem Liebeskummer und Eskapaden im Feierleben. „L.I.E.B.“ und „Sad Holiday (Schwarzer Sand)“ gewähren Einblicke in emotionale Ausnahmesituationen. „Captain Europa“ und „Babylonia“ sind als Parabeln auf das Weltgeschehen zu lesen, die trotzdem nicht belehrend wirken. „PROBLEMARTEN“ zeigt schließlich die zwei Herzen, die in Marterias Brust schlagen: den Eigenheimbesitzer, der es ruhig angehen lassen will, und den Störenfried, der plötzlich an die Tür klopft und den es hinaus auf die Piste drängt. Die Stammproducer The Krauts kleiden all das in ein Soundgewand, das ihr tiefes Verständnis von Hip‑Hop mit einem wachen Blick für elektronische Musik und einem untrüglichen Gespür für die perfekte Hook verbindet. Ob die Zukunft Glück bringt? Unklar. Dieses Album tut das aber auf jeden Fall.