Glanz Null

Glanz Null

Es gibt einen Song auf „Glanz Null“, der sehr genau demonstriert, warum Hip‑Hop sich so gut wie kein anderes Genre dazu eignet, Geschichten zu erzählen. „Sommermärchen“ heißt der Track, und Apsilon verbindet darin die Erinnerungen an den Fußballsommer 2006 mit jenen an die NSU-Morde, die damals noch türkischen Banden untergeschoben wurden. Die Geschichte findet schließlich eine zweite Ebene im Jahr 2025, als ihn nach einem Konzert eine Besucherin anspricht: Sie sei die Tochter von Mehmet Kubaşık, einem der Opfer von damals. Gerade mal dreieinhalb Minuten dauert der Song, und in ihm erzählt der Rapper mehr als andere auf kompletten Alben. Apsilon sorgte schon 2024 mit seinem Debüt „Haut wie Pelz“ auch jenseits der Rap-Bubble für Aufmerksamkeit. Auf dem Nachfolger zeigt er, dass er keinesfalls Lust auf Stillstand hat. Da treffen groß angelegte elektronische Texturen auf kleine Momente, in denen seine Stimme beinahe für sich alleine steht. Mal fließen die Songs wie dunkle Ströme und umarmen die Melancholie, mal muten sie nervös, fast disruptiv an. Vor allem aber ist es die textliche Ebene, die den Musiker in einer neuen, noch einmal höheren Liga ansiedelt: Apsilon stößt die Türen zu seinem Inneren ganz weit auf. Was er dabei findet, ist manchmal sehr privat. So ist „Berg“ eine bedrückende Bilanz der Selbstbeschädigung. „Keiner von euch“ zeigt hingegen eine andere Art von Schmerz – eine, die biografisch bedingt und in Apsilons Wurzeln in einer Gastarbeiterfamilie begründet ist. „Mit Bastarden reden bringt nicht viel, das hab ich gelernt“, heißt es hier, bevor Mediendeutschland einmal komplett rasiert wird und auch der Vizekanzler was abbekommt. Wie gut all die unterschiedlichen Klänge, Emotionen und Gedanken ineinandergreifen, wird nicht zuletzt deutlich, wenn man einen Blick auf die Feature-Liste wirft. Auf ihr ist Platz für einen sehr klassischen Deutschrapper wie Summer Cem, aber auch für Tasten-Tausendsassa Chilly Gonzales. Und die sonst kontroverse Ikkimel zeigt sich plötzlich von ihrer ernsthaften Seite. Zusammengenommen ergibt das ein Album, das wütend, kompromisslos sowie kämpferisch ist … und doch Trost bietet. Diese Musik möchte man nicht nur anhören, sondern sich auch in sie hineingraben, sie verstehen und von ihr lernen.