

Dass Chapo102 von den 102 Boyz zu den vielseitigsten Rapper:innen Deutschlands zählt, dürfte bekannt sein. Ebenso, dass sich Hip‑Hop im Allgemeinen – und er im Besonderen – in den vergangenen Jahren zunehmend in Richtung Pop und Indie geöffnet haben. Die „Fahrt ins Blaue“, die Chapo102 auf diesem Album unternimmt, ist folglich von der Lust auf kreative Freiheit geprägt: vom Willen, sich auszuprobieren, und von der Bereitschaft, die eigene Stimme noch stärker so einzusetzen, wie man es aus der Rockmusik kennt. Hört man den Titeltrack, könnte man meinen: Chapo102 ist auf diesem Album kein Rapper mehr, sondern endgültig zum Sänger geworden. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Schon das folgende „Wir sind laut“, eine bittersüße Momentaufnahme jenes sorglosen Zustands zwischen Jugend und Erwachsensein, verbindet Lagerfeuergitarre mit Sprechgesang. Auch an anderer Stelle hält Chapo102 diese Balance. In „Deutsche Oper“ etwa begibt er sich, getragen von beschwingten Klavierklängen, im weitverzweigten Netz der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Suche nach jener tollen Frau, die er einmal in der U-Bahn gesehen hat. Das nur vordergründig witzige „Entgiftung“ lässt er entspannt im Eighties-Offbeat segeln – und verneigt sich dabei zugleich vor Amy Winehouse und ihrem Song „Rehab“. „Hinterkopf“ schließlich überrascht mit einem Refrain, den man nachts über verschlafene Kleinstadtstraßen brüllen möchte und der eines unterstreicht: Es ist letztlich egal, was dieser Typ mit seiner Reibeisenstimme anstellt. Man hört ihm einfach gerne zu.