

Für Chris Lake hat sich das Warten auf die Veröffentlichung seines Debütalbums zwei Jahrzehnte nach Beginn seiner Karriere gelohnt. „Ich wusste nicht, wie ich Material für ein Album auf interessante Weise zusammenstellen sollte“, sagt er im Gespräch mit Apple Music. „Aber das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich habe mich weiterentwickelt – plötzlich hatte ich eine klare Vision.“ Auch wenn ein Album lange in weiter Ferne lag, hatte der in Großbritannien geborene und heute in Los Angeles lebende Producer längst Eindrücke hinterlassen – mit Club- und Charterfolgen von „Changes“ (2006) bis hin zu späteren Hits wie „Turn off the Lights“, „Deceiver“ (mit Green Velvet) und „In The Yuma“. Nach einer Tour Ende 2022 zog sich Lake jedoch zurück, um sich neu zu orientieren. Beim Durchstöbern alter Demos stieß er auf eine melodische Seite seines Sounds, die in jüngsten Produktionen in den Hintergrund getreten war. „Meine Musik war immer einfacher und effektiver geworden“, sagt er. „Aber jetzt wollte ich wieder mehr Musikalität einbringen.“ Zwei Jahre später verwirklicht „Chemistry“ Lakes Vision. Voller leuchtender Melodien, treibender Percussion und mitreißender Vocal-Hooks zeigen die 15 Tracks seine Bandbreite und Tiefe. Das Album bewegt sich durch Texturen und Stimmungen: schwärmerischer House („In My Head“), melancholische UK Garage („Broken Hearts“), warmer Disco-Funk („Ease My Mind“) – und sogar ein echter Dancefloor-Kracher („Psycho“). Doch im Kern ist das Album auch eine Hommage an die Zusammenarbeit. Fast jeder Track bringt Sänger:innen oder Co-Produzent:innen mit ein, was Lakes Bestreben widerspiegelt, von anderen zu lernen. „Ich habe mich zu Leuten hingezogen gefühlt, deren Musik mich inspiriert“, sagt er. Dieser Instinkt führte zu Sessions mit Bonobo, Amber Mark, Riovaz, seiner Partnerin (und Ehefrau) Aatig und anderen. Die meisten Songs entstanden im Heimstudio, wobei Lake sich an die Künstler:innen anpasste. „Es gibt so viele verschiedene Wege, wie Songs entstehen können“, fügt er hinzu. „Ich finde gern heraus, wie ich das Beste aus der Person herausholen kann, mit der ich zusammenarbeite.“ Lies weiter, während Lake uns Track für Track durch „Chemistry“ führt. „On & On“ (feat. Yael Watchman) Ich bin besessen von Yaels Stimme. Ich habe vor zwei Jahren beim Hollywood-Boulevard-Gig mit FISHER eine andere Version dieses Songs gespielt – und obwohl ich sie mochte, hat sie nie funktioniert. Viele Leute wollen genau diese Version haben, aber sie ist nicht auf dem Album. Ich werde damit wahrscheinlich viele Leute verärgern, also dachte ich: „Bringen wir es hinter uns – gleich im ersten Track.“ „Memories“ (feat. Nathan Nicholson) Das war der letzte Track, der fertiggestellt wurde, aber einer der ersten, den ich geschrieben habe. Zur Überraschung vieler ist es wohl einer der clubtauglichsten Tracks. Ich habe ihn erfolgreich live gespielt. Es war toll, wieder mit Nathan zu arbeiten – er ist die Stimme auf „Summertime Blues“, dem Track, den ich mit Sammy Virji veröffentlicht habe. „Savana“ Dieser Track entstand ziemlich schnell. Ich hatte eine klare Vorstellung, und als wir zum Ende des Projekts kamen, hatte ich meinen Ansatz verfeinert: musikalische Stücke mit den Beats zu kombinieren, auf die ich stehe. Die Leute scheinen es zu mögen, und das freut mich sehr. „Reach for You“ (feat. MPH) Das war eine Zusammenarbeit mit MPH und Kelly Lee Owens. Der Song ist eine Art Frankenstein-Projekt, weil er in zwei Teilen entstanden ist. Ich hatte eine Version mit Kelly geschrieben, die auf einem anderen Arrangement basierte. Ich liebe ihre Stimme, aber ich hatte das Gefühl, dass die Produktion nicht ganz gelungen war. Dann kam Myles [MPH] vorbei, und wir arbeiteten am neuen Beat. Mit dem Gesang hat plötzlich alles gepasst. Ich fragte Kelly, ob ich die neue Version übernehmen kann. Sie sagte: „Klar!“ „In My Head“ (feat. Amber Mark) Der Track war ursprünglich ein R&B-Song – ihrer. Ich habe ihn nicht geschrieben. Aber ihre Stimme hat mich fasziniert. Als ich ihr Demo hörte, wusste ich: Diese Vocals brauche ich. Ich habe den Beat dazu gemacht, und daraus wurde ein großer Track in meinen Sets. Er ist eingängig und schlicht. „Favourite One“ (feat. Black Lotus) Ich liebe es, wie unkonventionell der Track ist. Es war ein cooler Vibe, mit Black Lotus daran zu arbeiten – einer neuen Künstlerin. Für die Vocals musste ich Alexis [Roberts] dazuholen. Sie hat sie ihrem Gästezimmer in Atlanta aufgenommen – mit einem Set-up, das sie als mies beschrieben hat. Aber mit so einer Stimme könnte sie auch mit Schnur und Becher aufnehmen, und es würde gut klingen.“ „Watch the Sunrise“ (feat. Aatig) Das ist meine Frau – also sozusagen ein Track aus dem Familienbetrieb. Wir sind schon lange verheiratet, und wir arbeiten seit Jahren zusammen. Er kam intuitiv zustande. Ich liebe den Vibe, sie klingt immer fantastisch. Das ist der einzige Track, auf dem sie als Featured Artist mitwirkt, aber sie singt auch auf „Broken Hearts“ und „Psycho“. „Ease My Mind“ (feat. Abel Balder) In diesen Track ist viel Arbeit geflossen. Abel ist ein talentierter Künstler, und es ist ein tolles Beispiel dafür, hart an etwas zu arbeiten, um etwas Interessantes entstehen zu lassen. Es ist kein schwerer Club-Track, sondern eher ein Vibe. Wir haben ihn ein paar Tage lang live in diesem Raum verfeinert, bis wir ihn aufgenommen haben. Der Mittelteil mit dem Gitarrensolo und den Keyboards ist vielleicht mein Lieblingsabschnitt des Albums. „Broken Hearts“ Aatig und ich hatten den Song ursprünglich als Zwischenspiel geschrieben, aber daraus wurde doch mehr. Ich habe so ein Delay-Gerät, und wenn ich den Sound meines E‑Pianos damit bearbeite, entstehen spacige Texturen. Der Sound am Anfang des Songs kommt vom Delay-Pedal. Ich habe sie ins Studio geholt, die Noten gespielt, und sie meinte: „Mach das Mikro an!“ und hat alles eingesungen. MPH hat die zusätzliche Produktion übernommen und mir bei den Drums geholfen. „Round After Round“ (feat. Riovaz) Riovaz wurde mir über mein Label vorgestellt. Ich habe ihn eingeladen, und das Ganze war in zwei Stunden fertig. Bei dem Song haben wir richtig Gas gegeben. Ich glaube nicht, dass er normalerweise so klingt wie hier, deshalb hat es umso mehr Spaß gemacht. Ich habe noch nie mit so einem Künstler gearbeitet: ein bisschen emo. Er singt, als würden seine Gefühle ihn quälen. Ich liebe es. Ich habe den Gesang und den Vibe total gespürt, und es klingt wie das Demo. „Chemistry“ (feat. Vera Blue) Ähnlich wie bei „Broken Hearts“: Ich habe mit Vera und ihrer Co-Autorin Nat zusammen ein paar Töne auf dem Keyboard gespielt, und die Idee sprudelte einfach aus ihr heraus. Ich stellte ihren Gesang in den Vordergrund. Ich habe ihn zerschnitten, und dann hat sich alles zusammengefügt. Es war klasse, mit einer Person zu arbeiten, die so starke Vocals hat wie sie. Sie ist unglaublich. „Psycho“ Der simpelste Track auf dem Album. Das ist sozusagen der automatische Reflex von Chris Lake: Wenn du mir sagen würdest, ich soll mit geschlossen Augen einen Beat machen – genau so würde er klingen. Ein absoluter Hammer. Es gibt keine Akkorde: Der Track widerspricht dem gesamten Albumkonzept. Aber für mich hatte er trotzdem seinen Platz. Dieser Kontrast erinnert daran, dass es das Album eines Dance-Producers ist. „Jungle“ (feat. Black Lotus) Hier dreht sich alles um die Vocals. Black Lotus hat den Originaltrack geschrieben, und ich hatte sofort eine Vision. Ich habe das Konzept auf den Kopf gestellt und dieses wilde Lead im Drop gebaut. Ich bin stolz auf den Track. Keine Ahnung, woher diese Akkorde und Ideen kamen, aber ich liebe es. Es ist seltsam. „Satisfy Me“ An diesem Track habe ich ewig gearbeitet, aber ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. Es ist wohl der größte Frankenstein-Song des Albums. Der Gesang stammt von zwei Personen aus zwei verschiedenen Songs und Sessions. Das erste Demo war ein langsamer Trip-Hop-Track, den mir Tim Randolph und Christian Alexander geschickt haben. Ich habe die Tonhöhe verändert und das Tempo erhöht, und diese Gesangspassage – „Do you satisfy me?“ – war magisch, aber ich konnte daraus kein vollständiges Konzept machen. Später war ich in einer Session mit Leven Kali, einem guten Freund, mit dem ich viel zusammenarbeite. Er spielte mir das Demo „Satisfied“ vor, und ich dachte: „Das ist cool und kommt dem, was ich mache, ziemlich nahe.“ Ich fragte, ob ich es komplett umbauen kann, und er sagte Ja. Also habe ich seinen Gesang zerschnitten, höher gepitcht und mit Christians Stimme kombiniert. Als ich sie zusammen abgespielt habe, klangen sie wie ein Sänger – sie passten sowohl in den Lyrics als auch im Timing perfekt zusammen. Totaler Zufall. „Falling“ (feat. Bonobo & Alexis Roberts) An diesem Track habe ich ebenfalls viel gearbeitet. Die Verse habe ich mit HAYLA geschrieben, die in den letzten Jahren durch Songs mit deadmau5, Kaskade und John Summit groß herausgekommen ist. Ich habe fast zehn Versionen des Tracks durchprobiert, aber die Produktion war nie stimmig. Dann war ich im Studio mit Bonobo. Ich hatte den Song noch niemandem vorgespielt, weil er sehr persönlich war, aber ich wusste, er würde die Vision verstehen. Ich spielte ihm den Song vor, und er sagte: „Ich habe eine Idee“ – und es ging los. Wir holten Alexis für den Gesang dazu, und plötzlich fügte sich alles. Es war ein echtes Highlight, mit einem meiner Idole zu arbeiten.