

EINE ERFOLGSGESCHICHTE
BLACKPINK und BTS stehen vor einem Comeback – und „K‑Pop Demon Hunters“ ist weiterhin ein Streaming-Hit. Anlass genug, um uns anzuschauen, wie diese faszinierende südkoreanische Popkultur mit ihren Multitalenten Fans auf der ganzen Welt begeistert.
Ein brandneuer Sound
K‑Pop ist mehr als nur Musik. Das Genre verschmilzt Visuals, Tanz, Fashion und Persönlichkeit in einem knallenden Feuerwerk und schafft mit einer sorgfältig aufgebauten Gruppenidentität ein berauschendes Gemeinschaftsgefühl. K‑Pop ist fröhlich, überschwänglich und kompromisslos – die Worte „zu viel“ kennt man hier nicht. Dabei gehen die Anfänge bis ins Jahr 1992 zurück, als Seotaiji and Boys mit „I Know“ bei einem Talentwettbewerb im südkoreanischen Fernsehen auftraten. Die Proto-Idol-Gruppe nutzte Stilelemente aus New Jack Swing, Hip‑Hop und Rap, um Koreas Jugend anzusprechen. Vier Jahre später mischten H.O.T. Rap und Dance mit Hip‑Hop-Beats, R&B-Vocals, Electronic-Sounds und Melodien. So definierte die Boyband den unverkennbaren K‑Pop-Sound. Seitdem hat sich K‑Pop parallel zu den globalen Trends kontinuierlich neu erfunden. 2013 debütierten BTS als Teil der sogenannten „Dritten Generation“ und erzählten ihre Coming‑of-Age-Storys mit Oldschool-Hip‑Hop. 2016 starteten BLACKPINK als coole Trap-Pop-Girlgroup und begeisterten die Fans mit ihrem inspirierenden Selbstbewusstsein. Beide wollen jetzt 2026 nach einer Pause (bei BTS wegen des verpflichtenden Wehrdiensts einiger Mitglieder) wieder einen Platz in einer K‑Pop-Welt finden, in der sich viele neue Acts und Sounds etabliert haben. Der moderne K‑Pop ist so vielseitig und mitreissend wie eh und je. Vom partytauglichen Trap der Stray Kids in „God’s Menu“ bis zum verträumten Baltimore-Club-Sound in „Ditto“ von NewJeans ist alles dabei. „Es ist nie zu spät, als genau der Mensch zu strahlen, als der du geboren wurdest“, jubelte EJAE bei den Grammys 2026, als sie den Preis in der Kategorie „Best Song Written for Visual Media“ entgegennahm – und zitierte damit ihre Siegerhymne „Golden“ aus dem Film „K‑Pop Demon Hunters“. Die südkoreanische Singer-Songwriterin und Produzentin bekam nach einem Jahrzehnt voller erfolglosem Idol-Training endlich ihre verdiente Anerkennung und erbrachte damit gleich auch den letzten Beweis: K‑Pop ist nicht mehr nur die koreanische Version der westlichen Popkultur, sondern ein eigenständiges globales Phänomen.
Aufstieg der Idols
Hätte Produzent und Musikmanager Lee Soo‑man nicht in Kalifornien studiert, sähe K‑Pop heute vielleicht ganz anders aus. Einst selbst Sänger, lebte er Anfang der 1980er-Jahre in den USA und verfolgte dort nicht nur die Geburt von MTV, sondern auch den kometenhaften Aufstieg der Popstars Michael Jackson und Madonna. Eine solche Popkultur wollte er auch in Südkorea schaffen. Also gründete er 1989 SM Entertainment und entwickelte das Idol-Trainee-System, das den K‑Pop prägen sollte. Mit seinen Ambitionen war er aber nicht allein. Yang Hyun‑suk, ehemals Mitglied bei Seotaiji‑and‑Boys, gründete 1996 YG Entertainment, während Sänger Park Jin‑young 1997 JYP Entertainment ins Leben rief. Vor dem heutigen Schwergewicht HYBE (BTS) waren diese drei Unternehmen die unangefochtenen Herrschenden der Branche: Sie entwickelten jeweils ein eigenes, rigoroses System, um aufstrebenden Künstler:innen alles mitzugeben, was ein K‑Pop-Idol ausmacht – in einer lückenlosen und penibel strukturierten Ausbildung in Sachen Tanz, Gesang, Rap, Sprache und Medienumgang. Ein Idol zu werden, ist extrem harte Arbeit und verlangt höchste Disziplin sowie völlige Hingabe. Das schaffen nur die Allerbesten. Auch bei den K‑Pop-Tracks selbst wird nichts dem Zufall überlassen. Längst sind Song-Camps die Norm, in denen die Songwriter:innen und Produzent:innen mehrere Tage lang brainstormen. Im Laufe der Zeit allerdings haben die K‑Pop-Stars immer entschiedener auf mehr kreativen Input gedrängt. Der Erfolg von BTS ist zumindest teilweise dem Umstand zu verdanken, dass die Gruppe ihre eigene Musik schreibt. Diese Authentizität und Nahbarkeit haben zu einem stärkeren Fokus auf Musik geführt, die die Idols selbst schreiben. Mittlerweile sind Gruppen wie Stray Kids, i‑dle und CORTIS gerade wegen ihrer Eigenproduktionen so beliebt. CORTIS zum Beispiel haben an jedem Track auf ihrer Debüt-EP „COLOR OUTSIDE THE LINES“ von 2025 mitgeschrieben. „Dieses Werk ist wie ein Tagebuch, in dem ihr CORTIS so seht, wie wir wirklich sind“, erklärte Bandmitglied MARTIN im Gespräch mit Zane Lowe. „Wir haben alle versucht, uns so authentisch und ehrlich wie möglich in der Musik auszudrücken.“ Mit der zunehmenden Profilierung des K‑Pop stiessen auch immer mehr internationale Creator:innen zu den Sessions. Und es eröffneten sich Chancen für globale Team‑ups. BTS haben sich zum Beispiel mit Halsey, Steve Aoki, Megan Thee Stallion und Coldplay zusammengetan. Anderson .Paak entwickelte Projekte zusammen mit RM und G‑DRAGON von BTS. Und ROSÉ eroberte 2024 an der Seite von Bruno Mars mit dem Megahit „APT.“ die Welt im Sturm.
Videos, Comics und mehr
Die Kamera schwenkt über eine Felswand, auf der die Mitglieder der Girlgroup aespa in starken Posen verewigt sind. Unten schreit eine Horde Männer. Eines der Girls hebt ein Auto hoch, das sie gerade repariert hat. Wir sehen einen Hund mit Footballhelm auf dem Kopf. Was das ist? Das Opening des Videos zu aespas Track „Rich Man“ aus dem Jahr 2025. Hier jagt ein Visual das nächste – denn im K‑Pop kann es nie zu chaotisch, zu energiegeladen oder zu übertrieben sein. Es zählt allein der Spass, wenn ein Act sich voll und ganz seinem Konzept verschreibt. Ein perfektes Beispiel ist PSY, der sich 2012 mit seinen aussergewöhnlichen Moves in „Gangnam Style“ direkt in die YouTube-Geschichte tanzte. Als erstes Video überhaupt erreichte sein Track eine Milliarde Aufrufe. Klar, der Song ist an sich schon ein absoluter Partyhit. Es waren jedoch PSYs wilde Seite, seine exzentrischen Outfits und seine selbstironischen Gags, die das Video zum Publikumsmagneten machten. Manchmal sind die Geschichten in K‑Pop-Videos allerdings so themenreich, dass vier Minuten zu kurz sind. 2015 führten BTS mit ihrem Video zu „I NEED U“ eine alternative Zeitleiste ein. Die komplexe Story erstreckte sich über mehrere Musikvideos, Kurzfilme, Background-Videos, Kurzgeschichten, Poster, Album-Booklets, ein BTS-Videospiel sowie einen Webtoon (ein digitaler Comic zum Scrollen, der in Südkorea erfunden wurde). Die Boygroups ENHYPEN und &TEAM haben sogar ein ganzes fiktives Universum namens „Dark Moon“ erschaffen. Hier sind ENHYPEN als Vampire in eine ewige Fehde der Unsterblichen mit den Werwölfen von &TEAM verstrickt. Die Handlung wurde als Webtoon und Web Novel entwickelt und erstreckt sich über die Musikvideos der beiden Gruppen – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ambitioniert der moderne K‑Pop an seine Videos herangeht.
Ultra-Fans
K‑Pop gäbe es nicht ohne Fandom. Jede Gruppe hat ihre eigene Fangemeinde – die DREAMzens von NCT DREAM, die E.L.F. („Ever Lasting Friends“) von SUPER JUNIOR sowie die ONCE von TWICE sind nur einige Beispiele. Und diese Fans belassen es nicht dabei, nur Alben zu kaufen, Musikvideos anzuschauen sowie auf Konzerte zu gehen. Sie machen ihr Fandasein zu einem zentralen Bestandteil ihrer Identität. „Bei BTS und ARMY weiss ich gar nicht, wer hier eigentlich Fan von wem ist“, sagte Jung Kook 2023 im Gespräch mit Zane Lowe über die Symbiose zwischen der Gruppe und ihrer leidenschaftlichen Anhängerschaft (ARMY steht für „Adorable Representative MC for Youth“). „Sind BTS das Fandom von ARMY? Oder sind ARMY das Fandom von BTS? Da besteht eine ganz besondere Bindung und auch eine Art gegenseitige Abhängigkeit.“ Idols kreieren Musik und Performances für ihre Fans und lassen sie über Behind-the-Scenes-Videos, Livestream-Chats, Fan-Meetings und persönliche Video-Calls direkt an ihrem Leben teilhaben. Das dankt ihnen ihr Fandom mit unerschütterlicher Loyalität. Neue Songs werden in Dauerschleife gestreamt, um eine vordere Chartplatzierung zu sichern. Fotokarten werden gesammelt und getauscht, Inhalte in andere Sprachen übersetzt und Videos über den Hintergrund und das sinnstiftende Konzept der Gruppe zusammengeschnitten. Auch Fundraising-Aktionen und soziale Projekte gibt es immer wieder: Als BTS im Jahr 2020 eine Million Dollar für Black Lives Matter spendete, sammelte ARMY noch mal die gleiche Summe. Der ganze K‑Pop-Kosmos beruht auf Gegenseitigkeit. Die Gruppe TWICE hat es in einem Versprechen an ihre Fans auf den Punkt gebracht: Wenn ihr eurer Gruppe einmal eure Liebe gebt, gibt sie euch diese zweifach (also „TWICE“) zurück. Daher der Name ihres Fandoms – ONCE für „einmal“.
Eine goldene Zukunft
Als Rapper j‑hope von BTS im Jahr 2022 sein Solo-Debüt beim Lollapalooza-Festival in Chicago gab, war das eine Premiere: Erstmals war ein südkoreanischer Act der Headliner. In den Jahren darauf machten es ihm TOMORROW X TOGETHER, Stray Kids und TWICE nach. Derweilen traten BLACKPINK, ATEEZ und ENHYPEN beim Coachella auf. Und egal ob in Australien oder in Dubai, überall werden K‑Pop-Festivals ins Leben gerufen. Die Begeisterung wächst dabei ständig: 2025 etwa spielten Stray Kids an zwei Abenden im Pariser Stade de France vor einem Rekordpublikum von 120.000 Fans. K‑Pop wächst aber nicht nur in Reichweite und Zahlen, sondern entwickelt sich auch in seiner Identität weiter. 2024 sorgte Big Ocean als erste gehörlose K‑Pop-Gruppe für eine Sensation. 2025 outete sich Bain von JUSTB als homosexuell – ein historischer Moment für die LGBTQ+ Repräsentation in der Branche. Gemischtgeschlechtliche Gruppen wie KARD und ALLDAY PROJECT gibt es häufig. Und einige K‑Pop-Acts stammen nicht einmal aus Korea: KATSEYE und GIRLSET sind aus Los Angeles, dearALICE aus Grossbritannien. Sie alle wurden natürlich trotzdem von südkoreanischen Entertainment-Unternehmen aufgebaut. Einheimische Bands wie BLACKPINK reagieren ihrerseits auf den internationalen Erfolg mit immer mehr englischen Texten. Dennoch bleibt Südkorea der Herzschlag und Hauptmarkt des K‑Pop-Genres. BTS haben ihr neues Album „ARIRANG“ nicht umsonst nach dem womöglich beliebtesten koreanischen Volkslied benannt. Die Branche hat aber mittlerweile internationale Sphären erreicht, von denen Lee Soo‑man, Seotaiji oder PSY wohl nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Und wenn man sich die bisherige Erfolgsgeschichte ansieht, dann hat der Siegeszug des K‑Pop gerade erst begonnen.