Pure Devotion

Pure Devotion

Mit ihrem Debütalbum „Good Lies“ (2023) – einem umwerfend einfallsreichen Werk, das die verschiedenen Strömungen der britischen Clubkultur miteinander verband – etablierten sich Overmono als eine der wichtigsten neuen Stimmen in der britischen Dance-Musik. Doch die walisischen Brüder Tom und Ed Russell, deren Bandname ihren Heimatort Monmouth in ein Wortspiel verwandelt, hatten kein Interesse daran, sich bei ihrem Nachfolger an eine bewährte Formel zu halten. Während ihr erstes Album noch auf Tour zwischen euphorischen Live-Sets entstand, sollte dieses Werk ganz gezielt im Studio erarbeitet werden. „Wir haben uns ziemlich klare Grenzen gesetzt“, erzählt Ed gegenüber Apple Music. „Da waren viele kleine Dinge, aber im Wesentlichen ging es darum, den physischen Raum um uns herum so oft wie möglich zu nutzen. Das hat unsere Herangehensweise an die Albumaufnahmen stark beeinflusst. Uns wurde schon früh klar, dass wir den Grossteil des Albums erst schreiben und dann produzieren wollten. Also eher so, wie eine Band vorgehen würde.“ Die Brüder beschlossen, sich bei ihrem Equipment auf Synthesizer aus den 1970er- und 1980er-Jahren zu konzentrieren. „Das war eigentlich nur eine Ausrede, um noch viel mehr Synthesizer zu kaufen“, sagt Tom. Dann begaben sich für intensive Schreib- und Aufnahmesessions in verschiedene Studios. Zuerst ging es nach Nordspanien, dann schlugen sie ihr Lager in Island auf, bevor sie sich in ihrem eigenen Studio in Bristol verschanzten. Das Ergebnis ist „Pure Devotion“: ein Album, das von der berauschenden Euphorie ihrer gleichnamigen Live-Events durchdrungen ist. Gleichzeitig entfaltet es eine zukunftsweisende Dynamik, die sich durch alle elf Songs zieht und aufzeigt, wohin sich Rave als Nächstes entwickeln kann. Im Folgenden führen uns Tom und Ed Track für Track durch das Album. „Lockup“ Tom: „Wir hatten eine Menge Bücher gelesen, insbesondere ‚Rip It Up and Start Again‘ [Simon Reynolds’ Bericht über die Post‑Punk-Ära]. Das hat unsere Herangehensweise an dieses Album stark beeinflusst: Einige der Post‑Punk-Bands der frühen 1980er-Jahre gingen sehr unbeschwert an ihre Aufnahmen heran. Wir haben uns intensiv mit Post‑Punk beschäftigt, und der Gesang bei ‚What a Waste‘ von Fast Relief ist uns dabei sofort aufgefallen. Wir haben das Grundgerüst von ‚Lockup‘ recht schnell an einem Nachmittag geschrieben und den Track dann für einige Monate beiseitegelegt. Als wir später im Studio in Nordspanien waren, haben wir ihn wieder hervorgeholt. Wir dachten sofort: ‚Oh ja, das ist ein Volltreffer.‘ Danach ging es nur noch darum, den Rest des Tracks auszuarbeiten und ihn im Studio in Bristol fertig zu produzieren.“ „Knight in Shining Prada“ (mit John Joseph Holt) Ed: „Das ist ein Song mit unserem lieben Freund John Joseph Holt. Er schickte uns dieses unglaubliche Gedicht, das er über die Beziehung zu seinem verstorbenen Bruder geschrieben hatte. Die fantastischen Worte von John waren also bereits da, aber es dauerte fast ein Jahr, bis wir wussten, wie wir sein Gedicht am besten musikalisch untermalen konnten. Wir waren gerade wieder in Nordspanien und griffen auf eine Akkordfolge zurück, die wir eines Abends geladen und mit der wir schon eine Weile experimentiert hatten. Als wir sie zusammen mit Johns Stimme abspielten, fühlte es sich sofort nach genau dem emotionalen Fundament an, das wir suchten. Wir waren in dieser Nacht sehr lange auf und tauchten da komplett ein. Am Ende kamen wir irgendwie auf 84 Versionen davon. Wir haben uns schliesslich für Version 83 entschieden.“ „Slowmotion“ Tom: „Das ist einer der Tracks auf dem Album, von dem wir schon seit ein paar Jahren immer wieder neue Versionen gemacht haben. Es hat eine Weile gedauert, bis uns genau klar war, was wir damit erreichen wollten. Aber in Island haben wir dann endlich den richtigen Dreh gefunden. Wir liebten den Gesang und die Akkorde, es ging nur noch darum, den Mittelteil richtig hinzubekommen. Wir fingen an, einen Roland SH‑101-Synthesizer extrem zu bearbeiten, bis er am Ende wie eine Art E‑Gitarre klang. In dem Moment dachten wir: ‚Ja, das ist genau der Vibe, den wir gesucht haben.‘“ „Even Angels Ghost“ (mit Kindora) Ed: „Wir haben Kindora [die Singer-Songwriterin aus Tennessee] schon bei vielen unserer früheren Stücke gesampelt. Sie hat eine unglaubliche Stimme, und wir lieben es, mit ihr zu arbeiten. Auf diesem Album wollten wir sie unbedingt für ein richtiges Feature dabeihaben. Es fühlt sich an wie die bisher ausgereifteste Form unserer Zusammenarbeit. Es war grossartig, endlich einen kompletten gemeinsamen Track aufzunehmen.“ „Barum“ Tom: „Wir hatten uns kurz zuvor einen Yamaha CS‑15 zugelegt, den wir restauriert in Japan gekauft haben. Wir starteten einfach die Aufnahme, jammten ein bisschen damit herum, legten das Ergebnis eine Weile beiseite und holten es später wieder hervor. Daraus entstand die Grundlage für ‚Barum‘. Als wir dann nach einem passenden Gesangspart suchten, stiessen wir auf den von Jaz Karis – und der hat uns sofort überzeugt. Wir haben lange an den Drums gesessen, sie im Studio neu ge‑ampt und durch einen alten Tannoy-Bahnhofslautsprecher aus den 1930er-Jahren geschickt. Den haben wir von unserem Tech bekommen. Der lag bei ihm im Schuppen, keine Ahnung, wo er den herhat! Darin steckt ein Goodmans-Treiber, und wir haben extra jemanden kontaktiert, der ewig bei Goodmans gearbeitet hat. Selbst er meinte: ‚So einen habe ich noch nie gesehen.‘ Es wäre echt spannend, mehr darüber herauszufinden.“ „Mialon“ Ed: „Wir wollten unbedingt etwas schreiben, das dieses Gefühl einfängt, wenn man spät nachts allein herumfährt. Wir reden immer darüber, wie man Musik im Auto spürt, so nach dem Motto: ‚Wie fühlt es sich an, wenn man diesen Song beim Fahren hört?‘ Bei ‚Mialon‘ dachten wir uns direkt: ‚Wow, das ist ein Song für nächtliche Autofahrten.‘“ „Laxbrook“ Tom: „Das ist ein Track, über den wir uns schon sehr, sehr lange den Kopf zerbrochen haben. Es gab so viele verschiedene Versionen auf unserer Festplatte, also beschlossen wir, für dieses Album einen letzten Versuch zu wagen. Ich war nicht allzu zuversichtlich. Über einen Zeitraum von zwei Wochen fragte ich Ed immer, wenn ich ihm eine Nachricht schickte: ‚Was machst du so?‘ Und er antwortete, dass er gerade an ‚Laxbrook‘ arbeite. So ging es Tag für Tag. Ich weiss noch, wie ich zu meiner Frau sagte: ‚Ich glaube, Ed dreht ein bisschen durch, ich mache mir Sorgen um ihn.‘ Als wir dann endlich im Studio in Spanien waren, fragte er mich, ob ich diese Version von ‚Laxbrook‘ mal hören wolle. Und er hat es absolut perfekt hinbekommen. Er hat den Code endlich geknackt.“ Ed: „Manchmal muss man sich einfach lange genug mit etwas beschäftigen, um es zu verstehen. Es war ein langwieriger Prozess. Man muss jeden Stein langsam umdrehen und feststellen, dass nichts darunter ist, bis man den einen findet, unter dem das liegt, was man sucht.“ „Gem Lingo (ovr now)“ (mit Ruthven) Ed: „Wir waren fasziniert von Bands wie Portishead und deren Herangehensweise an Drums, bei der sie sehr kleine Sounds nehmen, die kaum Eigenleben haben, und sie so stark bearbeiten, dass sie riesig klingen. Genau das haben wir bei diesem Song auch versucht. Wenn man sich die Drums isoliert anhört, sind das eigentlich nur winzige Klicks und Pops, die wir von der Auslaufrille am Mittellabel einer Schallplatte aufgenommen haben. Dabei war uns der Raum zwischen den einzelnen Schlägen wichtiger als die eigentlichen Drum-Sounds selbst. Das hat schon immer die Art und Weise beeinflusst, wie wir Drums machen, aber ‚Gem Lingo‘ ist das beste Beispiel dafür. Ausserdem waren wir verrückt nach Gitarrenpedalen. Jede einzelne Spur in diesem Song haben wir durch fünf verschiedene Pedale gejagt.“ „Adre“ Tom: „‚Adre‘ ist Walisisch und bedeutet ‚nach Hause kommen‘. Am Anfang ist ein Sample von unserem Kumpel Dwayne zu hören, der darüber spricht, wie er uns bei der Gage für den Auftritt an seinem 40. Geburtstag übers Ohr gehauen hat.“ Ed: „Wir hatten diese Sprachnotiz von einem Gespräch mit unseren Freund:innen zu Hause, die wir unbedingt irgendwo auf dem Album verwenden wollten. Wir überlegten hin und her, was wir damit machen sollten. Als wir sie uns dann anhörten, dachten wir uns: ‚Wir sollten diesen Song einfach komplett so lassen, wie er ist, und die Sprachnotiz hinzufügen. Mehr braucht er nicht.‘“ „Ballad“ (mit Kindora und Rock Floyd) Tom: „Wir haben Kindoras Stimme über die Jahre bei so vielen Tracks gesampelt und dadurch sie und ihren Partner Rock näher kennengelernt. Uns gefiel die Idee, einen Track zu machen, auf dem beide zu hören sind und der wie ein Duett für die beiden funktioniert.“ Ed: „Wir wollten, dass es sich so anfühlt, als würden sie fast übereinander singen – so, als ob sie um den Raum im Song ringen, damit es so klingt, als würden sie sich gegenseitig ansingen. Im Laufe des Songs fangen sie an, sich noch mehr zu streiten. Oder, je nachdem, wie man es betrachtet, miteinander zu harmonieren.“ „After the Rain“ Ed: „Wir wussten, dass wir das Album mit einem bestimmten Gefühl beenden wollten. Und wir haben lange versucht, genau dieses Gefühl zu finden. Ich glaube, keiner von uns konnte exakt beschreiben, was es war. Wir wussten nur instinktiv, was wir anstrebten. ‚After the Rain‘ wurde zu einem dieser Songs, die aus vielen Teilen von anderen Dingen zusammengesetzt wurden. Wie Kindora ist auch [das norwegische Elektronik-Duo] Smerz ein Act, den wir schon öfter gesampelt haben. Sie haben ein unglaubliches Gespür für Toplines – diese wirklich erstaunlichen Vocal‑Hooks mit der wunderschönsten Modulation. Wir kombinierten den Gesang aus zwei verschiedenen Smerz‑Songs, die wir stark zerstückelt haben. Wir wussten beide, wie sich das Album am Ende anfühlen sollte. Es ging dann einfach darum, so lange herumzuprobieren, bis wir genau das finden, was uns dieses Gefühl gibt.“