

In Golden, Texas (weniger als 200 Einwohner), gibt es nicht viel zu tun. Der Ort, in dem Kacey Musgraves aufwuchs, ist deutlich ruhiger als Austin, wo sie mit 18 als angehende Singer-Songwriterin hinzog, und Nashville, wo sie ihre Karriere begann und heute lebt. Auf dem Album „Deeper Well“ (2024) sang sie über eine Trennung und die darauffolgende Suche nach sich selbst – und während der dazugehörigen Welttournee zog es sie immer wieder nach Golden mit seinem gemächlichen Tempo und dem weiten Himmel. „Manchmal muss man Dinge bereinigen, und das ist nicht schön“, sagt sie Apple Music. „Ich war in einer Phase, in der ich vieles in meinem Privatleben neu bewertet habe, mich zurückgezogen und mehr Zeit allein verbracht habe.“ Der Wendepunkt: „Mitten im Ort stand ein Schild: ‚Golden, Texas: Somewhere in the middle of nowhere.‘ [‚Golden, Texas: Ein Ort mitten im Nirgendwo.‘] Ich dachte nur: ‚Das muss ein Song werden.‘ Es wurde zum ästhetischen und emotionalen Mittelpunkt dieses Albums.“ Während „Deeper Well“ davon handelte, sich von nutzlosen Dingen zu trennen, erntet sie in „Middle of Nowhere“ die Früchte einer stillen Zeit: Diese Songs sind in dem Raum gewachsen, den sie sich geschaffen hat – Lieder, die sich wie Zuhause anfühlen und auch so klingen. Natürlich hat sie mit Genre-Mischungen grosse Erfolge gefeiert. Doch anders als das preisgekrönte „Golden Hour“ von 2018 widmet sie sich in „Middle of Nowhere“ erstmals seit „Same Trailer Different Park“ (2013) und „Pageant Material“ (2015) wieder ganz dem klassischen Country-Sound. „Ich habe das Gefühl, einen grossen Kreis geschlossen zu haben – vielleicht nicht einmal ganz bewusst“, sagt sie. „Ich versuche immer, traditionellen Country einzubringen, denn das liegt mir sehr am Herzen. An einem Tag höre ich Dr. Dre, am nächsten alten Jazz oder Mariachi. Es gibt viele Einflüsse, aber ich nehme den Country immer mit.“ Auf „Middle of Nowhere“ gelingt ihr das mit ruhigem akustischem Fingerpicking, sehnsüchtigem Pedal Steel, dem Echo eines Gitarrenriffs in einer leeren Bar, Akkordeonklängen und Tejano-Rhythmen. Unterstützt wird sie von ausgewählten Weggefährt:innen und Idolen wie Billy Strings bei „Everybody Wants to Be a Cowboy“ und Willie Nelson – für sie der „Wahrheits-Patriarch des Country“ – bei „Uncertain, TX“. Textlich zeigt sich Musgraves in Bestform und mit viel Humor: „Dry Spell“, in dem sie darüber klagt, „einsam mit grossem H“ („lonely with a capital H“) zu sein und dass „kein Truck in ihrer Einfahrt steht“, sorgt für ein Schmunzeln. Ebenso „Horses and Divorces“, ihr augenzwinkerndes Duett mit Miranda Lambert, das ihre inzwischen beigelegte Fehde aufgreift. Auch wenn sich der Kreis geschlossen hat, macht „Middle of Nowhere“ eines deutlich: Sie hat sich zwar aus Golden verabschiedet, nicht jedoch vom Country. „Ich hatte von Anfang an die kreative Freiheit, Grenzen auszuloten und Menschen für Country zu begeistern – nicht, sie davon abzuschrecken“, erklärt sie. „Aus meiner Perspektive stehe ich im Zentrum und hole andere Menschen zu mir. Ich könnte es gar nicht verlassen, selbst wenn ich wollte. Aber ich habe auch andere Seiten. Ich hätte keinen Respekt vor mir selbst – und andere wohl auch nicht –, wenn ich immer wieder dasselbe machen würde.“