choice#15

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choice#15 … Berlin, 27.06.2023 … Man glaubt es kaum, aber das erste halbe Jahr von 2023 ist schon wieder Geschichte und seit ein paar Tagen kommt Weihnachten wieder näher… bis dahin fließt aber noch ein wenig Sickerwasser mit Plastikmüll und Elektrorollern die Panke runter und es erscheinen immer wieder interessante Sachen aus dem Bereich der mehr oder weniger populären Musik… damit zum Thema… Es beginnt poppig… Héloïse Letissier aka Christine & The Queens aus Frankreich mit leicht dramatischen aber auch spannenden Synthie-Pop eröffnet den Reigen… als Single bereits im März erschienen und erst jetzt in meinem Kopf abgespeichert…guter Song aber das ganze Album ist dann für mich doch etwas zu viel des Gutem. Der nächste Act ist im Prinzip auch eine Einzelperson hinter einem Bandnamen: Der Schwede Martin Nordvall steht hinter The Sweet Serenades… ursprünglich als Duo bereits vor über 20 Jahren gegründet, bietet die Band hier einen eindringlichen, etwas düsteren Song mit Marimba, 80’s Keyboards, Gitarren und dunklem Gesang. Über eine eindringliche Baritonstimme verfügt auch Michael Gira, der Sänger der New Yorker Noise-Veteranen Swans. Als die Band in den 1980ern anfing zu musizieren war die Musik wenig erträglich für meine Ohren. Gegen Ende des Jahrzehnts folgte eine gute „Love Will Tear Us Apart“ Coverversion und Anfang der 1990er gute Alben wie „White Light From The Mouth Of Infinity“, danach lange nichts und ab 2013 Alben wie „The Seer“… zwei Stunden Spielzeit, alles laut und experimentell… ich habe es immer wieder mal versucht damit, aber letztenendes war das nix für mich… nun also „The Beggar“… etwas leichter, aber immer noch sehr anspruchsvoll und anstrengend… der Song „Los Angeles: City Of Death“ ist allerdings, auch wegen seiner Kürze das poppigste Swans Stück des „neuen“ Jahrtausends. David Bridie ist der nächste Interpret und auch ihn kenne ich bereits seit Jahrzehnten… die Musik seiner Bands Not Drowning Waving und My Friend The Chocolate Cake hörte ich in den 1990ern sehr gerne. „Sympathetic Martin“ ist das zentrale Stück eines Spoken Word Albums für das Bridie die Musik schrieb und andere Künstler erzählen irgendwelche Geschichten… entstanden ist das Projekt im Lockdown… auch in dem Song wird nicht gerade gesungen sondern eher aufgezählt… man erkennt Bridie am Klavierspiel und an der Stimme, dennoch ist es sehr ungewöhnlich… mich fesselte es aber… deshalb ist der Song jetzt auch hier. Etwas Sprechgesang kommt auch im nächsten Song vor: „100 to 99“ feat. GoldLink ist ein Stück vom neuen, mit 19 Stücken recht üppigen Album von Albert Hammond jr. der ja nicht nur Sohn vom gleichnamigen 1970s Star ist sondern auch Gitarrist einer der größten Nuller-Jahre Bands: The Strokes. Apropos… Strokes Sänger Julian Casablancas pflegt auch ein Sideprojekt: The Voidz… deren neue Single so: man nehme komische Drumcomputer aus den 1980ern… dann eine Hardrock-Gitarre als hätte man Eddie Van Halen wieder ausgegraben, dann der larmoyante Gesang Casablancas, jede Menge Keyboards… das alles in eine Kiste… ordentlich geschüttelt und fertig ist „Prophecy Of The Dragon“… schräg, aber sehr charmant. Die beiden folgenden Songs stammen aus Veröffentlichungen die der Welt sicher nicht entgangen sind da sie von den populärsten Rockbands unserer Zeit stammen: Foo Fighters und Queens Of The Stone Age… beide Bands hatten mit Schicksalsschlägen zu kämpfen und konnten diese mit ihren besten Alben der letzten Jahre verarbeiten. Bei den Foo Fighters dachte ich bei so manchem Stücken das diese schon auf früheren Platten waren, aber der Kumpelrock von Dave Grohl ist halt zeitlos, genau wie die Riffmaschine Josh Homme von Queens Of The Stone Age… mit deren vorausgegangenen Alben ich übrigens wenig anfangen konnte. Noch etwas lauter wird es bei Baroness, einer Metalband aus Georgia. „Last Word“ ist der Vorreiter eines neuen Albums und der hat mich spätestens beim zweiten Hören etwas aus den Socken gehauen… da stimmt einfach alles, Gitarren über Gitarren, kein anstrengender Gesang… mindestens höchstes Mastodon Niveau… für mich bis jetzt der beste Song des Jahres… obwohl er erst ein paar Tage alt ist… nun bin ich auf das Album dieser Band gespannt, welche mich bis dato eigentlich noch nie richtig abholen konnte. Es wird etwas ruhiger, der Metal wird gegen akustische Gitarre und Fiddle getauscht und wir hören „Fairlies“ von Grian Chatten, dem Sänger der hochgelobten irischen Band Fontaines DC. Musikalisch ist das deutlich folkiger als bei der Hauptband… es steht und fällt aber auch hier alles mit dem ausdrucksvollem Gesang Chattens… man hört ihm mit seiner senoren Stimme gerne zu… auch wenn man vielleicht nicht versteht was er da mit seinem irischen Slang singt. Es folgt ein weiterer Song vom neuen April March Album, welches sie recht fix mit dem französischen Duo Staplin aufgenommen hat. Fast die ganze musikalische Karriere (Elinor Blake, wie die Gute ja richtig heißt ist ja auch noch u.a. Malerin und Illustratorin z.B. für Jack White’s Kinderbuch „We’re Going To Be Friends“) waren Kollaborationen mit anderen Musikern und immer profitierten beide Seiten… mein Fast- Album des Jahres 2022 „In Cinerama“ mit dem #1 Hit „Rolla Rolla“ war da nicht anders… nur üppiger. „Lay Down Snow White“ hätte auch darauf sein können… warscheinlich aber mit Streichern… hier mit Fuzz-Gitarren und punkiger Schlichtheit. Mit Beach Fossils folgt eine weitere Band die vor zwei Monaten auch schonmal dabei war. Ihr Album „Bunny“ ist derzeit sehr hoch im Kurs in meinem Kopf, war aber sogar auch schon Album der Woche bei Radioeins… herrlich entspannte Gitarrenmusik… im Falle von „Walk To The Moon“ noch ein bisschen Amerikana dazu… Top 10 des Jahres sollte sicher sein. In eine ähnliche Kerbe haut dann auch Leigh Gregory, ein Musiker aus San Francisco der schon einige sehr gute Sachen unter dem Namen Mellow Drunk aufgenommen hat und nunmehr unter eigenem Namen veröffentlicht… z.B. diesen absolut zur Jahreszeit passenden Song „Some Summertime“. Blonde Redhead heißt die Band einer Japanerin und italienischen Zwillingsbrüdern mit Sitz New York. Gegründet wurde die Band mit Hauptrichtung Dreampop bereits vor 30 Jahren, nun steht ein neues Album am Start und die erste Single „Snowman“ (passt wiederum gerade nicht zum Wetter) wird überraschenderweise nicht von Maki Takahashi gesungen… ist aber trotzdem ein wunderbar chilliger Song der musikalisch dann doch wieder ganz gut zur Jahreszeit passt. Hannah Jadagu stammt aus Texas, lebt mittlerweile in New York und veröffentlichte bei Sub Pop und soeben erschien ihr sehr gutes Debutalbum „Aperture“… die junge schwarze Musikerin erinnert mich an Beabadoobee und Nilüfer Yanya… da kann noch viel kommen… Namen merken kann glaub ich nichts schaden… Bereits große Popularität hat dagegen die nächste Band, sie gelten als Titanen des Dreampop… die ersten Alben von Slowdive Anfang der 1990er habe ich zwar nicht komplett verschlafen, fand aber andere Bands des Genres wie Lush, Pale Saints oder Kitchens Of Distinction besser. Erst ihr aus heiterem Himmel kommendes selbstbetiteltes Comeback Album von 2016 ließ mich vor ihnen niederknien… begleitet auch von einem wirklich sehr gutem Konzert mit guten Freunden zusammen… die neue Single „Kisses“ ist erstaunlich poppig… sehr gut aber auch nicht ganz so gut wie „Star Roving“ oder „Sugar For The Pill“ vom besagten letzten Album… vielleicht ist das aber auch nur eine Momentaufnahme. Vom Slowdive-Stil sind Film School nicht wirklich weit entfernt… auch von den Amerikanern erscheint demnächst ein neues Album… „Tape Rewind“ ist ein sehr guter Vorgeschmack davon. Kate Davis hatte ich beim letzten Sampler oberflächlicherweise recht knapp als Sharon Van Etten Sidekick abgetan, zwei Monate später bin ich deutlich schlauer und möchte einiges ergänzen, zumal ihr Album „Fish Bowl“ inzwischen zu meinen liebsten Alben des Jahres gewachsen ist. Kate Davis ist studierte Jazzmusikerin im Fachbereich Bass, womit sie viele Jahre gut Geld verdient hat und mit Größen wie Herbie Hancock gespielt hat… als junge Frau war das natürlich eine Ehre aber wenn dann noch eigene Ideen kommen dann muß was Eigenes her und fortan wurden Songs geschrieben und veröffentlicht… sie machte ein Tribute-Album für Daniel Johnston und schrieb mit Sharon Van Etten deren Album „Seventeen“. „Fish Bowl“ ist das dritte Soloalbum, der Bass ist natürlich unüberhörbar im Vordergrund, der Rest ist bester Indie-Pop ohne jeden Schnörkel und trotzdem mit angenehmen Ecken und Kanten. Der Titeltrack des Albums der hier zu hören ist, geht in der Tat um den „Major Tom“ den der Deutsche Peter Schilling 1983 völlig losgelöst ins All geschickt hat… das ist verdammt charmant und und die Repeat-Taste wird an dieser Stelle ziemlich häufig beansprucht… auch noch so ein Album was sicher in der Jahres-Top 10 ist. Die beiden letzten Interpreten kommen aus dem deutschsprachigen Raum… zuerst Bilderbuch aus Wien… hätte ehrlich nie gedacht das ich mal mit denen warm werde, vor paar Jahren war das für mich übelster Yuppi-Pop und dann auch noch aus Österreich… letztes Jahr kam mit „Gelb ist das Feld“ plötzlich ein sehr gutes gitarrenbetontes Indie-Pop Album was mir gut gefiel… nun weiß ich nicht was sie denen dieses Jahr in die Sachertorte gemischt haben… aber inzwischen klingen sie fast so schräg wie King Gizzard And The Wizard Lizard… singen zwar auf deutsch, man verstehts aber nicht… keine Ahnung wohin der Weg der Band führt… ich mags aber bis hierher. Betterov, die Band um den Wahlberliner Manuel Bittorf konnte sich ja mit seinem Debutalbum „Olympia“ in meiner persönlichen Top-10 vom letzten Jahr platzieren… nun kommt die erste Single danach und wieder ist es sehr gut… ich sage nur Augen auf bei der Wahl des Parfüms… Viel Spaß beim Hören meines Mixtapes und bis in zwei Monaten… LP