

Heimat kann ein Gebäude, ein Ort, ein Refugium oder ein Geisteszustand sein. Die vielen Facetten des Wortes klingen in Abel Selaocoes sensationellem Debütalbum „Where is Home“ durch, einem Titel, der ohne Fragezeichen auskommt – aber nicht ohne Bedeutung. Auf der Tracklist stehen atemberaubende Improvisationen, die Afrika, Familie und Freunde lobpreisen, sowie fesselnde Darbietungen der Musik von Johann Sebastian Bach und Giovanni Benedetto Platti. Es speist sich auch aus dem tiefen Fundus der südafrikanischen Kultur des Cellisten und Sängers, von den evangelischen Hymnen der Apostel- oder der Postola-Kirche bis hin zu den ewigen Liedern der fernen Vorfahr:innen. Selaocoe (ausgesprochen „Se-lau-chay“) besitzt nicht nur außergewöhnliche Fähigkeiten als Improvisator und Klassischer Interpret, er ist auch mit einem Maß an Mitgefühl gesegnet, das das, was er über das Leben und die Musik zu sagen hat, hörenswert macht. „Where is Home“ spiegelt die Freude und Bescheidenheit eines Menschen wider, der, lange bevor seine Talente in der Schule mit der Leihgabe eines Instruments belohnt wurden, zu Hause Cellogriffe auf einem Besenstiel übte. Das Singen in der Kirche und die improvisierte Musik mit seinem Fagott spielenden Bruder waren Teil seiner Erziehung, die, nach westlichen materiellen Maßstäben, entbehrungsreich, aber reich an Geist, Liebe und Gemeinschaft war. „Südafrika ist ein Land voller Schwierigkeiten und Verzweiflung“, stellt er fest. „Aber gleichzeitig gibt es auch echte Hoffnung. Ich lebe jetzt in Großbritannien und kann den Unterschied in der Mentalität spüren. In Südafrika herrscht zwar große Armut, aber die Welt geht deswegen nicht unter. Die Menschen sind irgendwie automatisch optimistisch. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wo auch immer du sein magst, in welcher Situation du dich auch befindest, was ist deine Heimat? Ich denke, sie ist ein Ort, der dich stärkt, der dich nährt, aber auch herausfordert. Heimat ist ein Raum des Wachstums.“ „Where is Home“ oder „Hae ke Kae“ in Sesotho, einer der vielen Sprachen des polyglotten Südafrikas, verbindet die Art von spontanem Gesang, die Selaocoe seit seiner Kindheit kennt, mit dem frei fließenden Improvisationsstil, den er als Student am Royal Northern College of Music in Manchester entwickelte. „Ich kam aus einer starken afrikanischen Kultur an die Musikhochschule“, erinnert er sich. „Ich war in meinen späten Teenagerjahren und lernte, mich in einer Welt der Klassischen Musik zurechtzufinden, die so sehr von sich überzeugt war. Ich musste also meine eigene Identität darin finden. Das, was ich als Ahnengedächtnis bezeichnen würde, beantwortet glaube ich viele der Fragen darüber, wer du bist, wie du Gemeinschaft pflegst, wie du dich selbst wahrnimmst und auf welche Art du ein Teil der Gemeinschaft bist. Allein zu sein, weit weg von zu Hause, war der Auslöser dafür, dass ich mich auf die Suche nach dem gemacht habe, was ich bin. Ich entdeckte dann, dass ich hier zu Hause bin, dort zu Hause bin und überall sonst zu Hause bin.“ Lies weiter und lass dich von Abel Selaocoe durch jeden Track auf „Where is Home“ führen. „Ibuyile I’Africa / Africa is Back“ Die Weitergabe von Wissen von Generation zu Generation ist wichtig, um zu verstehen, wer wir sind und wohin wir wollen. Die Hymne „Ibuyile I’Africa“ war ein wunderbarer Weg, um den Sieg über die Apartheid zu verkünden, aber auch, um die Hoffnung auszudrücken, die unter den jungen Menschen besteht, ihr neues Afrika selbst zu gestalten. Das ist eine schöne Sache, für die man als junge:r Künstler:in verantwortlich sein kann. Für mich ist „Ibuyile I’Africa“ eine Chance, das neue Afrika, so wie ich es sehe, zu interpretieren. Afrika ist zurück, aber in einem völlig anderen Kontext. Wir haben das Gefühl, dass wir auf dem Fundament der Giganten stehen, die für uns gekämpft haben, Menschen wie Erzbischof Desmond Tutu und Nelson Mandela, Chris Hani und Steve Biko. Sie haben uns die Freiheit gegeben, diese Hoffnung heute zum Ausdruck zu bringen. „Zawose (for Hukwe Zawose)“ Dies ist eine Hommage an den traditionellen Musiker Hukwe Zawose und an sein Land Tansania, das den Südafrikaner:innen im Exil während der Apartheid einen Zufluchtsort bot. Es geht um positive Resilienz – eine schillernde, unglaubliche Eigenschaft, die man als Mensch haben sollte. Ohne sie gibt es nur pures Leid. Doch mit ihr gehen ein Verständnis für die Welt, wie sie ist, und die Hoffnung, dass sie verändert werden kann, einher. Die Stadt Morogoro wurde zu einer Heimat für die Menschen, in denen sie frei und sie selbst sein und den Sturz einer Regierung planen konnten, die völlig gegen sie war. Welch eine Großzügigkeit des tansanischen Volkes! Dieses Stück soll die Südafrikaner:innen daran erinnern, die Liebe zu ihren afrikanischen Landsleuten zu teilen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. „Cello Sonata No. 7 in D Major“ (Giovanni Benedetto Platti) Als ich aufwuchs, war ich besessen von Pablo Casals, Yo-Yo Ma und all diesen unglaublichen Cellisten. Klassische Musik zu spielen, ist für mich wie das Lesen einer Heiligen Schrift. Du schaust dir die Partitur an und befolgst sie, aber du interpretierst sie auch, so gut du kannst, aus deiner persönlichen Perspektive. Und jedes Mal, wenn du das tust, klingt es anders. Das ist das Schöne daran. In der Klassischen Musik gibt es immer noch ein Element der Improvisation, besonders in der Barockmusik, das dir die Freiheit gibt, dich zu öffnen. Du lernst die Regeln, aber du lernst auch, innerhalb und außerhalb dieser Regeln du selbst zu sein. Plattis Sonate atmet eine Freiheit, die mich dazu ermutigt hat, meine eigenen südafrikanischen Improvisationen in die vier Sätze einzubauen. „Qhawe / Hero“ „Qhawe“ ist einem Neffen gewidmet, der so viel Leben in unsere Familie gebracht hat und eine Menge Weisheit und Verständnis für alles, was Kinder zu bieten haben. Darum geht es in diesem Stück. Ich glaube, dass Kinder mit den Botschaften, die sie von unseren Vorfahr:innen mitbringen, eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft spielen. In unserer Tradition sehen wir sie als die Familienmitglieder, die unseren Ahnen am nächsten stehen. In vielerlei Hinsicht sprechen sie eine spirituelle Sprache, die sie manchmal nicht einmal selbst erkennen. Und wir als Erwachsene müssen genau hinhören, um die Bedeutungen zu entschlüsseln, die sich aus ihrer Sicht der Welt ergeben. Ich denke, es ist sehr wichtig, ihrem Geist eine Chance zu geben. „Hlokomela / Take care“ In Sesotho bedeutet „hlokomela“ „sich kümmern“. Aber es bedeutet auch „kümmere dich um andere“. Es gibt ein Sesotho-Sprichwort, das besagt, dass Tiere zusammenkommen, um aus demselben Brunnen zu trinken, ohne Angst haben zu müssen, von anderen Tieren, die auch dort trinken wollen, angegriffen oder gejagt zu werden. Ich liebe diese besonderen Momente, in denen es einen Waffenstillstand in der Menschheit gibt und ein Verständnis dafür, was es bedeutet, Wasser zu brauchen, Menschenrechte zu haben, und wie wichtig es ist, sich umeinander zu kümmern. „Lerato / Love“ Während es bei „Ibuyile I’Africa“ darum geht, in unseren Vorfahr:innen und unserem Heldenmut eine neue Heimat zu finden, geht es bei „Lerato“ um Liebe. Es geht darum, eine Heimat in der Idee der Universalität zu finden, die über Rasse, Hautfarbe und Klasse hinausgeht. Es berührt alle Teile dessen, was wir sind. In diesem Stück geht es auch darum, deine eigene Version eines Gottes zu finden. Es geht nicht darum, „religiös“ zu sein, sondern vielmehr darum, in anderen oder in der Natur nach etwas zu suchen, das größer ist als du. Ich glaube, das ist ein sehr menschlicher Instinkt. Und ich glaube, je mehr Ehrfurcht du vor dem hast, was dich umgibt, desto besser kannst du gedeihen und desto größer ist deine Erfüllung. „Seipone / Mirror“ Wir kämpfen im Leben oft damit, wie die Welt uns sieht und wie wir uns selbst sehen. „Seipone“, ein Spiegel, ist etwas, das du oft benutzt, wenn du allein bist, dich vielleicht auf deinen Tag vorbereitest oder dich zum Ausgehen fertigmachst, nur du und der Spiegel. Wenn du in den Spiegel schauen und dir die Botschaften vermitteln würdest, die du hören musst, um ein erfülltes Leben zu führen: Was würdest du sagen? In diesem Stück geht es darum, dir zu erlauben, verspielt zu sein, zu improvisieren und dein wahres Ich zu sein. Und darum, deine Narben zu sehen und sie zu heilen und dich selbst intensiver zu verstehen. „Cello Suite No. 3 in C Major, BWV 1009: IV. Sarabande“ „Cello Suite No. 5 in C Minor, BWV 1011: IV. Sarabande“ (Johann Sebastian Bach) Meine Familie wohnt in einem kleinen Haus mit nur fünf Zimmern. Wenn ich also Cello spiele, hört man das zum Leidwesen und zur Freude aller! Meine Eltern haben es zugelassen, dass ich die Klassische Musik und das Cello in ihre zutiefst afrikanische Kultur einbringe. Während ich Bach spielte, sang meine Mutter Gegenmelodien, die wie südafrikanische Hymnen klangen. Damals dachte ich, nein, das ist unsinnig, das ist nicht richtig – das ist gegen die Regeln! Aber nach vielen Jahren der Reflexion begann ich zu verstehen, dass ihr Gesang für mich einen Teil von Bachs Flair ausmachte und dass meine Reise auf der kulturellen Landkarte es zulässt, so zu empfinden. „Ka Bohaleng / On the Sharp Side“ Der Titel leitet sich von einem alten Sesotho-Sprichwort ab: „Eine Frau hält das Messer an der scharfen Seite“, also an der Klinge. Ich denke, es geht darum, dass die Frau der Zusammenhalt der Familie ist und die Rolle der Heldin spielt. Der Blick auf die Bindung zwischen Mutter und Kind ist notwendig, um die Stärke einer Frau zu verstehen. Wir sehen Männer oft als diejenigen, die stark sind, aber es gibt eine andere Art von Stärke, die Frauen besitzen, und es ist sehr wichtig, beide Arten kennenzulernen. „Ancestral Affirmations“ Wenn ich mit meiner Familie zu Hause bin, nehme ich unsere Gespräche auf, weil sie mir so wichtig sind. Sie sagen die ergreifendsten Dinge, wenn sie nicht wissen, dass ich sie aufnehme. Ich habe ihre Erlaubnis, diese Aufnahme als Teil der „Ancestral Affirmations“ zu verwenden. Jedes Mal, wenn wir unser Zuhause verlassen, beten meine Eltern zu unseren Vorfahr:innen und zu Gott, dass er uns den Weg öffnet und uns hilft, all die Dinge zu verstehen, die in diesem Leben auf uns zukommen. Mein Vater machte uns dieses Geschenk an dem Tag, an dem wir nach Großbritannien zurückkehren wollten, und ich habe es benutzt, um dieses Stück und das Album zu beenden.