Visions

Visions

Nein, der Weg des geringsten Widerstands interessierte Alice Merton noch nie. Ihr drittes Studioalbum „Visions“, entstanden zwischen London, Los Angeles und Nordisland, ist das bislang deutlichste Dokument dieses künstlerischen Eigensinns. Die Tochter einer Deutschen und eines Iren untersucht hier Themen wie Selbstbestimmung, Durchhaltewillen und den Mut, der eigenen Intuition zu folgen. Sieben der 13 Songs wurden in der Abgeschiedenheit der isländischen Flóki Studios aufgenommen, und man hört der Musik diese Weite an. Die Arrangements wirken luftiger, offener, weniger kontrolliert als auf den Vorgängern. Das führt zu einem Werk, dem gleich ein paar Kunststücke gelingen: Es lässt an Klassiker der 1990er-Jahre denken, aber blickt dabei gleichzeitig nach vorn. Es zeugt von extremer Spielfreude, erlaubt sich aber auch Umwege. Es entstand in Zusammenarbeit mit Größen wie Dan Smith von Bastille oder Jenn Decilveo, die schon mit Miley Cyrus, Hozier oder Chappell Roan gemeinsame Sache machte, und klingt doch immer nach Alice Merton. Deutlich wird all das bereits im Opener, dem kraftvollen „Ignorance Is Bliss“. Es setzt sich in Songs wie dem rund um ein kleines Gitarrenriff gebauten Powerpop-Juwel „Cruel Intentions“ und dem Richtung Seventies-Rock schielenden „Boogie Man“ fort. Und es findet seinen Höhepunkt ganz am Ende: „Treasure Island“ dimmt die Lichter, kommt zärtlich rüber, lässt viel Platz für Unsicherheiten und Zwischentöne. Alice Merton erzählt von ihren persönlichen Inselträumen, von den Schwierigkeiten, dieses Leben auszuhalten, und von den Dämonen, die man auf die vielfältigsten Arten bezwingen kann. Ein Ende, das nachhallt und zum Nachdenken anregt.