Ur an Angel I’m Just Particles

Ur an Angel I’m Just Particles

Veränderung und Wachstum sind für BENEE seit ihrem Debütalbum „Hey u x“ aus dem Jahr 2020 ständige Begleiter. Die Künstlerin aus Aotearoa/Neuseeland, mit bürgerlichem Namen Stella Rose Bennett, ist inzwischen nach Los Angeles gezogen. Gegenüber Apple Music sagt sie: „Dieser Schritt hat definitiv beeinflusst, wie ich Musik mache, weil ich dort ganz neue Leute zum Zusammenarbeiten finden musste. Das war in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung.“ Außerdem merkt sie an, dass mit 25 Jahren ihre Frontallappen nun vollständig entwickelt seien. „Ich denke inzwischen über viel tiefgreifendere und größere Fragen nach“, sagt sie. „Ich habe Stephen Hawkings ‚Kurze Antworten auf große Fragen‘ gelesen, und das war wie ein kleiner Weckruf. Ich dachte mir: ‚Verdammt, ich will über Wissenschaft nachdenken. Ich will über das, was auf dieser verrückten Welt passiert, nachdenken. Aber ich will auch über das Fantastische, dieses ätherisch-kreative Universum, nachdenken.‘ Dieses kindliche Staunen zieht sich als Thema durch das ganze Album.“ Diese Gegensätze spiegeln sich auch im Titel ihres Albums wider. „‚Ur an Angel‘ steht für diese ätherische Idee einer Welt, die wir nicht wirklich kennen“, erklärt sie. „Was ist ein Engel überhaupt? Ist das nur Fantasie? Das ist die kreative, träumerische Seite. Und mit ‚I’m Just Particles‘ denke ich an Partikel – das steht für die Wissenschaft und für das, was tatsächlich hier und jetzt passiert. Auf dem Album gibt es viele solcher Kontraste, etwa Leere und Euphorie. All diese Themen kommen in den Songs zum Tragen.“ Ursprünglich wollte BENEE auf ihrem zweiten Album Hyperpop machen. Doch am Ende wurde es eine verspielte, organisch klingende Sammlung anspruchsvoller Alt‑Pop-Songs. Es finden sich Momente purer Adrenalin-Katharsis („Off The Rails“), sommerliche Reggae-Vibes („Sad Boiii“) und Auto-Tune-getränkter R&B‑Pop („Princess“). „Ich hatte das Gefühl, dass die Musik, die ich in diesem Hyperpop-Kosmos gemacht habe, sich nicht wirklich abheben würde“, sagt sie. „Also habe ich beschlossen: Ich brauche Live-Instrumente und will, dass es organisch klingt.“ Hier führt BENEE Apple Music durch ihr Album „Ur an Angel I’m Just Particles“ – Track für Track. „Demons“ Der Song handelt davon, wie mich meine Angst manchmal überkommt – als würde ein Dämon Besitz von mir ergreifen. Ich kann mich dann in Gedanken verlieren, zum Beispiel, dass mein Partner mich vielleicht betrügt. Das sind oft Gedanken, die mich dann nicht loslassen, weil ich eine Zwangsstörung habe. Die Zeile „Call a cab, I am broken“ („Ruf ein Taxi, ich bin am Ende“) beschreibt die Situation gut. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt und man einfach nur abhauen will. Ich will nicht ausgehen und so tun, als hätte ich Spaß, wenn ich emotional überfordert bin. „Cinnamon“ Als ich nach L.A. kam, war das erst mal ein Schock. Ich vermisste meine Freund:innen und meine Familie. Und dann gab es ein paar Leute, die meine Naivität ausgenutzt haben. Darum geht es in dem Song. Im Refrain schwingt aber auch eine gewisse Akzeptanz mit: Man muss einfach mit dem Flow gehen, freundlich und geerdet bleiben und bei sich selbst – und hoffen, dass man dadurch die richtigen Menschen anzieht. „Vegas“ Ich hätte fast meinen jetzigen Freund während der Tour in Vegas geheiratet. Wir waren dort und überlegten: „Sollen wir heiraten?“ Aber dann fand ich, wir sollten noch mal darüber nachdenken. Und meine Mutter meinte: „Auf gar keinen Fall ohne mich!“ Und seine Schwester erwähnte irgendwas mit den Planeten, dass es gerade keine gute Zeit wäre. Also habe ich beides ernst genommen und gedacht: „Keine Ahnung, was hier vor sich geht, aber ich werde es als ein Zeichen deuten.“ „Sad Boiii“ Ich wollte diesen organischen Sound haben, der typisch für neuseeländische Musik ist. Mit der bin ich aufgewachsen, sie hat einen Hauch von Reggae. Der Song handelt davon, dass ich in einer Beziehung war, in der ich mich getäuscht fühlte: Ich dachte, er wäre ein netter, bodenständiger Typ, aber emotional war er total instabil. Das hat mich komplett ausgelaugt. Ich bin einfach fertig mit Menschen, die Beziehungen eingehen, ohne an sich selbst zu arbeiten. Das ist so unfair. „Prey4U“ Der Song ist ziemlich frech. Ich schreibe da über etwas, das gar nicht passiert ist – zum Beispiel, dass mich jemand betrügt, was eine meiner Ängste ist. Es ist so ein toxisch-obsessiver Song: Jemand hat mich verletzt, und ich fühle mich danach hilflos. Das Wortspiel im Titel „Prey4U“ bedeutet: „Ich fresse dein Herz, wenn es vorbei ist.“ Ich muss nicht immer zwingend über etwas Reales schreiben. Hauptsache, die Emotionen sind echt. „Chainmail“ Ich wollte, dass der Song düster und ein bisschen emo klingt. Wenn heute jemand über mich lästert, ist das meistens nichts Neues für mich. Ich bin irgendwie immun dagegen geworden, auch wenn Kritik natürlich trotzdem wehtut. Der Song ist mein Weg, damit umzugehen. Ich sage: „Ihr könnt mir nichts anhaben, ich bin wie ein Kettenpanzer.“ „Doomsday“ Mich hat die „Doomsday Clock“ [die Atomkriegsuhr am Union Square] in New York inspiriert – also diese Installation, die anzeigt, wie viel Zeit uns bleibt, um den Planeten zu retten. Ich habe daraus eine Geschichte gemacht: Ich treffe jemanden, den ich liebe, bevor die Welt sich anfühlt, als ginge sie unter. Eine ruhige, friedliche Szene an einem See. Im Refrain heißt es dann: „I’m just what I am. And I feel like I’m complicated.“ („Ich bin einfach, was ich bin. Und ich glaube, ich bin kompliziert.“) „Underwater“ Der Song klingt erstmal nach Club-Vibes mit einer beschwingten, glücklichen Stimmung. Aber inhaltlich geht es um Depressionen. Das Gefühl, unter Wasser zu sein, nicht richtig hören zu können, weil alles gedämpft ist. Ich glaube, das ist eine Taubheit, die man spürt, wenn man etwas Schweres durchmacht. „Off The Rails“ Ich habe mit zwei großartigen Producerinnen gearbeitet: Luka [Kloser] und Elvira [Anderfjärd]. Der Sound ist total intensiv und wütend. Das war für mich so der emotionale Wendepunkt des Albums. Der Punkt, an dem ich dachte, schon alles durch zu haben – Obsession, Chaos, jedes Gefühl. Und dann kam nur noch reine feminine Wut. Ich war bereit, zu schreien. „Animal“ Ich schaute [aus einem Flugzeugfenster] runter, und alles sah aus wie Ameisen. Wenn man rein- oder rauszoomt, besteht alles aus unendlich vielen Partikeln und Mikroorganismen. Das finde ich faszinierend, weil es einem hilft, die eigenen Sorgen zu relativieren, wenn man sich überlegt: Spielt es eigentlich wirklich eine Rolle? Probleme, die riesig scheinen, wirken plötzlich klein, wenn man lange genug darüber nachdenkt – und manchmal kann man einfach darüber lachen. „Princess“ Ich wollte diesen femininen, selbstbewussten, fast ätherischen Vibe einfangen, wenn man auf eine Party geht und sich selbst irgendwie hochpusht. Das entspricht nicht immer meinem Gefühl. Normalerweise bin ich genau das Gegenteil, wenn ich einen Raum voller Leute betrete. Aber mich überkommt auch manchmal so eine seltsame Besitzgier, wenn ich denke: „Moment mal, schaut mein Partner die Person da drüben zu lange an?“ Aber ich sage auch, dass ich vor Eleganz nur so strotze. Und ich erzähle einen Haufen erfundener Sachen. Aber es hat Spaß gemacht, mal in dieser Stimmung zu leben. „Heaven“ Ich habe den Song geschrieben, als mein Opa gestorben ist. Das war ein großer Einschnitt, weil ich ihm sehr nahestand. Gleichzeitig wusste ich, dass er 94 war und ein langes, erfülltes, aber auch kompliziertes Leben hinter sich hatte. Er hat immer gesagt: „Ich bin bereit zu gehen.“ Er war ein sehr lustiger Mensch und hatte dieses kindliche Staunen in sich, das ihn jung gehalten hat. Als er gestorben ist, fand ich es schön zu wissen, dass er wirklich im Reinen war. Ich selbst habe Angst vor dem Tod. Aber für mich lag in diesem Moment eine seltsame Form von Frieden.