

„Ich beschreibe dieses Album so, als würde ich unter der Dusche fast den Duschkopf anschreien und so tun, als wäre er die Person, mit der ich sprechen will. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen oder die Schuld zuzuweisen – wie bei diesen Gesprächen, die man sich wünscht, aber nie führen konnte“, erzählt Noah Kahan gegenüber Apple Music über sein viertes Album „The Great Divide“. Hinter Kahans charakteristischer Folk-Fassade verbirgt sich eine dringliche und bedeutende Auseinandersetzung. Nach dem durchschlagenden Erfolg von „Stick Season“ im Jahr 2022 dachte der aus Vermont stammende Singer-Songwriter über die Auswirkungen nach – nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern auch auf sein engstes Umfeld. „Mein altes Leben war nicht einfach vorbei. Und meine Musik sowie die Person, die ich geworden bin, beeinflussen diese Menschen auch dann, wenn sie nicht mit mir auf Tour sind“, sagt er. Mit neuen Mitwirkenden im Schlepptau – darunter Aaron Dessner („Ich fühlte mich sehr verloren und habe quasi mein Trauma bei ihm abgeladen, und er hat es so gut aufgenommen“, betont Kahan) sowie Pop-Flüsterin Amy Allen, die schon für Stars wie Sabrina Carpenter und Olivia Rodrigo geschrieben hat – navigiert er durch die Höhen und Tiefen der Rückkehr nach Hause. Der Singer-Songwriter hebt auch einen klaren Unterschied zwischen seinem letzten Album und diesem hervor, der seine persönliche Entwicklung widerspiegelt. „‚Stick Season‘ ist so, als würde man Pilze nehmen und denken, man versteht die ganze Welt. ‚The Great Divide‘ ist dann, wie wenn jemand drei Monate später sagt: ‚Das war toll und hilfreich, aber es gibt noch viel mehr, das wir verarbeiten müssen‘“, erklärt er. „Diese Person nimmt dann Pilze mit dir, aber sie wird nicht so tun, als würde es ihr Leben verändern. Sie wird nicht irgendwo zum Kajak-Guide werden. Sie muss morgens wieder zur Arbeit.“ Im Folgenden führt uns Kahan in seinen eigenen Worten durch vier wichtige Tracks. „End of August“ Ich wollte eine Szene schaffen, die sich nach dem Spätsommer in Vermont oder in einer Kleinstadt anfühlt, wo einfach totale Stille herrscht und man fast Musik in der Luft hören kann. Meine Familie und ich haben da unser Ding in Vermont: Spaziergänge durch die Wälder, wo es spukt. Aber es sind keine bösen Geister. Wir alle haben schon mal Stimmen im Wald gehört. Als ich dieses Lied schrieb, wollte ich, dass es so klingt, als würden diese Stimmen singen, wenn man durch den Wald geht oder an den Wäldern Vermonts vorbeifährt. „23“ Der Song selbst basiert nicht auf einer Geschichte aus meinem Leben. Nein, er basiert auf vielen Freundschaften mit Menschen, deren Familienmitglieder mit Sucht kämpfen oder die Geschwister haben, zu denen sie keine Verbindung aufbauen können. Er soll dieses Gefühl einfangen, so nach dem Motto „Ich will dich zurückhaben, aber nicht diese Version von dir“ und „Ich will noch mal diesen Moment erleben, als du mir gezeigt hast, wie ein Automotor funktioniert, und alles normal war“. Und wer du jetzt bist, steht dabei im Widerspruch zu der Version von dir, an die ich mich erinnern möchte. Es ist ein bisschen egoistisch, weil es so ist, als würdest du jemanden bitten, sich für dich zu ändern. Aber jeder kennt diese Art von kindlicher, unschuldiger Hoffnung, dass wir eines Tages dorthin zurückkehren, wo wir damals waren. „Porch Light“ Ich hatte immer Angst, dass meine Mutter oder meine Familie denkt, dass ich nicht mehr ich selbst und nur noch ein Geist bin, der weiteren Erfolg oder Gefühle zum eigenen Vorteil nutzen will. In Wirklichkeit hat meine Mutter das aber nie so empfunden. Sie ist mir immer mit Liebe und Geduld begegnet und hat verstanden, wie schwer das war, was ich durchmachte. Dieser Song soll diese Hoffnung in sich tragen, so von wegen: „Ich lasse das Verandalicht für dich an.“ „Dan“ Es gibt ein paar Zeilen auf dem Album, die dieses gegenwärtige Gefühl ausdrücken, als wäre man schon angekommen. Als wäre der Himmel ein Drink im Garten. Als würden wir uns fragen: „Wohin gehen wir, wenn wir sterben?“ Es würde mir nichts ausmachen, wenn dieser Ort genau hier wäre. Es würde mir nichts ausmachen, mit meinem Kumpel am Feuer zu sitzen, ohne Plan durch den Wald zu gehen oder sogar in einem Moment der Angst mit einer Person zusammen zu sein, die diesen auf genau dieselbe Weise erlebt.