Sonder

Dermot Kennedy

Sonder

Das Leitmotiv von Dermot Kennedys zweitem Album „Sonder“ ist die menschliche Zusammengehörigkeit. Die Tatsache, dass die Geschichte eines jeden Menschen relevant und wichtig ist, liegt dem irischen Singer-Songwriter am meisten am Herzen. „Für mich ist es eine gute Sache, aus der Perspektive verschiedener Menschen zu schreiben“, sagt Kennedy gegenüber Apple Music. „Es macht mir wirklich Spaß, einen Song aus der Perspektive eines Freundes oder Familienmitglieds zu schreiben und ihre Geschichte für einen Moment zu meiner zu machen.“ Im Mittelpunkt von „Sonder“ steht ein Künstler, dessen größte Stärke Empathie ist und dessen gefühlvoller Gesang gleichzeitig sehnsüchtig, melancholisch und hoffnungsvoll klingen kann. „In meinem Leben gibt es viel Licht und Dunkelheit, und ich möchte in jedem Song beide Seiten würdigen“, sagt Kennedy. „Sonder“ erweitert die Klangpalette seines 2019 erschienenen Debüts „Without Fear“ erheblich: klagende, schlichte Balladen, bombastischer elektronischer Pop, Hip-Hop-Beats und mitreißende Hymnen. Er sagt, er würde sich langweilen, wenn er sich auf eine Sache festlegen würde. „Ich habe das Gefühl, dass ich mit der Art von Musik, die ich mache, mehrere Bereiche abdecken muss“, erklärt Kennedy. „Ich weiß, dass in mir ein akustischer Singer-Songwriter steckt, und das möchte ich zum Ausdruck bringen. Aber ich weiß auch, dass wir bald in richtig großen Hallen und Stadien spielen werden, also möchte ich Songs haben, die in dieser Umgebung funktionieren. Ich liebe es, Songs mit großen, üppigen Arrangements zu machen.“ „Sonder“ ist ein ehrgeiziger Sprung nach vorn für Kennedy. Hier führt er uns durch das Album, Track für Track. „Any Love“ Ich mag es normalerweise nicht, wenn jemand zu mir sagt: „Oh, das ist eine echte Abkehr von dem, was du bisher gemacht hast.“ Es hört sich negativ für mich an. Aber dieser Song fühlt sich wirklich wie eine Abweichung von dem an, was ich bisher gemacht habe, aber ich liebe ihn absolut und er fühlt sich anders an. Die Bearbeitung der Vocals gibt ihm Leben und eine echte Wärme. Auf dem Album ist es mein Lieblingstext, wenn es heißt: „Someone I was seen by, someone who was so mine.“ („Jemand, der mich gesehen hat, jemand, der so sehr zu mir gehörte.“). Das ging sehr leicht von der Hand. „Something to Someone“ Einmal bin ich mit meiner Mutter durch Dublin gefahren und da stand ein Obdachloser auf der Straße. Man sah ihm an, dass er vom Pech verfolgt war, und sie sagte: „Der Sohn einer Mutter.“ Egal, wie sehr er von der Gesellschaft und allen um ihn herum ignoriert wurde, sie sagte: „Er ist immer noch der Sohn einer Mutter.“ Der Gedanke, dass du – egal, was passiert, und egal, wie viel Ärger du hast – immer noch jemandem viel bedeutest, hat mich nie losgelassen. Ich finde, das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, und darüber wollte ich einen Song schreiben. „Kiss Me“ Der Song basiert auf einer Idee, die ich in dem Buch „Zärtlich ist die Nacht“ von F. Scott Fitzgerald gelesen habe. In diesem Buch verliebt sich ein Psychologe in eine seiner Patientinnen und sie haben diese unglaublichen, schönen Tage und dann wieder solche, die absolut chaotisch und schrecklich sind. An einem der guten Tage, an denen alles wirklich perfekt zu sein scheint, sagt sie zu ihm, er solle sich daran erinnern, dass es auch an den richtig, richtig schlechten Tagen noch diese Version von mir und uns gibt. So heißt es im Refrain von „Kiss Me“: „Whatever may come, somewhere deep inside, there’s always this version of you and I.“ („Was auch immer kommen mag, irgendwo tief im Inneren gibt es immer diese Version von dir und mir.“) „Dreamer“ Dieses Stück war aus musikalischer Sicht sehr wichtig. Es ist ganz schlicht gehalten und wir hatten das Gefühl, dass wir schon einen Großteil des Albums im Kasten hatten, also haben wir verschiedene Sachen ausprobiert. Die Idee mit dem Klavier in der Strophe ist wirklich lächerlich einfach, aber es fühlt sich an, als würde sie funktionieren. Es fühlt sich an, als ob es etwas Spielerisches in mir entfacht, und es erinnert mich daran, wie ich als Kind war und meine Fantasie spielen lassen konnte. Im Refrain geht es um die Einfachheit der Liebe und darum, für jemanden da zu sein. Es geht nicht um große Gesten, nicht um große Momente oder Liebesbekundungen, sondern darum, wirklich verlässlich zu sein. „Innocence and Sadness“ Als Kind habe ich gemerkt, dass ich einen starken Sinn fürs Staunen und eine wirklich ausgeprägte Fantasie hatte. Ich lebte in diesen Märchen in meinem Kopf. In dem Lied heißt es: „Innocence and sadness was a fine line“ („Unschuld und Traurigkeit sind ein schmaler Grat“), denn für mich fühlt es sich so an, als ob man ein bestimmtes Alter erreicht und dann all die Verantwortung, der Ernst und die Sorgen und all die Dinge, über die man nachdenken muss, in dein Leben kommen. Damit hatte ich zu kämpfen, denn als Songwriter ist es für mich sehr wichtig, mir meinen Sinn für das Staunen zu bewahren. Es fühlt sich wie ein Tanz an, den ich die ganze Zeit vollführe. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich wirklich mit dem Verlust meiner Unschuld zu kämpfen habe. „Divide“ Dieser Song hat mich wirklich überrascht, weil er sich seltsam retro anfühlt, und das ist etwas, was ich vorher noch nie gemacht habe. Für mich ist es komisch, einen Song mit diesen hüpfenden Trommeln zu machen. Er wurde an einem Tag in L.A. geschrieben und fertiggestellt und fühlte sich wie ein sehr unbeschwerter Song an. Ich brauche das – es kann nicht immer nur darum gehen, dass ich am Klavier sitze und mit den Tränen kämpfe. „Homeward“ Das könnte mein Favorit sein. Ich glaube, Nostalgie ist ein sehr wichtiger Begriff für mich, wenn es um Musik geht. Wenn die Orgel dieses Lied anstimmt, bin ich sofort hin und weg. Es ist der Song, der die Idee zu „Sonder“ auslöste, was wiederum die Idee auslöste, worum es auf dem Album gehen soll. Die erste Zeile in dem Lied lautet: „If this whole town slowed down.“ („Wenn die ganze Stadt ruhiger würde.“). Ich glaube, wir alle sind in unserem eigenen Leben und unseren eigenen Zusammenhängen gefangen und manchmal wünschen wir uns alle, dass das Leben ein bisschen ruhiger verlaufen würde. „One Life“ Wenn du dir meine Hörgewohnheiten anschaust, dann besteht sie zu 90 Prozent aus Hip-Hop. Als dieses Album entstand, dachte ich mir: „Ich glaube, da komm ich nicht richtig ran.“ Aber man kann das auch nicht erzwingen, weil man nicht so tun kann, als wäre man ein:e Rapper:in, wenn man keine:r ist. Bei diesem Song war ich sehr zufrieden, weil ich das Gefühl hatte, dass die Hip-Hop-Seite ihren Weg in die Musik gefunden hat. Ich konnte mich dann in den Strophen auf diese Weise einbringen und war trotzdem ein Singer-Songwriter. Ich bin sehr froh, dass der Song dabei herausgekommen ist. „Better Days“ Den habe ich Anfang 2021 geschrieben, aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und der Ermutigung, die ich von den Menschen um mich herum erhalten habe, nicht aufzugeben und durchzuhalten. Es entstand zu einem guten Zeitpunkt, denn es war mitten in den Lockdowns und allem. Ich habe mich ein wenig gesträubt, weil ich nicht jemand sein will, der Lieder macht, um von den Zeiten zu profitieren. Wenn ich mich zu etwas äußere, möchte ich, dass es eine Bedeutung hat, also habe ich mich gegen die Idee gewehrt, dass es ein COVID-Song ist. Dann fingen wir an, ihn auf Festivals zu spielen, als wir wieder Musik machen durften, und ich dachte sofort: „Huh, das ist genau das, was es ist, wir waren alle getrennt und so reagieren die Leute auf diesen Song.“ Es war schön zu sehen, was er den Leuten bedeutet. „Already Gone“ Für mich ist meine Musik nicht besonders traurig! Sie mag zwar viele Emotionen transportieren und manchmal sehr schwer sein, aber ich habe das Gefühl, dass sie immer hoffnungsvoll ist, und die Hauptbotschaft ist immer die des Durchhaltens und der Resilienz. Aber dieses Lied fühlt sich wirklich wie ein durch und durch trauriges Lied an. Ich hab nachgegeben! Ich liebe die Idee, Lieder für das Theater oder für Filme zu schreiben, und die erste Zeile des Refrains lautet: „I feel like the moment’s already gone/If she was in love, would’ve said it by now.“ („Ich habe das Gefühl, der Moment ist schon vorüber / Wenn sie verliebt wäre, hätte sie es längst gesagt.“). Ich stelle mir vor, wie jemand das auf einer Theaterbühne zum Publikum sagt, ein bisschen wie ein Monolog. „Blossom“ Ähnlich wie „Innocence and Sadness“ habe ich dieses Stück zu Hause am Klavier geschrieben. Ich mag es, dass es das Album abschließt, weil es sich wie eine schöne Fortsetzung von „Without Fear“ anfühlt. Das war ein Album über die Angst vor dem Tod und die Angst, jeden zu verlieren und mit der Schönheit des Lebens zu kämpfen, weil man weiß, dass es eines Tages zu Ende geht. Und in „Blossom“ lautet die erste Zeile: „This whole life is a dream that you don’t want to forget.“ („Dieses ganze Leben ist ein Traum, den du nicht vergessen willst.“). Für mich klingt das fast so, als würden sich zwei Menschen, die ein wunderschönes Leben miteinander verbracht haben, voneinander verabschieden. Das ist ein blöder Gedanke, den ich nicht so oft haben möchte, aber ich habe ihn. Und ich finde, dass es eine ziemlich kraftvolle Idee ist, das Album zu beenden.

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