Returning To Myself

Returning To Myself

Brandi Carlile ist bei Weitem nicht die einzige Songwriter:in, die von Joni Mitchell inspiriert wurde. Aber sie gehört zu dem kleinen Kreis von Künstler:innen, die von sich behaupten können, dass das eigene Album direkt aus einer engen Zusammenarbeit mit Mitchell entstanden ist. „Ich hatte [2024] im Hollywood Bowl mit Joni gespielt, und das hat mich seelisch und gedanklich total beschäftigt“, erzählt sie Zane Lowe von Apple Music. „Ich war emotional wirklich aufgewühlt, weil ich wollte, dass das ein entscheidender Moment für Joni wird.“ Carlile war eine treibende Kraft hinter Mitchells Comeback-Auftritten und arbeitete gleichzeitig an „Who Believes In Angels?“, ihrem 2025er-Projekt mit Elton John, einem weiteren ihrer Idole und Mentor:innen. Das ließ ihr kaum Zeit für ihre eigene Musik. „Es wurde so überwältigend, so allumfassend, dass diese kleine Stimme in mir irgendwann sagte: ‚Okay, du wirst nicht alt werden, wenn du dir weiterhin so hohe Ziele setzt, die dich dermaßen stressen‘“, erinnert sie sich. „‚Und du versteckst dich auch ein bisschen.‘“ Nach ihrer Zeit in L.A. mit Mitchell zog sie sich in Aaron Dessners Long Pond Studio im Norden des US-Bundesstaats New York zurück, um mit der Arbeit an „Returning To Myself" zu beginnen. „Ich wusste gar nicht, ob wir Songs für andere schreiben würden oder für mich selbst oder was überhaupt passieren würde“, erzählt sie. Zwar habe sie sich anfangs schwergetan, doch das Endergebnis reicht von süß und sentimental („Anniversary“) über wütend („Church & State“) bis hin zu einer emotionalen Hommage an Mitchell selbst („Joni“). Lies weiter, um Carliles Gedanken zu einigen wichtigen Titeln zu erfahren. „Returning To Myself“ Ich hatte nicht einmal eine Gitarre dabei. Ich ging nach oben ins Schlafzimmer, saß auf dem Bett und starrte eine leere Wand an. Es hat mich total gestresst, so allein zu sein. Dann schrieb ich das Gedicht zu „Returning To Myself". Es war einfach nur ein Gedicht, noch ohne Musik oder sonst etwas. Ich hätte es um ein Haar verworfen. Ich dachte fast: „Okay, das war’s dann wohl. Das ist ein nobles Unterfangen, ich sitze hier und starre diese Wand an. So lernt man, allein zu sein. Ich schätze, ich entwickle mich gerade weiter. Eigentlich tue ich gar nichts, außer mich gehen zu lassen und hier auf diesem Bett zu sitzen.“ „Human“ Ich glaube, jede Generation ist davon überzeugt, dass sie das Ende der Welt erlebt. Und das finde ich irgendwie tröstlich. Aber wir tun das ja wirklich. Wir alle sehen unsere Konflikte, unsere Kriege, unsere politischen Umwälzungen, Tyrannei und Demokratie in ständiger Waagschale. Wir befinden uns in einer Schleife, der Schleife der Menschheit. Sei nicht gleichgültig. Ignoriere das nicht. Schau nicht weg. Kämpfe. Sei aktiv. Steh jeden Morgen auf und überlege, wie du der Menschheit dienen kannst. Aber geh auch mal raus in die Natur. Mach dir klar, dass du nur einen kurzen Moment hier bist. Du willst nicht eines Tages zurückblicken und merken, dass du das ganze Leben verpasst hast, nur weil du geglaubt hast, du würdest das Ende der Welt erleben. „Church & State“ Wir hatten uns zum Jammen verabredet, und dieser Song ging richtig durch Mark und Bein. Wir saßen in einem Kreis, es war pure Rock ’n’ Roll-Energie. Es war der 5. November, die Nacht der Wahl [2024]. Ich kam ins Studio, öffnete den Laptop, war völlig durch den Wind, emotional echt angeschlagen. Ich wusste ja, was kommen würde. Ich hatte „Human“ am Abend zuvor geschrieben, und das war wie ein Urschrei nach Selbsterhaltung – nicht nur für mich, sondern für uns alle.