Nebraska '82: Expanded Edition

Nebraska '82: Expanded Edition

Als Bruce Springsteen sein sechstes Album im Jahr 1982 veröffentlichte, dürfte sich nicht viel daran mythisch angefühlt haben. „Nebraska“ lag auf halber Strecke zwischen dem Garage-Rock-Doppelalbum „The River“ von 1980 und dem Riesenerfolg „Born in the U.S.A.“ von 1984. Es ist eine Sammlung von zehn uncharakteristisch schlichten, unbegleiteten Akustiksongs, jeder düsterer als der letzte. Doch mit ihm wandelte sich das Bild von Springsteen in den Augen der Öffentlichkeit: Statt des vor Energie strotzenden Bandleaders präsentierte sich hier plötzlich ein eindringlicher Geschichtenerzähler, der über verzweifelte Menschen sang. Erdrückt von einem American Dream, der nicht für sie gemacht schien. „Also wenn ich das getan habe, dann wohl am ehesten auf ‚Nebraska‘, während der Reagan-Jahre. Unabsichtlich eigentlich“, kommentierte Springsteen 2020 im Gespräch mit Zane Lowe von Apple Music. „Ein Werk, das ausdrückt, wie es war, zwischen 1970 und heute Amerikaner:in zu sein. Im postindustriellen Zeitalter der Vereinigten Staaten. Dazu findet man in meiner Musik so einige Perspektiven.“ Mit Springsteens wachsendem Renommee stieg auch sein leisestes Album in der Wertschätzung. Innerhalb von nur zehn Jahren bildete sich ein ganz eigenes Genre im Stil der ungeschliffenen, vierspurigen Tracks auf „Nebraska“. Warren Zanes’ Buch „Deliver Me from Nowhere: The Making of Bruce Springsteen’s Nebraska“ aus dem Jahr 2023 sieht in dem Album nicht nur eine klangliche und thematische Abweichung, sondern auch einen ganz entscheidenden Moment in Springsteens Leben: einen Moment, in dem er mit Depressionen kämpfte und an vergangenen Erfolgen und seinem zukünftigen Weg zweifelte. Scott Coopers Film zum Buch aus dem Jahr 2025 mit Jeremy Allen White als Springsteen hat die Bedeutung des Albums für die Karriere des Musikers nur noch weiter zementiert. Und das, obwohl diese Schaffensphase unter Springsteen-Fans eigentlich schon immer den Stellenwert eines Mythos hatte. Auf den vier LPs der Neuauflage wird deutlich, dass „Nebraska“ nicht von Anfang an als „Nebraska“ geplant war. Mehrere der Songs aus dieser Zeit sollten in einer deutlich mehr auf Hochglanz polierten Fassung ihren Weg auf den Nachfolger „Born in the U.S.A.“ finden. Die raue Akustik-Demoversion des dazugehörigen Titeltracks ist nun der Opener des neuen Boxsets. Sie ist unerbittlich schwermütig und meilenwert entfernt von der bombastischen Grandiosität der berühmten Version. Eine Version, die Millionen dazu verleitet hat, den Song als patriotische Hymne misszuverstehen. „Downbound Train“, „Working on the Highway“ und die beliebte B-Seite „Pink Cadillac“ sind ebenfalls als karge Skizzen vertreten. Der besondere Reiz des Boxsets dürften für viele Fans aber die „Electric Nebraska“-Tracks sein, um die sich seit Langem Spekulationen ranken: sechs der zehn Songs auf dem Album, die mit der E Street Band aufgenommen wurden, bevor Springsteen schlussendlich auf die akustischen Soloversionen umschwenkte. Diese Sammlung soll natürlich nicht als Beweis dafür dienen, dass die damaligen Entscheidungen falsch waren. Und doch wissen diese Versionen von vertrauten Klassikern wie „Atlantic City“, „Mansion on the Hill“ und dem schwermütigen Titeltrack durchaus zu überraschen – auch ohne die karge Atmosphäre, die sie immer ausgemacht haben. Dieses Album ist eine Erinnerung daran, dass Springsteen sich seinen Ruf als Barde der Arbeiterklasse ehrlich verdient hat: Selbst sein zurückhaltendstes Album erforderte Schwerstarbeit.

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