Is It?

Is It?

Im Frühjahr 2022 sass Ben Howard in seinem Garten auf Ibiza, als er plötzlich eine Stunde lang nicht sprechen konnte. Es war eine beängstigende Erfahrung, die sich einen Monat später wiederholte. Letztlich stellte sich heraus, dass Howard zwei transitorische ischämische Attacken erlitten hatte, auch bekannt als Mini-Schlaganfälle, die auftreten, wenn der Blutfluss zum Gehirn vorübergehend eingeschränkt ist. Diese Ereignisse prägten massgeblich die Songs, an denen er für sein fünftes Album „Is It?“ arbeitete. „Meine emotionale Herangehensweise an die Songs hat sich verändert“, sagt der Londoner Singer-Songwriter gegenüber Apple Music. „Ich akzeptierte die Songs als das, was sie waren, statt zu viel über sie nachzudenken. Es war eine grossartige Gelegenheit, die Lieder einfach zu schreiben und zu erkennen, dass jedes Album ein Abbild des jeweiligen Moments und Ortes ist. Und wenn man ehrlich damit umgehen kann, kommt oft ein besseres Album dabei heraus, als wenn man es zerpflückt.“   Diese entspanntere Herangehensweise hat zu dem wohl flüssigsten und klanglich abenteuerlichsten Album in Howards Karriere geführt. Aufgenommen mit dem Producer Nathan Jenko, auch bekannt als Bullion (Orlando Weeks, Westerman), glänzt „Is It?“ mit einer neuen Weiträumigkeit und Leichtigkeit. Die Einspielung spiegelt Einflüsse wider, die man bei Howards eher gitarrenlastigen Aufnahmen noch nicht gehört hat, darunter The Blue Nile, Arthur Russell und Brian Enos und John Cales Team-up von 1990, „Wrong Way Up“. Vom Opener „Couldn’t Make It Up“ (der sich direkt auf Howards ersten kleinen Schlaganfall bezieht) über die mechanischen Verschachtelungen von „Life In The Time“ bis zur nachdenklichen Atmosphäre von „Spirit“ hat Howard einen Punkt erreicht, an dem er sich wohler fühlt und kreativ freier klingt als je zuvor. Hier spricht er mit uns über das Album, Track für Track.   „Couldn’t Make It Up“ Ich wollte einen Song auf dem Harmonium machen – es kann klingen, als würde man Sonnenschein in einen Raum bringen. Die Arrangements auf diesem Album sind ziemlich einfach. Ich glaube, ich war melodisch weniger anspruchsvoll. Ich war freier in der Melodieführung und habe mehr gesungen. Das ist ein Merkmal dieses Albums, eine Loslösung von diesem ernsten Singer-Songwriter-Ding, das immer wieder zum Vorschein kommt.   „Walking Backwards“ Der stotternde Gitarrenpart mit dem doppelten Delay war die Grundlage hierfür. Dieses endlose Delay hatte eine solche Dringlichkeit, dass ich dachte, es würde der Natur des Liedes zuwiderlaufen, das ein Mantra für das Stillsitzen und die Akzeptanz ist, sich auf seine eigenen Wege einzulassen. Danach schien es, als müsste jedes Instrument, das wir auf der Platte spielten, entweder von einem Delay beeinflusst sein oder eine Art Stottern oder punktierte Taktart aufweisen.   „Days Of Lantana“ Ich denke, dieser Song ist genau genommen der Versuch, einen sanften Frieden mit sich selbst zu finden. Das Gesangssample in diesem Lied ist Linda Thompson, die [„Les Troix Beaux Oiseaux de Paradis“] singt. Ich hatte das Gefühl, dass es meinen Alltag, die Schönheit und die Wunder um uns herum und dann die Unruhe, die kommt und geht, gut beschreibt. Ich lebe auf Ibiza, und Lantana ist so etwas wie das blühende Unkraut Spaniens. Man nennt es wegen seiner Farben auch die Flagge Spaniens.   „Life In The Time“ Dieses Stück war komplett geschrieben, bevor ich es aufgenommen habe, aber es gibt eine Reihe von Versen, die ständig ausgetauscht und verschoben werden, und das kann man auf der Aufnahme hören. Mir gefällt es sehr, dass man dieses wirklich entschiedene, aber auch unentschlossene und austauschbare Ding hören kann. Im Grunde ist es ein Monolog, aber ich habe ein paar Zeilen herausgeschnitten, weil er ewig hätte weitergehen können.   „Moonraker“ Ich war mit meiner Schwester in den Bergen der Sierra Nevada [in Spanien] klettern, aber es geht nicht unbedingt um das Klettern, sondern eher um die Aussicht oder den Blickwinkel. „Moonraker“ ist eine Anspielung auf Menschen, die Schnaps schmuggeln. Es gibt eine alte Sage aus Wiltshire über Leute, die der Polizei erzählten, sie würden den Mond nachts aus dem See harken, während sie in Wirklichkeit Schnaps schmuggelten. Die Polizei liess sie laufen und hielt sie für Dummköpfe, aber tatsächlich hatte ihr Unterfangen einen Zweck. Es geht um die Freude an sinnlosen Dingen. So viele Dinge in diesem Leben sind sinnlos und vergeblich, aber am Ende scheinen sie durchaus einen Grund oder eine grosse Wirkung auf uns zu haben.   „Richmond Avenue“ Das Lied ist stark von Nostalgie geprägt. Ich bin in West-London aufgewachsen und dieses Lied über heisse Sommertage spricht mich wirklich an. Aus irgendeinem Grund ist London für mich in der Hitze nostalgischer als jeder andere Ort. Wenn die Hitze in der Stadt zunimmt, ist sie so spürbar. Michael McGoldrick spielt darauf die Uilleann Pipes. Wir hatten echt Glück, das auf der Aufnahme zu haben – es ist ein unglaubliches Instrument.   „Interim Of Sense“ Ich wollte es eigentlich „Byzantium Leaving“ nennen, habe aber den Titel in letzter Minute geändert. Ich war verunsichert darüber, was mit mir passiert war, und ich denke, wenn man sich darauf einlässt, merkt man, dass diese Löcher und Lücken sowieso entstehen. Man trifft so viele Entscheidungen mit so guten Absichten, und im Laufe der Zeit, wenn sich die Umstände ändern, wird einem klar, dass die eigentlichen Absichten oder Gründe für diese Entscheidungen nicht unbedingt das waren, was man anfangs dachte. In diesem Zustand befinde ich mich oft.   „Total Eclipse“ Die Textzeilen, die ich für dieses Lied hatte, handelten von dem leichten Schlaganfall, dieser wiederholten Leere im Schwarzen Loch. Es reproduziert nicht den Moment, sondern das Gefühl. Alle diese Lieder handeln von Gefühlen. Ich versuche, über Gefühle zu schreiben, nicht über Spezifisches. Ich versuche einfach, Gefühle anzusprechen. Ich versuche, durchgehend Gefühle zu erklären. Ich denke, manche Menschen sind präziser als andere, aber man versucht immer, auf etwas anzuspielen, das man nicht genau packen kann.   „Spirit“ Arthur Russell war schon immer eine grosse Inspiration für mich, und fast hätten wir das Streicher-Arpeggio auf dem Song weggelassen, weil es vielleicht zu sehr nach ihm klang. Aber es hat sich irgendwie festgebissen und wir kamen nicht mehr davon los. Doch irgendwo ist da immer Arthur Russell. Ich versuche immer, meinen eigenen kleinen Platz in der Musik zu finden, und zwangsläufig tritt man dabei auf Zehen. Ein grosses Lob an Nathan [Jenkins, alias Producer Bullion]: Er hat den Song in eine wunderbare neue Welt geführt und verhindert, dass hier nur ein weiterer moderner Act ist, der Arthur Russell kopiert.   „Little Plant“ Dieser Song ist die Entschleunigung, das Cool-down am Ende der Platte. Es war ein ziemlich geradliniger Song, ohne viel Hin und Her. Drei Akkorde und glückliche Tage. Vielleicht eine leichte Tonhöhenverschiebung in der Mitte. Es geht um Realität und Erwartung und um die Auseinandersetzung mit dem ständigen Funkeln im Leben anderer Menschen. Ich hatte auch die Vorstellung eines jungen Mannes im Kopf, der zur Armee geht, und warum wir unter Druck gesetzt werden, irgendetwas zu tun. Warum sind wir immer in dieser ständigen Bewegung hin zu Leistung und Zielen und werden ermutigt, uns auf verschiedene Arten an die Front zu begeben – warum in aller Welt tun wir das, was bedeutet es und wie fühlen wir uns dabei? Das ist aber nur eine Lesart, all diese Lieder haben viele verschiedene Bedeutungen. Ich möchte niemals die Interpretation eines Songs einschränken, indem ich jemandem eine Definition vorgebe. Das ist meine grösste Angst.

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