I Feel The Everblack Festering Within Me

I Feel The Everblack Festering Within Me

Nach dem durchschlagenden Erfolg von „Pain Remains“ (2022) meldet sich die Deathcore-Crew Lorna Shore aus New Jersey jetzt mit ihrem fünften Album zurück. Für Sänger Will Ramos war „Pain Remains“ das erste komplette Album mit der Band. Auf „I Feel the Everblack Festering Within Me“ will er jetzt zeigen, dass er wieder liefern kann. „An dieses Album bin ich definitiv mit viel, viel mehr Angst herangegangen, wie ihr euch sicher vorstellen könnt“, gesteht er im Gespräch mit Apple Music. „Alle fragen sich, wie das nächste Lorna Shore-Album wohl klingen wird. Alle erwarten, dass es noch viel besser wird als das letzte. Diesen Druck hast du beim Schreiben immer im Hinterkopf.“ Der Titel „I Feel the Everblack Festering Within Me“ stammt aus einer Zeile des Openers „Prison of Flesh“. „Es geht um die Demenzfälle in meiner Familie“, sagt Ramos. „So eine Häufung von Krankheit ist beängstigend. Man hat das Gefühl, als würde man vor etwas davonlaufen. Diese Zeile ist eine meiner Lieblingszeilen in diesem Song, aber ehrlich gesagt wollten wir einfach nur einen möglichst wilden Namen finden.“ Musikalisch fahren Ramos und der Rest der Crew – Gitarrist Adam De Micco, Schlagzeuger Austin Archey, Bassist Michael Yager und Gitarrist Andrew O’Connor – ihre typische spieltechnische Finesse ein wenig zurück. Dafür bauen sie die klanggewaltige Soundpalette von Lorna Shore weiter aus und setzen sie auf Monster-Grooves, etwa in den Tracks „Unbreakable“, „In Darkness“ und dem von Lamb of God inspirierten „War Machine“. „Uns ging es nicht darum, entweder nur Deathcore oder nur Death Metal zu machen. Oder irgendwelche Erwartungen zu erfüllen“, sagt Ramos. „Letztendlich wollen wir einfach nur gute Musik machen.“ Für uns kommentiert er das Album Track für Track. „Prison of Flesh“ Bei meiner Oma weiß ich überhaupt nicht, wo sie in ihrem Kopf gerade ist. Meine Tante vergisst langsam immer mehr Dinge. In diesem Song personifiziere ich genau diese Dämonen, die einen jagen. Nur dass die Dämonen hier die Leere sind, die sich langsam in einem ausbreitet. Am Höhepunkt, am Ende des Songs, hat dich diese Leere vollständig vereinnahmt, so sehr, dass du nicht mehr weißt, wer du bist oder wer die Menschen um dich herum sind. „Prison of Flesh“ ist meine Ode an alle Menschen mit Demenz und alle Familien, die damit zu kämpfen haben. „Oblivion“ Für mich ist „Interstellar“ der beste Film aller Zeiten. Da gibt es eine Szene, in der die Astronaut:innen zu einem Wasserplaneten fliegen, auf dem es traumhaft schön aussieht, der aber in Wirklichkeit die Hölle ist. Sie begreifen, dass das eine furchtbare Entscheidung war und dass sie sich damit selbst in die Katastrophe manövriert haben. In meinen Augen ein perfektes Beispiel für das, was wir uns selbst und unserem Planeten gerade antun. Irgendwann werden wir zurückblicken und uns fragen: „Was zum Teufel haben wir da nur angerichtet?“ Der Song klingt surreal und engelhaft, aber auch irgendwie trostlos. Eben genau so, wie wir uns gefühlt haben, als wir „Interstellar“ gesehen haben. „In Darkness“ Das ist einer unserer Lieblingssongs, weil er einfach so verdammt gewaltig klingt. Im Grunde ist er für alle Außenseiter:innen da draußen. Ich denke, Metalheads kennen das Gefühl. Sicher, heutzutage sind wir die Coolen, aber früher haben uns die Leute oft komisch angeschaut, weil wir ein bisschen anders waren und die Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllt haben. Wir sind quasi in einem dunklen Tal aufgewachsen. Das ist die Metapher, die mir da in den Sinn kommt. Aber gerade in dieser Dunkelheit sind wir zu dem geworden, was wir sind. Und das ist großartig. „Unbreakable“ Dieser Song klingt so gar nicht nach Lorna Shore. Ich wollte einen Song, auf den die Leute so reagieren wie damals auf Queen und „We Will Rock You“ – alle haben mitgeklatscht, mit den Füßen gestampft, waren einfach Teil der Show. Ich wollte dieses Gefühl von Einigkeit und Geschlossenheit in einem Raum voller Menschen schaffen. Ein Gefühl, das so stark ist, dass man einfach nur überglücklich ist. Der Song soll die Leute zusammenbringen. Für mich sind wir fast wie Diamanten: Der Druck des Lebens hat uns geformt und wir sind zu einem einzigartigen, tollen Menschen geworden, der gleichzeitig perfekt und unvollkommen ist, aber auch unverwüstlich. „Glenwood“ Dieser Song war für mich der wichtigste auf dem Album. Es geht darum, wie ich die Beziehung zu meinem Vater wieder in Ordnung gebracht habe. Als ich aufgewachsen bin, hatten mein Vater und ich ein sehr komisches Verhältnis zueinander. Es gab immer wieder lange Phasen, in denen wir nicht miteinander geredet haben, das letzte Mal sogar viele Jahre lang. Nicht aus Abneigung. Ich glaube, wir waren uns einfach viel zu ähnlich und beide so unglaublich stur, dass wir uns oft wegen Unsinn gestritten haben. Er musste viel arbeiten, war also so gut wie nie zu Hause, und ich habe ihn wirklich kaum gesehen. Natürlich hat er so viel gearbeitet, damit wir in einer schönen Gegend wohnen konnten, aber als Kind versteht man so was nicht wirklich. Man wünscht sich nur, dass er mehr zu Hause ist. Aber jetzt bin ich erwachsen, jetzt verstehe ich es. Dieses Gefühl wollte ich einfangen. „Lionheart“ Dieser Song soll sich anfühlen, als würde man in die Schlacht ziehen. Wir wissen nicht, womit die Welt uns konfrontieren wird, aber wir stellen uns der Herausforderung. Es soll ein extrem motivierender Song sein, als würde man auf einem Pferd direkt in die Hölle galoppieren. Egal welche Prüfungen einen erwarten, man ist bereit, sich ihnen zu stellen. Mit „Unbreakable“ haben wir alle zusammengebracht und mit „Lionheart“ werfen wir uns jetzt gemeinsam in die Schlacht. „Death Can Take Me“ Bei diesem Song geht es darum, in einer Machtposition zu sein. Je älter man wird, desto mehr hat man das Gefühl, dass man verstecken muss, wer man ist und wie es einem geht. Das stumpft dich unglaublich ab. Ich glaube, ich wollte beschreiben, wie wir uns gefühlt haben, als Lorna Shore endlich groß rausgekommen sind. Endlich hatten wir es geschafft, aber dann war es plötzlich, als würden wir auf Eierschalen laufen. Wir wussten, da gibt es Leute, die nur darauf warten, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen und uns alles zu nehmen, was wir erreicht haben. Ich glaube, in so einer Situation sagt man irgendwann „Ich will nicht mehr“. Also endet der Song damit, dass der Protagonist von einem Turm springt und im Grunde einfach sagt: „Ich werde da auf dem Boden aufklatschen und ihr werdet es alle sehen. Und kapieren, dass ihr mich dazu getrieben habt“. „War Machine“ Wir wollten einen Tribut an all die älteren Bands schreiben, die wir in unserer Jugend gehört haben, wie Lamb of God. Das war gar nicht so einfach und hat ziemlich lange gedauert. Wie bei „Unbreakable“ wollten wir uns mit den Vocals ein bisschen zurücknehmen. Statt das Griffbrett zu schreddern, wollten wir Groove. Einen schweren, wütenden Song. Also haben wir es so klingen lassen, als wären wir im Schützengraben. Wir sind sauer. Die Welt hat uns etwas genommen und wir wollen es uns zurückholen. „A Nameless Hymn“ Das ist der Anti-Religions-Song von Lorna Shore. Wir wurden alle christlich erzogen, aber je älter wir wurden, desto mehr haben wir das hinterfragt. Wir haben erkannt, wie viel Heuchelei und Grausamkeit dieser Glaube mit sich bringt – und dass niemand etwas dagegen unternimmt. Wer auf Metal steht, hat sehr wahrscheinlich dem Christentum den Rücken gekehrt. Und daran ist nichts falsch. Also habe ich den Song aus der Perspektive eines frommen Christen geschrieben, der stirbt. Er hat so viel für etwas geopfert, das ihm nichts zurückgegeben hat. In seinen letzten Momenten sucht er nach Erlösung, findet sie aber nicht. Er ist wütend und aufgebracht, wird aber weder gesehen noch gehört. „Forevermore“ Als wir das geschrieben haben, hatten wir das Bild eines Wikingers vor Augen, der einen brennenden Pfeil auf ein Holzschiff schießt, das in den Sonnenuntergang treibt. Adam und ich hatten zu der Zeit beide Trauerfälle im engsten Familienkreis. Für mich war es das erste Mal, dass ich einen Menschen verloren habe, der mir sehr nahestand. Es hat mich total fertiggemacht und ich konnte nicht wirklich trauern, weil ich direkt am nächsten Tag auf Tournee gegangen bin. Er war so jung und es war völlig unerwartet. Also wollte ich einen Song für ihn schreiben. Eine meiner Lieblingszeilen ist „This isn’t goodbye, we’ll meet again on the other side“. Es geht darum, den Verlust endlich zu akzeptieren. Ich bin traurig, dass er gestorben ist. Aber auch froh, dass ich zur gleichen Zeit wie er auf dieser Welt sein durfte und wir so einiges zusammen erleben konnten.