From The Pyre

From The Pyre

„Wir waren voller Energie, Zuversicht und Begeisterung“, erzählt Abigail Morris, Sängerin von The Last Dinner Party, im Gespräch mit Apple Music über die gar nicht so schwierige Entstehung ihres zweiten Albums „From The Pyre“. „Es gab keinerlei Druck von außen. Alles kam von uns selbst, von dem, was uns inspirierte und was uns im Studio begeisterte.“ Nach dem riesigen Hype – und den BRIT Awards – rund um ihr Debütalbum „Prelude to Ecstasy“ aus dem Jahr 2024 gelang das Nachfolgealbum überraschend leicht. Die fünfköpfige Band verwebt schwere Themen und Rückblicke auf vergangene Beziehungen mit Bildern von Natur, Feuer und landwirtschaftlichen Geräten und bewahrt dabei ihren trockenen, schelmischen Witz. „This Is the Killer Speaking“ führt sie ins Terrain klassischer Mörderballaden, während „Inferno“ davon erzählt, wie sie gemeinsam „The Real Housewives“ anschauen, um mit ihrem kometenhaften Aufstieg fertig zu werden. „Das Album wirkt gleichzeitig viel düsterer, ernster und bewusster, was den Zustand der Welt angeht“, sagt Morris. „Aber es ist auch stellenweise ironisch und augenzwinkernd – eben so, wie wir generell mit der Welt umgehen: mit einer Balance aus Absurdität und tiefer Emotion.“ Anfang 2025 taten sich TLDP mit dem Grammy-prämierten Producer Markus Dravs zusammen. „Wir bewunderten seine bisherigen Arbeiten sehr“, sagt Bassistin Georgia Davies. „Er hat mit Florence, Wolf Alice und Björk zusammengearbeitet, und wir dachten: ‚Check, check, check.‘ Diesmal hatten wir nicht alle Songs schon fertig wie beim ersten Album. Es gab Ideenansätze und Songgerüste, die wir gemeinsam im Laufe der Zeit ausgebaut haben, was ein ganz anderer Prozess war. Es hat auch wirklich Spaß gemacht.“ Der letzte Schritt war die Namensfindung für das Album, was bei einem Abendessen mit Sake in Japan passierte. „Ein wirklich eindrucksvoller Titel ist wichtig“, sagt Morris. „Ich liebe das Wort ‚pyre‘ [Scheiterhaufen]. Es klingt so mittelalterlich. Das Album soll eine Art düstere Version von ‚The Canterbury Tales‘ [Geoffrey Chaucers Sammlung von Pilgergeschichten in mittelenglischer Sprache] sein.“ Lies weiter und lass dich von Morris und Davies Track für Track durch „From The Pyre" führen. „Agnus Dei“ Abigail Morris (AM): Ich habe diesen Song in drei Teilen geschrieben, weil ich in eine Person verliebt war und mir vorstellte, mit ihr zusammen zu sein. Wir kamen tatsächlich zusammen und ich schrieb weiter darüber. Als wir uns trennten, habe ich ihn fertiggestellt. Textlich ist es ein schöner Einstieg in das Album, da viele der Songs von Beziehungen handeln. Es geht um die Natur des Musikerdaseins und Liebeslebens. Darum, über Menschen zu schreiben, mit denen man sich verabredet, sie zu mystifizieren und durch Songs unsterblich zu machen. Manchmal schreibt man über eine Person, die man nur einmal getroffen hat, manchmal über eine ganze Beziehung. Ich denke, das ist einfach unsere Art zu kommunizieren, wenn man sich dafür entscheidet, nur mit Musiker:innen auszugehen. „Count The Ways“ Georgia Davies (GD): Das war ein älterer Song. Wir hatten ihn schon fürs erste Album in Arbeit, aber er führte in tausend Sackgassen. Also haben wir ihn fürs zweite Album wiederbelebt. Wir waren in Amerika, hörten viel Arctic Monkeys und dachten: „Oh, das sollte klingen wie AM“. Ich habe das Intro und die Basslinie geschrieben, die sich durch den Song zieht. Es macht total Spaß, das live zu spielen, ich glaube, das wird ein echter Mitsingmoment. Dann hat er sich aufgebaut und am Ende haben wir noch dieses Chor-Outro mit wilden Streichern hinzugefügt. „Second Best“ AM: Die Idee kam von Emily [Roberts, Gitarre] und beruhte auf einer Beziehung, die sie durchgemacht hat. Der Songtext ist wirklich spannend, weil Emily anfing und die Refrains schrieb, Lizzie [Mayland, Gitarre] dann das Intro und ich schließlich die Strophen. Es war also ein Gemeinschaftswerk, das hatten wir noch nie. Emily meinte: „Darum soll es gehen. Interpretiert das.“ Es handelt von dem Gefühl, sich minderwertig zu fühlen, betrogen und enttäuscht zu werden – nicht die Priorität des Menschen zu sein, den man liebt. Eine Art kreatives Schreibexperiment. „This is the Killer Speaking“ AM: Ich war verletzt, verwirrt und wütend, nachdem ich zum ersten Mal geghostet wurde. Also habe ich beschlossen, das Ganze in einer Figur zu verarbeiten, aber mit Humor. Eigentlich war es nur ein Scherz für mich selbst. Ich hörte viel Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Nick Cave und dachte: „Ich will auch so einen Song schreiben.“ Es war leichter, das Ganze ins Lustige zu ziehen, statt wirklich wütend zu werden, weil ich natürlich niemanden umbringen will. GD: Dieser Song hat uns auch geholfen, das Konzept des Albums zu verstehen. Er ist so stark von einer Figur geprägt, und wir fragten uns: Wie passt diese Cowboy-Mordballade zu Songs wie „Agnus Dei“ oder „Inferno“? Durch die Perspektive dieses Songs wurde klar, worum es auf dem Album insgesamt geht. „Rifle“ GD: Lizzie hat den Text geschrieben. Er ist zugleich metaphorisch und wörtlich zu verstehen, weil er von Kriegstreiberei im Allgemeinen handelt. Wenn man ihn heute hört, erkennt man natürlich ganz klar die Bezüge zum Völkermord in Palästina. Aber es geht auch darum, wie es wäre, einen Menschen zu kennen und zu lieben, der später in den Krieg zieht, und welche Wut und Verwüstung das in einer Mutter auslöst. Der Song ist in den Refrains ziemlich wütend, doch diese Wut liegt über einer tiefen Traurigkeit. Wenn dann der französische Mittelteil kommt, wirkt das wie ein Aufklaren, ein kurzer Moment des persönlichen Zwiegesprächs in zweistimmiger Harmonie. „Woman is a Tree“ AM: Auch dieser Song entstand aus dem Wunsch heraus, etwas Bestimmtes zu erreichen: So wie „Killer“ eine Mörderballade war, wollte ich hier einen Folk-Song über Weiblichkeit, weibliche Freundschaften und die Rolle von Männern in deinem Umfeld schreiben. Ich war fasziniert von diesem klassischen Motiv vieler Volksmärchen und Mythen, Frauen mit Natur gleichzusetzen. Daraus lässt sich so viel Bildsprache schöpfen. Der Song sollte atmosphärisch sein, weniger konkret, eher ein Stimmungsbild davon, wie ich Weiblichkeit und Natur in meiner Wahrnehmung miteinander verbinde. „I Hold Your Anger“ AM: Aurora [Nishevci, Keyboard] hat den Song spät im Entstehungsprozess geschrieben, und wir wussten sofort: Der muss aufs Album. Wir sind alle Mitte bis Ende zwanzig. Das ist die Zeit, in der man übers Muttersein, über Familie und Lebensziele nachdenkt und sich davon einschüchtern lässt. Wenn du Kinder willst, musst du entscheiden: Mache ich ein Album oder bekomme ich ein Baby? Beides gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen. GD: Aurora hat gesehen, wie sehr ihre Eltern sich für sie aufgeopfert haben. Der Song handelt von dieser Erwartung und der Angst: Bin ich überhaupt fähig, so selbstlos zu sein und mein ganzes Wesen jemand anderem zu schenken? Was bedeutet es wirklich, Mutter zu sein? „Sail Away“ AM: Den Song habe ich vor etwa vier Jahren mit meinem damaligen Freund geschrieben. Wir hatten Refrain und Text, und zu der Zeit ging es noch nicht um unsere Trennung. Ich versuchte dann, die Strophen zu schreiben, als wir noch zusammen waren, aber nichts passte, bis wir uns getrennt hatten. Ich durfte den Song behalten, also konnte ich ihn vollenden. Die Trennung war stürmisch, und der Song ist mein Versuch, das Beste dieser Beziehung festzuhalten. Auch wenn etwas schlecht endet, ist es schön, die guten Momente würdigen zu können. Es geht um denselben Menschen wie in „Nothing Matters“ [vom Album „Prelude to Ecstasy“], also schließt sich hier auf dem Album der Kreis. Nur dass wir diesmal nicht im Auto sind, sondern auf einem Boot. „The Scythe“ AM: Den Refrain habe ich als Teenagerin für einen anderen Song geschrieben, damals ohne Bedeutung, weil ich noch keine Beziehung erlebt hatte. Vor ein paar Jahren habe ich ihn wiedergefunden und mit mehr Lebenserfahrung weitergeschrieben, und mir wurde klar, dass es eigentlich um Trauer geht. Trauer braucht Jahre, bis man begreift, wie tief sie wirkt. Mein Vater starb, als ich 17 war, und jetzt mit 25 versuche ich immer noch, Worte für diesen Verlust zu finden. Ich schrieb über eine normale Trennung, merkte aber, dass der Song halb aus meiner, halb aus der Perspektive meiner Mutter erzählt ist. GD: Das Schöne, das sich aus der Veröffentlichung dieses Songs ergeben hat, ist, dass unsere Kommentarspalten auf Instagram und YouTube inzwischen zu Orten geworden sind, an denen Menschen ihre eigenen Geschichten über Trauer teilen. Viele schreiben, dass sie sich durch diesen Song getröstet und verstanden fühlen. „Inferno“ AM: „Inferno“ ist mein Lieblingssong auf dem Album, weil es der letzte war, den ich geschrieben habe. Er spiegelt also am besten meine momentane Situation wider. Während einer Tourpause war ich in Paris, spazierte herum und sah im Fenster einer Galerie ein Kruzifix hängen. Es wirkte so völlig fehl am Platz in diesem hell erleuchteten weißen Raum. Der Song handelt vom Chaos der letzten 18 Monate, das der plötzliche Erfolg ausgelöst hat. Es gibt eine Anspielung auf „The Real Housewives“, weil Georgia und ich, wenn wir mal nicht ausgingen, einfach schockiert im Hotelzimmer saßen und schweigend die Sendung anschauten.

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