Unsere Anmerkungen Während Produzent Martin Hannett im März 1980 mit dem Abmischen des zweiten Joy Division-Albums „Closer“ begann, besuchte Peter Hook, der Bassist der Band, gerade eine Hochzeit. Bei seiner Rückkehr nach London, wo das Album in den Britannia Row Studios von Pink Floyd entstand, waren bereits ein paar Songs fertig. „Barney [Bandkollege Bernhard Sumner] konnte es kaum erwarten, mich abzuholen und mir [die Songs] vorzuspielen“, erinnert sich Hook im Gespräch mit Apple Music, „weil er wusste, dass ich mich darüber genauso aufregen würde wie er. Wir sagten: ‚Ohhhh… Martin.‘ Martin sagte nur: ‚Schnauze, ihr zwei Deppen.‘“ Überraschend war das nicht – Hook und Sumner hatten sich schon ein Jahr zuvor über Hannetts karge, mystische Auslegung ihres 1979er-Debüts „Unknown Pleasures“ aufgeregt. Hannett zeigte sich allerdings von den Protesten wie immer unbeeindruckt. Denn obwohl das Album die klanglichen Ansprüche und die emotionale Vielfalt der britischen Rockmusik in der Post-Punk-Ära untermauerte, wollte Hook auf „Closer“ mehr wie die Sex Pistols oder The Clash klingen. „Ich wollte den Leuten mit meiner Gitarre die Rübe wegblasen“, sagt er. „Und ich war komplett auf dem Holzweg. Zum Glück hat Martin Hannett die Tiefgründigkeit unseres Songwritings und die Stärke unserer Songs erkannt. Er hatte das Gefühl, dass man alles etwas zurücknehmen musste, um es verführerischer zu machen.“

Als die Band aus Manchester das erste Mal in den Britannia Row Studios eintraf, hatte sie eine klare Vorstellung davon, wie die neun Songs auf „Closer“ klingen sollten. Alles war in Jam-Sessions entstanden, befeuert von einer „wunderbaren Chemie“, wie Hook es nennt, zwischen ihm selbst, Sumner, Sänger Ian Curtis und Drummer Stephen Morris. Die schwelenden Spannungen mit Hannett – „Barney und mich hielt er für Vollidioten, aber mit Ian war er total auf einer Wellenlänge“ – wurden durch das Angebot an Sound, Ausstattung und Catering, das das Studio bot, aufgewogen. „Ich glaube, uns standen am Tag £1,50 zur Verfügung. Also mussten wir uns wirklich gut überlegen, ob wir lieber ein Bier trinken oder ein Sandwich zu uns nehmen wollten, pro Tag wohlgemerkt“, führt Hook aus. „Wenn Britannia Row zur Tea-Time nicht ein paar Gratis-Sandwiches serviert hätte, wären wir, ehrlich gesagt, wahrscheinlich verhungert.“

Hannett half der Band mit einem stetig anwachsenden Arsenal an Synthesizern dabei, sich von der geballten Wut des Punks zu lösen. Der Produzent erforschte dabei den Raum in der Musik mit Aufnahmetechniken, die er bei Motown abgekupfert hatte. Vollgepackt mit Halleffekten und gespenstischen Sounds ist „Closer“ kälter und brutaler als „Unknown Pleasures“, aber auch melodischer. Angefangen mit dem grotesken Industrial-Geschepper auf „Atrocity Exhibition“ bis hin zum aufwühlenden Doom-Disco-Sound von „Isolation“ setzte das Album neue Maßstäbe für schwermütige Musik. Noch heute jagen Heerscharen von Bands diesem düsteren Sound hinterher. „Immer noch als Inspiration für verschiedene Bands, sei es für The 1975 oder sonst irgendwen, genannt zu werden, ist absolut fantastisch“, sagt Hook. „Und wir wussten nicht einmal, was wir da machten. Wir hatten keinen Schimmer. Wir waren einfach ein verdammter Haufen Idioten, jeder Einzelne von uns. Das ist die Magie des Rock ’n’ Roll.“

Wie Hook und Sumner war auch Curtis nicht sonderlich beeindruckt von dem, was er hörte, als „Closer“ fertig war. In einem Brief an Bandmanager Rob Gretton nannte er es „eine Katastrophe“ und stichelte gegen Hook und Sumner, indem er sie als „hinterhältigen, keifenden Haufen von Wichsern“ bezeichnete. „Wir waren als Gruppe immer noch sehr, sehr ungestüm, kleine Jungs halt“, erinnert sich Hook. Wir haben Ian und Annik [Honoré, eine belgische Journalistin und Freundin von Curtis] in den Wahnsinn getrieben. Sie lebten damals gegenüber [von der Wohnung, in der die Band sich in der Nähe von Marylebone niedergelassen hatte]. Es gab jede Menge Jungenstreiche. Wir waren immer zu Scherzen aufgelegt, was manchmal zu Missverständnissen führte, besonders mit Annik. Sie hatte einfach überhaupt kein Verständnis für unseren nordenglischen Humor. Aber die Aufnahmen zu „Closer“ waren ein wunderbares Erlebnis, abgesehen von Ians Krankheit. Alles hat ein solch schreckliches Ende genommen.“

Curtis, der an schwerer Epilepsie litt, nahm sich kurz nach der Fertigstellung des Albums das Leben, und diese Songs über Desillusionierung und Verzweiflung wurden unweigerlich als Einblicke in seinen Leidensweg interpretiert. „Wenn man es isoliert betrachtet, würde man sagen: ‚Oh Gott, dieser Junge bettelt förmlich um Hilfe‘“, sagt Hook. „Das Ende [des Albums] ist sehr melancholisch. Wenn man heute zurückblickt, könnte man auch sagen: ‚Hör dir mal „The Eternal“ und „Decades“ an. Das ist eine tolle Band, ein toller Mann, der gerade verschwindet.‘ Aber diese Texte sind meistens in so wunderbare Musik verpackt – positive, wütende, starke Musik – dass man sich das Album einfach anhört und sagt: ‚Mein Gott, was für ein tolles Album. Fantastisch.‘ Er konnte es gut verbergen – was seine Einstellung gegenüber allem ganz gut zusammenfasst.“ Während der Produktion von „Closer“ lief es in Curtis’ Ehe immer schlechter und seine epileptischen Anfälle nahmen dermaßen zu, dass er sich nicht mehr traute, seine neugeborene Tochter auf den Arm zu nehmen. Daraufhin bekam er eine geradezu lähmende Ladung von Medikamenten verschrieben. „Es sagt eigentlich alles, dass wir bei den Dreharbeiten zur Dokumentation ‚Joy Division‘ Ians Medikamentenliste einem zeitgenössischen Epilepsie-Experten zeigten und nach dessen Meinung dazu fragten“, erinnert sich Hook. „Der Typ sagte, dass die Mischung ihn garantiert umbringen würde.“

Dennoch sollte „Closer“ als mehr gesehen werden als ein bloßes Abschiedsstatement. Es ist ein glänzendes Denkmal für die Kunst von Curtis und Joy Division. Curtis dabei zusehen zu müssen, wie er mit seiner Krankheit rang, war „angesichts dieser Hilflosigkeit ein fürchterlich schreckliches Gefühl“, erklärt Hook, aber die Entschlossenheit des Sängers verdeckte oft das Ausmaß seines Leidens. Hook erinnert sich daran, wie er Curtis eines Nachts blutüberströmt auf der Toilette des Studios fand, weil dieser sich bei einem seiner Anfälle den Schädel aufgeschlagen hatte. Während Hook ihm noch beim Waschen half, bestand Curtis schon wieder darauf, direkt mit den Aufnahmen fortzufahren. „Er hat sich jeden Moment mit Händen und Füßen dagegen gewehrt“, sagt der Bassist. „Ian war sehr ehrgeizig und absolut zuversichtlich, was Joy Division anging. Nach jedem Auftritt, bei dem er mit Anfällen von der Bühne getragen werden musste, wollte er danach aus der Umkleide nicht ins Krankenhaus gebracht werden oder ins Bett gehen, er wollte losziehen und Party machen. Wir sagten: ‚Das trifft sich ja gut, wir auch.‘ Auf irgendeine seltsame Weise wolltest du – als junger Mann, als Mitglied einer Band, die auf dem besten Wege zu ihrem Durchbruch schien – genau das: dass er dich einfach aus der Verantwortung nahm.“

Curtis starb am 18. Mai 1980 im Alter von 23 Jahren. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, ehe sich die übrigen Bandmitglieder, die sich entschlossen hatten, als New Order weiterzumachen, dazu durchringen konnten, sich „Closer“ anzuhören. „Wir konnten uns nur darauf konzentrieren zusammenzuhalten und alles dafür zu tun, New Order am Leben zu erhalten und voranzubringen“, erklärt Hook. „Und das haben wir nur geschafft, indem wir Joy Division komplett ausgeblendet haben. [In dem Alter] denkst du, jeden Moment könnte jemand kommen und dir alles wegnehmen, wie einem Kind. Denn im Grunde bist du ja noch ein Kind. Es war wichtig für uns, weiterzumachen, uns voll in das reinzuhängen, was wir gerade taten, und die schmerzlichen Erinnerungen einfach zu verdrängen.“ Hook verrät, dass zwei oder drei Jahre vergingen, ehe er sich „Closer“ anhörte: „Mir fiel auf, dass ich nicht die gleiche Verbindung zu dem Album hatte wie zu ‚Unknown Pleasures‘. Ich konnte mir ‚Closer‘ anhören und es tatsächlich genießen – es wurde zu einem meiner Lieblingsalben. Es fühlte sich sehr weit weg von dem an, was es in Wirklichkeit war: Ich konnte es mir anhören und denken, es sei jemand anderes.“

1
6:06
 
2
2:53
 
3
4:46
 
4
3:55
 
5
4:09
 
6
5:51
 
7
4:26
 
8
6:07
 
9
6:11
 

Andere Versionen

Mehr von Joy Division

Im Spotlight