Californian Soil

Californian Soil

Hannah Reid war in keiner guten Verfassung, als London Grammar Ende 2017 mit der Arbeit an ihrem dritten Album begannen. Im Jahr zuvor sammelte das Trio durch die Veröffentlichung des zweiten Albums „Truth Is a Beautiful Thing“ und die anschließende Tour wertvolle Erfahrungen, die ihre Desillusionierung über die Musikindustrie förderten – nicht zuletzt in Form von Sexismus, dem sie regelmäßig begegnete. Die Sängerin und Multiinstrumentalistin lebte außerdem mit der chronischen Schmerzkrankheit Fibromyalgie. Aber gerade wegen dieses Tiefs konnte Reid den Weg zu „Californian Soil“ einschlagen. Da ihr die Energie fehlte, ständig auf externe Meinungen und Erwartungen Rücksicht zu nehmen, konzentrierte sie sich auf das, was sie als Songwriterin ausdrücken wollte – und sagte es deutlicher als je zuvor. „Es war so befreiend“, sagt sie gegenüber Apple Music. „Ich dachte mir: ‚Selbst wenn dieses Album nie veröffentlicht wird oder ich entscheide, dass ich nicht mehr weitermachen möchte, kann ich genauso gut sagen, was immer ich sagen will.‘ Indem ich das tat, fühlte ich, wie eine Menge Kraft zu mir als Person zurückkam.“
Diese uneingeschränkte Einstellung übertrug sich auch auf die Entstehung der Musik. Jamsessions mit den Bandkollegen Dan Rothman und Dot Major brachten das bisher reichhaltigste und experimentierfreudigste Album des Trios hervor, das vom neonbeleuchteten Pop von „How Does It Feel“ bis zur minimalistischen Ballade „America“ reicht. Dazwischen sorgt die Zusammenarbeit mit dem House-Maestro George FitzGerald für tanzbaren Glanz in „Baby It’s You“ und „Lose Your Head“. „Wir haben Dinge gemacht, bei denen wir dachten: ‚Wir werden etwas machen, das die Welt nie hören wird. Lasst es uns einfach für uns machen‘“, sagt Reid. „Wir haben einfach herumgealbert – so entstand etwas Neues.“ Im Folgenden lässt sie uns an der Entstehung teilhaben – Track für Track.
Intro „Dieser Streicherpart schwirrte schon eine ganze Weile herum. Mir war wichtig, dass der Song ein starker Einstieg ins Album ist. In gewisser Weise ist er auch die Antithese zu ‚Californian Soil‘. Ich mag die Tatsache, dass es ein Intro gibt und es direkt in den Beat und den Gitarrenpart [von ‚Californian Soil‘] übergeht. Das ist es, was ich für das Album als Ganzes wollte – eine Gegenüberstellung.“
Californian Soil „Dans Gitarrenpart ist so ungewöhnlich, es ist eine neue Art von Energie im Spiel. Es war, als hätten wir nichts mehr zu verlieren. Natur und Landschaft haben eine ziemlich große Bedeutung in meinen Texten. Das ist nicht so sehr ein Kommentar zu Kalifornien, sondern es sollte um etwas wirklich Schönes gehen, eine Landschaft oder einen Ort. Meine Texte sind allerdings ziemlich dunkel. Ich denke, das ist es, was ich auf dem ganzen Album ausdrücken wollte, und es beginnt mit ‚Californian Soil‘.“
Missing „Wir hatten diesen Song geschrieben, aber dann habe ich einen Spoken-Word-Part darübergelegt. Das hat es nicht aufs Album geschafft, weil es ziemlich lächerlich war. Wir haben dann etwas daraus gemacht, das etwas besser zu London Grammar passt.“
Lose Your Head „Es geht um emotional manipulative Beziehungen und Toxizität. Ich weiß, dass Männer das auch erleben, aber ich habe darüber aus weiblicher Sicht gesprochen. Wirklich alle meine Freundinnen haben so etwas irgendwann einmal erlebt. Manchmal schreibe ich einen Song, der eigentlich von einer Geschichte handelt, die mir jemand anderes, vielleicht ein Freund, erzählt – und genau davon handelt dieser Song.“
Lord It’s a Feeling „Es war die gleiche Sache [manipulative Beziehungen und Toxizität] – ich denke, das hat mich in meinen Zwanzigern und überhaupt meine persönliche Erfahrung mit der Musikindustrie sehr beeinflusst. Es ist eine Art „Fuck you“-Song. Und ich fluche darin, was die Leute von einer netten, gutbürgerlichen Dame nicht erwarten würden. Aber es ergab sich einfach und ich dachte: ‚Beim zweiten Album hätte ich mich dafür wirklich infrage gestellt.‘ Man sich verletzt zeigen, um das zu tun, aber man bekommt dann auch mehr zurück. Denn wenn man etwas macht, in dem sich andere Leute wiederfinden, ist es, als hätte man tatsächlich etwas für jemand anderen getan, anstatt nur einen Song für sich selbst zu schreiben.“
How Does It Feel „Der Song ist sehr ungewöhnlich für London Grammar, denke ich. Er ist viel poppiger. Ich wurde zu einer Schreibsession mit Steve Mac [Co-Autor von Ed Sheeran, Louis Tomlinson und Sigrid] ermutigt und war ein bisschen nervös deswegen. Aber ich dachte mir: ‚Ich werde es tun, denn bei diesem Album geht es um Experimente.‘ Er brachte echt frischen Wind rein. Die Lyrics sind immer noch ziemlich düster, aber ich liebe die Tatsache, dass es Pep hat. Ich hoffe, die Menschen können den Song eines Tages auf einem Festival mitsingen. Es ist wie glücklich und traurig zugleich zu sein.“
Baby It’s You „Dieser Track war einer, den die Jungs zusammen geschrieben haben. Ich tauchte im Studio auf und sie hatten dieses wunderbare Stück Musik gemacht. Als ich es mir anhörte, dachte ich nur: ‚Ah, ich bin gerade auf einem Festival.‘ Es vermittelte mir so ein Gefühl von Verliebtsein, also frisch verliebt sein und so. Die Lyrics ergaben sich auf ganz natürliche Weise.“
Call Your Friends „Diesen Refrain trug ich schon lange mit mir herum. Er hat wieder ein paar verschiedene Versionen durchlaufen. Diese ist eine, zu der ich immer wieder zurückkehre. Ich bin mir nicht sicher, ob wir den Song jemals richtig hinbekommen haben. Es geht darum, verliebt zu sein und sich darin selbst wiederzufinden.“
All My Love „Diesen Song hatte ich auf dem Klavier geschrieben und wir haben ihn dann gemeinsam als Band produziert. Es ist vielleicht einer der kraftvollsten Komposition auf dem Album. Er hat immer noch ein wenig Dunkelheit in sich, aber es geht wieder um die Liebe. Der grandiose Gitarrenpart am Ende ist für mich einer der schönsten, die Dan je geschrieben hat. Da steckt so viel Gefühl drin. Es ist, als wäre die Gitarre eine weitere Stimme – er übernimmt und singt den Rest des Songs. Und die Atmosphäre und die ganze zusätzliche Produktion, für die Dot zuständig war, waren einfach so förderlich für die Stimmung.“
Talking „Dot hat den Pianopart vor ziemlich langer Zeit geschrieben, in weniger als fünf Minuten, fast augenblicklich. Er schwirrte schon im Entstehungsprozess des zweiten Albums herum und ich liebe ihn sehr. Aber niemand sonst war wirklich begeistert. Meinungen von außen ließen uns das Vertrauen in ihn verlieren, aber als ich mir dann noch einmal das Demo anhörte, dachte ich: ‚Das ist unglaublich. Was ist nur los mit uns? Diesmal werden wir es schaffen.‘ Es erinnert mich an das erste Album. Unsere Musik hat sich weiterentwickelt, aber ich bin so froh, dass es auch Momente gibt, die mich an diese Zeit erinnern.“
I Need the Night „Ich weiß nicht wirklich, in welches Genre das hier einzuordnen ist – und ich hoffe, das sich unsere Musik dahin entwickelt hat, ist etwas Gutes. Ähnlich wie bei ‚Californian Soil‘ war es ein Loop von Dan mit einem Beat und einem Gitarrenpart. Gemeinsam als Band haben wir etwas um diesen Loop herum gebaut. Dem Song wohnt eine leichte Americana-Düsternis inne.“
America „Ich weiß nicht wirklich, wie dieser Song entstanden ist, um ehrlich zu sein. Er war einer der ersten, die ich geschrieben habe. Das war an meinem Klavier und ich war dabei sehr emotional. Es ergab sich einfach, der ganze Text kam einfach heraus. Jetzt, wo ich wieder nach diesem Song gefragt werde, frage ich mich: ‚Worum ging es in dem Song?‘ Ich denke, es geht um viele verschiedene Dinge. Er bedeutet mir sehr viel. [Die Grillengeräusche am Anfang sind] so gefühlvoll, weil jeder schon mal erlebt hat, dass man draußen an einem schönen Ort ist und die Grillen für einen singen.“

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