12 Titel, 48 Minuten

UNSERE ANMERKUNGEN

Als Mac Miller und Jon Brion sich zum ersten Mal begegneten, war der Rapper schon schwer mit der Arbeit an „Swimming“ (2018) beschäftigt – dem Album, das Brion später produzieren sollte. „Er kam rein und spielte fünf oder sechs Nummern vor“, erzählt Brion im Gespräch mit Zane Lowe (Apple Music): „Der Großteil ging Richtung Hip-Hop. Es klang großartig, sehr lustig und persönlich – man hörte den Tracks bereits an, dass die gesamte Platte interessant werden würde. Nach einigen dieser Stücke meinte er: ‚Ich habe da noch so andere Sachen, bei denen ich mir nicht sicher bin, was es werden soll.‘“ Diese „anderen Sachen“ waren der Beginn von „Circles“, einem nun posthum erschienenen Album, das für Miller das Gegenstück zu „Swimming“ war, mit dem er neue musikalische Wege ausprobierte, mehr Melodie und Verletzlichkeit wagte als je zuvor. Man spürt eine deutlichere Nähe zu Harry Nilsson als zu Hip-Hop und Brions breitgefächertes Portfolio (Kanye West, Fiona Apple, Janelle Monáe) machte ihn zum perfekten Partner. Unterstützt von Millers Familie vollendete Brion „Circles“ – basierend auf Gesprächen, die die beiden vor Millers Tod im September 2018 führten, mit Elementen von akustischer Percussion, Streichern und zahlreichen Overdubs. Hier erläutert uns der Produzent die Entstehung des Albums, benennt die wichtigsten Tracks und beschreibt die Erfahrung, mit Miller an so einem persönlichen Projekt gearbeitet zu haben.

Circles
„Das hat er mir vorgespielt. Von mir stammen der Besen auf dem Becken und das Vibrafon. Die Selbstreflexion in all seinen Texten ist erstaunlich, besonders in ‚Circles‘ und ein paar anderen Songs auf diesem Album: Man hört ihm dabei zu, wie er seine Charakterzüge akzeptiert – dass er sich entweder nicht in der Lage sieht, sich zu ändern, oder dass er sie als problematisch anerkennt. Man hört das unmittelbar in den Texten: ‚Ich bin so, und andere Leute können oft nicht verstehen, was in mir vorgeht. Aber das ist in Ordnung für mich.‘ Das trifft total den Punkt und hat mich von Beginn an komplett begeistert.“

Complicated
„Diese Vocals waren bereits fertig, wenn ich mich richtig erinnere. Er spielte mir unterschiedlich weit fortgeschrittene Songs vor, die Menge an Songs für zwei Alben, und ich kommentierte sie ungefähr so: ‚Das ist gut. Man muss nur im Bassbereich ein bisschen nachbessern.‘ Fast immer, wenn ich so was sagte, entgegnete er: ‚Bin ich froh, dass du das sagst. Ich wusste bei dem hier einfach nicht, wie es weitergehen soll.‘ Andere Sachen hörte ich und sagte: ‚Ich liebe es. Ich liebe, was du erzählst, die Vocals und der Rhythmus sind toll. In diesem Fall fange ich bei der Hälfte an abzuschweifen, doch das sollen die Hörer nicht tun, denn es ist großartig, was du zu erzählen hast.‘“

Good News
„Er sang ursprünglich über einem sehr minimalistischen Track. Die Lyrics waren unglaublich, aber den Chorus gab es noch nicht. Er sagte: ‚Du solltest ein bisschen was dazu spielen.‘ Ich fragte vorsichtig: ‚Magst du denn die Akkorde?‘ Er verneinte, darauf ich: ‚Okay. Ich fange an zu spielen und immer, wenn dir etwas gefällt, sagst du es mir.‘ Genau so machte ich es schon mit einigen Regisseuren, um zu beobachten, was mir ihre Körpersprache verrät. Er kam in den Regieraum und war total aufgeregt, begann an Ort und Stelle, den Chorus darüber zu singen. Ich saß am Keyboard, schaute hoch zu ihm und sagte: ‚Das ist super, lauf zum Mikrofon.‘ Nach dem ersten Take war er noch ein wenig unsicher, ob das vielleicht nicht ein anderer Song sein sollte. Gottseidank hat er doch noch erkannt, dass es Sinn macht. Das war wiederum etwas, das von ihm stammt, nicht von mir. Ich glaube, ich sagte ihm, als er so vor den Lautsprechern herumstand: ‚Es gibt einen Grund, wieso dir das alles gerade eingefallen ist.‘“

I Can See
„Worte können die heftigen Gefühle kaum beschreiben, aber eines kann ich sagen: Die Woche, in der ich mich durch die Aufnahmen hörte, war Folter und Freude zugleich. Da war das Gefühl von Verlust. Doch dann kam ‚I Can See‘ und ich war überglücklich – es ist grandios in jeder Hinsicht, wie sich dieser Mensch ausdrücken kann. Es wurde wieder zur Folter, weil ich dachte: ‚Wow, dass er so etwas geschaffen hat. Ich hatte bisher keine Gelegenheit, da reinzuhören.‘ Ich könnte hier sitzen und mir den Kopf zerbrechen – hätte ich‘s gehört? Hätte ihn das nervös gemacht? Oder hätte er das für überflüssig gehalten, weil es schon so komplett war? Keine Ahnung. Man kann in vielen Dingen eine Art Vorahnung erkennen. Die Leute werden das auf jeden Fall spüren, denn er konnte sich immer gut selbst reflektieren und hatte keine Angst, darüber zu reden. Neben der Ehrlichkeit des Textes hat mich die Melodie zum Weinen gebracht.“

That’s On Me
„Er war gerade von Hawaii zurückgekehrt. Der Song und sein Vibe haben mich umgehauen. Er sagte meistens: ‚Oh, du solltest einfach alles selbst spielen.‘ Ich sagte: ‚Nein, du machst das super so. Ich werde dich nur begleiten.‘ Nach jedem fertigen Take fragte er, ob es gut war, und alles, was ich sagen konnte, war: ‚Ja, es war toll. Es macht mir riesigen Spaß.‘“

Hands
„Er wollte etwas Großes und Cineastisches, aber wusste nicht, wie man das mit einem einzigen Keyboard-Pad schaffen könnte. Ich sagte: ‚Ich könnte mir Achtelnoten im Dr. Dre-Stil vorstellen, wie er sie immer als Klaviersamples benutzt. Anstatt es als Klavier oder Klaviersample zu machen, lass es uns mit viel verschiedener orchestraler Percussion machen, damit es sich ganz subtil im Verlauf verändern kann.‘ Er meinte, ich solle einfach alles mit hineinnehmen, was ich will. Hier habe ich also viel umsetzen können. Er fand das total spannend, hatte aber keine Ahnung, wie man sowas hinbekommt.“

Once A Day
„Er kam vorbei und spielte ein paar Sachen vor, unter anderem diesen Track. Darin hörte man eine Art Mini-Klavier, das Songwriting war unglaublich. Ich freute mich sehr über seine Besuche, denn es gab immer etwas zu entdecken, nach dem Motto: ‚So was hältst du zurück, ernsthaft?‘ Ich weiß nicht, was da noch alles verborgen liegt, aber diese Nummer war vollendet. Es ist persönlich, es geht dir nahe. Ich musste ihn lange bequatschen, damit er es rausrückt, und tat dann, was ich in Sachen Produktion für notwendig hielt. Ich ging aus dem Zimmer, ließ aber die Tür offen. Ich ging nicht weg, sondern blieb an der Tür. Er legte los, die Vocals entstanden Schritt für Schritt, ich musste gar nicht im Raum sein. Dann hörte ich, dass das Keyboard angepasst werden musste, es musste entweder höher oder tiefer werden. Und ich lief einfach in den Raum und sagte: ‚Sorry, nur eine Kleinigkeit.‘ Ich ging wieder raus, stand im Flur und hörte mir die nächsten Takes an. Deshalb weiß ich genau, dass ich die ganze Sache nicht durch die Brille des Verlustes sehe: Ich heulte wie ein Schlosshund. Ich hörte es zweimal hintereinander, dann steckte ich meinen Kopf durch die Tür und meinte: ‚Hab ein bisschen was gehört, klingt gut. Verdopple nur noch schnell das Keyboard, solange das Band läuft. Okay, cool.‘ Ich ging wieder auf den Flur, heulte weiter, trocknete mir die Tränen, und als ich wieder reinging, kam wie üblich: ‚War das gut? Bist Du sicher, dass nicht du das spielen willst?‘ Vielleicht kapiert der Rest der Welt das alles nicht und ich bin von meiner eigenen Erfahrung geblendet, aber das ist mir völlig egal. Genau so ist es passiert. So habe ich es gesehen und ich finde es großartig. Ich brauche keine weitere Bestätigung.“

UNSERE ANMERKUNGEN

Als Mac Miller und Jon Brion sich zum ersten Mal begegneten, war der Rapper schon schwer mit der Arbeit an „Swimming“ (2018) beschäftigt – dem Album, das Brion später produzieren sollte. „Er kam rein und spielte fünf oder sechs Nummern vor“, erzählt Brion im Gespräch mit Zane Lowe (Apple Music): „Der Großteil ging Richtung Hip-Hop. Es klang großartig, sehr lustig und persönlich – man hörte den Tracks bereits an, dass die gesamte Platte interessant werden würde. Nach einigen dieser Stücke meinte er: ‚Ich habe da noch so andere Sachen, bei denen ich mir nicht sicher bin, was es werden soll.‘“ Diese „anderen Sachen“ waren der Beginn von „Circles“, einem nun posthum erschienenen Album, das für Miller das Gegenstück zu „Swimming“ war, mit dem er neue musikalische Wege ausprobierte, mehr Melodie und Verletzlichkeit wagte als je zuvor. Man spürt eine deutlichere Nähe zu Harry Nilsson als zu Hip-Hop und Brions breitgefächertes Portfolio (Kanye West, Fiona Apple, Janelle Monáe) machte ihn zum perfekten Partner. Unterstützt von Millers Familie vollendete Brion „Circles“ – basierend auf Gesprächen, die die beiden vor Millers Tod im September 2018 führten, mit Elementen von akustischer Percussion, Streichern und zahlreichen Overdubs. Hier erläutert uns der Produzent die Entstehung des Albums, benennt die wichtigsten Tracks und beschreibt die Erfahrung, mit Miller an so einem persönlichen Projekt gearbeitet zu haben.

Circles
„Das hat er mir vorgespielt. Von mir stammen der Besen auf dem Becken und das Vibrafon. Die Selbstreflexion in all seinen Texten ist erstaunlich, besonders in ‚Circles‘ und ein paar anderen Songs auf diesem Album: Man hört ihm dabei zu, wie er seine Charakterzüge akzeptiert – dass er sich entweder nicht in der Lage sieht, sich zu ändern, oder dass er sie als problematisch anerkennt. Man hört das unmittelbar in den Texten: ‚Ich bin so, und andere Leute können oft nicht verstehen, was in mir vorgeht. Aber das ist in Ordnung für mich.‘ Das trifft total den Punkt und hat mich von Beginn an komplett begeistert.“

Complicated
„Diese Vocals waren bereits fertig, wenn ich mich richtig erinnere. Er spielte mir unterschiedlich weit fortgeschrittene Songs vor, die Menge an Songs für zwei Alben, und ich kommentierte sie ungefähr so: ‚Das ist gut. Man muss nur im Bassbereich ein bisschen nachbessern.‘ Fast immer, wenn ich so was sagte, entgegnete er: ‚Bin ich froh, dass du das sagst. Ich wusste bei dem hier einfach nicht, wie es weitergehen soll.‘ Andere Sachen hörte ich und sagte: ‚Ich liebe es. Ich liebe, was du erzählst, die Vocals und der Rhythmus sind toll. In diesem Fall fange ich bei der Hälfte an abzuschweifen, doch das sollen die Hörer nicht tun, denn es ist großartig, was du zu erzählen hast.‘“

Good News
„Er sang ursprünglich über einem sehr minimalistischen Track. Die Lyrics waren unglaublich, aber den Chorus gab es noch nicht. Er sagte: ‚Du solltest ein bisschen was dazu spielen.‘ Ich fragte vorsichtig: ‚Magst du denn die Akkorde?‘ Er verneinte, darauf ich: ‚Okay. Ich fange an zu spielen und immer, wenn dir etwas gefällt, sagst du es mir.‘ Genau so machte ich es schon mit einigen Regisseuren, um zu beobachten, was mir ihre Körpersprache verrät. Er kam in den Regieraum und war total aufgeregt, begann an Ort und Stelle, den Chorus darüber zu singen. Ich saß am Keyboard, schaute hoch zu ihm und sagte: ‚Das ist super, lauf zum Mikrofon.‘ Nach dem ersten Take war er noch ein wenig unsicher, ob das vielleicht nicht ein anderer Song sein sollte. Gottseidank hat er doch noch erkannt, dass es Sinn macht. Das war wiederum etwas, das von ihm stammt, nicht von mir. Ich glaube, ich sagte ihm, als er so vor den Lautsprechern herumstand: ‚Es gibt einen Grund, wieso dir das alles gerade eingefallen ist.‘“

I Can See
„Worte können die heftigen Gefühle kaum beschreiben, aber eines kann ich sagen: Die Woche, in der ich mich durch die Aufnahmen hörte, war Folter und Freude zugleich. Da war das Gefühl von Verlust. Doch dann kam ‚I Can See‘ und ich war überglücklich – es ist grandios in jeder Hinsicht, wie sich dieser Mensch ausdrücken kann. Es wurde wieder zur Folter, weil ich dachte: ‚Wow, dass er so etwas geschaffen hat. Ich hatte bisher keine Gelegenheit, da reinzuhören.‘ Ich könnte hier sitzen und mir den Kopf zerbrechen – hätte ich‘s gehört? Hätte ihn das nervös gemacht? Oder hätte er das für überflüssig gehalten, weil es schon so komplett war? Keine Ahnung. Man kann in vielen Dingen eine Art Vorahnung erkennen. Die Leute werden das auf jeden Fall spüren, denn er konnte sich immer gut selbst reflektieren und hatte keine Angst, darüber zu reden. Neben der Ehrlichkeit des Textes hat mich die Melodie zum Weinen gebracht.“

That’s On Me
„Er war gerade von Hawaii zurückgekehrt. Der Song und sein Vibe haben mich umgehauen. Er sagte meistens: ‚Oh, du solltest einfach alles selbst spielen.‘ Ich sagte: ‚Nein, du machst das super so. Ich werde dich nur begleiten.‘ Nach jedem fertigen Take fragte er, ob es gut war, und alles, was ich sagen konnte, war: ‚Ja, es war toll. Es macht mir riesigen Spaß.‘“

Hands
„Er wollte etwas Großes und Cineastisches, aber wusste nicht, wie man das mit einem einzigen Keyboard-Pad schaffen könnte. Ich sagte: ‚Ich könnte mir Achtelnoten im Dr. Dre-Stil vorstellen, wie er sie immer als Klaviersamples benutzt. Anstatt es als Klavier oder Klaviersample zu machen, lass es uns mit viel verschiedener orchestraler Percussion machen, damit es sich ganz subtil im Verlauf verändern kann.‘ Er meinte, ich solle einfach alles mit hineinnehmen, was ich will. Hier habe ich also viel umsetzen können. Er fand das total spannend, hatte aber keine Ahnung, wie man sowas hinbekommt.“

Once A Day
„Er kam vorbei und spielte ein paar Sachen vor, unter anderem diesen Track. Darin hörte man eine Art Mini-Klavier, das Songwriting war unglaublich. Ich freute mich sehr über seine Besuche, denn es gab immer etwas zu entdecken, nach dem Motto: ‚So was hältst du zurück, ernsthaft?‘ Ich weiß nicht, was da noch alles verborgen liegt, aber diese Nummer war vollendet. Es ist persönlich, es geht dir nahe. Ich musste ihn lange bequatschen, damit er es rausrückt, und tat dann, was ich in Sachen Produktion für notwendig hielt. Ich ging aus dem Zimmer, ließ aber die Tür offen. Ich ging nicht weg, sondern blieb an der Tür. Er legte los, die Vocals entstanden Schritt für Schritt, ich musste gar nicht im Raum sein. Dann hörte ich, dass das Keyboard angepasst werden musste, es musste entweder höher oder tiefer werden. Und ich lief einfach in den Raum und sagte: ‚Sorry, nur eine Kleinigkeit.‘ Ich ging wieder raus, stand im Flur und hörte mir die nächsten Takes an. Deshalb weiß ich genau, dass ich die ganze Sache nicht durch die Brille des Verlustes sehe: Ich heulte wie ein Schlosshund. Ich hörte es zweimal hintereinander, dann steckte ich meinen Kopf durch die Tür und meinte: ‚Hab ein bisschen was gehört, klingt gut. Verdopple nur noch schnell das Keyboard, solange das Band läuft. Okay, cool.‘ Ich ging wieder auf den Flur, heulte weiter, trocknete mir die Tränen, und als ich wieder reinging, kam wie üblich: ‚War das gut? Bist Du sicher, dass nicht du das spielen willst?‘ Vielleicht kapiert der Rest der Welt das alles nicht und ich bin von meiner eigenen Erfahrung geblendet, aber das ist mir völlig egal. Genau so ist es passiert. So habe ich es gesehen und ich finde es großartig. Ich brauche keine weitere Bestätigung.“

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