Beethoven Blues

Beethoven Blues

Dem mehrfach preisgekrönten Pianisten, Singer-Songwriter und TV-Star Jon Batiste liegt die musikalische Welt zu Füßen. Der an der Juilliard School ausgebildete Jazzpianist, der sich als Bandleader bei Stephen Colberts „The Late Show“ einen Namen gemacht hat, konnte mit unzähligen Musiker:innen spielen, von Prince bis Beyoncé. Er hat eine rekordverdächtige Anzahl von Grammys gewonnen (allein fünf im Jahr 2022) und einen Oscar für seine Musik im Disney/Pixar-Film „Soul“ aus dem Jahr 2021 erhalten. Da stellt sich die Frage, warum er sich von all der Musik, der er sein Talent zuwenden könnte, für Ludwig van Beethoven entschieden hat. „Du meine Güte! Da sind die unzähligen Integrationen, der Einfallsreichtum – sowohl aus orchestraler als auch aus kompositorischer Sicht –, allein diese Bandbreite verschiedener Innovationen“, erklärt er Apple Music Classical. „Das in Kombination mit der Anziehungskraft seiner Musik, die Generationen und verschiedenste Spektren von Hörer:innen überspannt, von Klassik-Kenner:innen, über gläubige Menschen, Kinder, Chorsänger:innen bis hin zu Amateurpianist:innen – das ist eine Seltenheit. Beethoven hat eine Ausnahmestellung in Bezug auf den Kanon.“ Aber hier finden wir nicht den Beethoven vor, wie man ihn kennt: In Batistes Händen erfährt das Repertoire des deutschen romantischen Komponisten des späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhunderts eine Neuinterpretation aus der Perspektive des Jazz und von Bluesimprovisationen betrachtet. Schnelle Blue-Note-Läufe erweitern das berühmte „Für Elise“ um einige Feuerwerke; das Thema aus Beethovens fünfter Sinfonie stampft und swingt; und der langsame Satz der siebten Sinfonie (Elegie der siebten Sinfonie) führt uns nahtlos von Stride-Rhythmen zum Shuffle. Man kann es sich wie eine Art Blues-Reise verstehen: „In ‚Waldstein Wobble‘ hat man den Boogie-Woogie, es gibt einen Stride, einen Gospel-Stomp-and-Shout im Up-Tempo, und anschließend geht es in eine Art plagaler, chorähnlicher Interpretation des Themas wie in einer Kirche über“, führt Batiste aus. „Später begibt man sich in zeitgenössischere Blues-Gefilde, wie man es vielleicht von Chick Corea her kennt, vielleicht so wie bei ‚Return to Forever‘.“ Somit lässt sich Batiste auch nicht auf ein bestimmtes Genre oder einen spezifischen Stil festlegen. „Wenn ich meinen Sound klassifizieren wollte, wäre eine der Säulen davon das New-Age-Blues-Klavier“, sagt er. Dies kann man in seiner Keith-Jarrett-ähnlichen Interpretation von Beethovens „Ode an die Freude“ erkennen, eine Realisierung, die dort ansetzt, wo Lauryn Hills Gospel-Darbietung in „Sister Act 2“ endete. Und man findet es auch in den drei Originalwerken dieses Albums, die relativ lose von Beethoven inspiriert sind: „Dusklight Movement“, das den Pathos von Beethovens „Mondscheinsonate“ mit Arvo-Pärt-ähnlichen Arpeggien beschwört, die von Jarrett inspirierte spontane Improvisation „Life Of Ludwig“ und die lyrische Melancholie des Themas aus seiner „American Symphony“, ein Werk, das 2023 in den Fokus eines Dokumentarfilms rückte, der den Verlauf von der Entwurfsphase bis zur Weltpremiere in der Carnegie Hall zeigte. „Ich möchte Beethovens Musik erweitern“, verrät Batiste. „Ich kann mir vorstellen, dass einige Leute kurz vor der Ohnmacht stehen, wenn sie das hören, aber ich halte das für einen schönen Gedanken.“ „Ich höre den Blues bei Beethoven, auch wenn der Blues als solches damals formell noch nicht existierte“, fährt er fort. „Ich höre rhythmische Einflüsse in seiner Musik, die durch die Diaspora zum Blues führten und zur Gospelmusik. War er sich dessen so bewusst, wie wir heute, und dachte sich: ‚Oh, das hier ist eine Blues-Nuance?‘ Nein, sicherlich nicht, weil es das damals noch gar nicht gab. Aber er zog seine Inspiration aus solch einer breiten Palette musikalischer Einflüsse, dass man heute Verbindungen erkennen kann, die damals nicht hätten hergestellt werden können. „Das ist das Schöne daran, Künstler:in im 21. Jahrhundert zu sein. Es gibt eine dermaßen reichhaltige Tradition und ein kulturelles Erbe, mit dem man spielen kann. Wenn man über die Vorstellungskraft verfügt, das zu hören, sowie über die technische Möglichkeit zur Umsetzung, kann man Dinge Realität werden lassen, die es noch nie zuvor gab.“