

Es gibt zwei Orte, die für dieses Album relevant sind. Der erste verleiht ihm seinen Titel: Der Arsenalplatz liegt in Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt, der Heimat von Jassin. Es geht im Titelsong aber nicht nur um den Ort an sich. Es geht vor allem um die Suche nach so etwas wie einem Gefühl, in dem man sich einrichten kann. Der Rapper berichtet von Gesprächen mit seinem Therapeuten und stellt die Frage aller Fragen: „Wieso fühlen sich schlechte Menschen gut und gute sich beschissen?“ Der zweite Ort ist streng genommen ebenfalls ein Zustand: „Dazwischen“ handelt von der Suche nach einer Identität – zwischen Jugend und Erwachsensein, aber auch in der Gesellschaft an sich. Dieses Thema ist der Klebstoff von Jassins Debütalbum. Geboren 2005, wuchs Jassin als Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters in Lutherstadt Wittenberg auf. Die Mischung aus arabischer Musik und deutschem Pop zu Hause sowie frühe Erfolge bei „Jugend musiziert“ führten ihn bald zum Songwriting. Nach einem kurzen Jazzgesangsstudium in Köln begann er 2024, eigene Tracks zu veröffentlichen. Diese bildeten punktgenau seine Erfahrungen ab, erzählten von seinem Leben in Ostdeutschland und vom Aufwachsen unter verschiedenen kulturellen Einflüssen. Bei der Berliner Konzertreihe „Unreleased Berlin“ gelang ihm etwas ganz Besonderes: Als erste:r Künstler:in überhaupt musste er eine Zugabe geben. „Arsenalplatz“ erklärt genau, woher diese Begeisterung rührt: Jassins Songs besitzen etwas sehr Eigenes. Sie pendeln zwischen Hip‑Hop und Songwritertum und verbinden Sprechgesang mit Melodie sowie sanft pulsierende Beats mit Klängen, die eher an Soul und Gospel erinnern und nie Angst davor haben, groß zu klingen. Dazu gewährt er konkrete Einblicke in sein Herz. Da ist das bittersüße „Wann trennt ihr euch“: Hier öffnet Jassin einen Raum zwischen Nähe und Resignation. Mit feinem Gespür für sprachliche Nuancen tastet er sich an Fragen heran, die viele kennen, aber kaum jemand laut stellt. Er tut das, indem er aus dem Alltag berichtet: Er erzählt von der Mutter, die nach der Arbeit nicht mehr Fahrrad fährt, sondern früh schlafen geht. Davon, dass sie mit ihm zum Elternabend geht, der Vater ihn hingegen zum Fußball mitnimmt. Und davon, dass garantiert nichts mehr gut wird: „Sag mir nicht, ihr kriegt das hin / Dass das vorbei ist, sieht jedes Kind.“ In „Aufstehen“ geht es um das bisher Erreichte, um die Bomben auf dem Handybildschirm und im Kopf und um die eigenen Träume. Grandezza balanciert der Rapper dabei mit bissigem Humor aus, etwa im entspannt schwebenden „Sonnenbankflavour“: „Wünsch der Kassiererin ‘nen schönen Tag, sie wünscht nichts zurück / Juckt nicht, ich hab zwei Flaschen versteckt unter meinem Zip-Hoodie“, heißt es hier. Und kurz darauf: „Ich bin noch kein guter Mensch, doch war auch schon ein schlechterer.“ Eines dürfte klar sein: Dass Jassin ein ganz hervorragender Künstler ist, unterstreicht dieses Album deutlich.